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Tertullian († um 220) - Arznei gegen Skorpionstich (Scorpiace)

5. Kap. Durch das Martyrium wird die Sünde und Sündenlust überwunden. Es gehört daher zu den Arzneimitteln, wodurch Gott die Menschheit von der Sünde reinigt und ist dem Brennen und Schneiden eines Arztes zu vergleichen.

Da hast du nun den Willen meines Gottes. Diesem Stiche wäre vorgebeugt. Sehen wir uns den zweiten Stich näher an, jenen in Bezug auf die Beschaffenheit dieses Willens. Der Nachweis, daß mein Gott der gute sei, würde zu lange aufhalten; wir haben die Marcioniten auch schon darüber belehrt1. Vorläufig genügt es, ihn Gott genannt zu haben, um zu dem Glauben genötigt zu [S. 196] sein, er sei gut. Denn wer Gott für böse halten wollte, wird doch beides nicht zugleich aufrecht halten können; entweder muß er ihm den Namen Gott verweigern, wenn er ihn für schlecht hält, oder ihn gut nennen, wenn er ihn als Gott erklärt hat. Also wird auch sein Wille gut sein müssen, da er nur, wenn er gut ist, Gott sein kann. Dafür wird auch die sittliche Güte dessen, was Gott gewollt hat, ich meine des Martyriums, den Beweis liefern; denn Gutes kann er nur, wenn er gut ist, gewollt haben. Ich behaupte also, das Martyrium gilt in den Augen des Gottes, der die Idololatrie verbietet und straft, für gut. Denn Martyrium und Idololatrie sind unversöhnliche Gegensätze. Aber nur Gutes kann einen unversöhnlichen Gegensatz zum Schlechten bilden. Nicht als wollte ich leugnen, daß es sowohl beim Guten als beim Schlechten unter sich Gegensätze gebe; jedoch bei diesem Punkte liegt die Sache anders. Denn das Martyrium steht nicht im Kampfe mit der Idololatrie wegen einer beiden zukommenden Schlechtigkeit2, sondern wegen des ihm eignenden Vorzugs; es befreit nämlich vom Götzendienste. Wer wollte das aber nicht gut nennen, wodurch man von etwas Bösem befreit wird?! Der Gegensatz zwischen Martyrium und Idololatrie ist ja kein anderer als der zwischen Leben und Tod. Dem Martyrium wird ebenso das Leben zugesprochen, wie die Idololatrie als Tod angerechnet wird. Wer das [S. 197] Leben ein Übel nennt, dem bleibt nichts übrig, als den Tod ein Gut zu nennen.

Heilsame Dinge wegzuwerfen und verderbliche Dinge zu sich zu nehmen, das Gefahrbringende zu suchen und das Heilbringende zu meiden, ja sogar lieber nach dem Tode als nach der Heilung zu verlangen - das ist auch eine von den menschlichen Verkehrtheiten. Denn manche verschmähen sogar die Hilfe der Arzneikunde; manche nämlich sind töricht, manche furchtsam, manche haben falsche Scham. Allerdings gibt es auch schauerliche Heilmittel, das Schneiden, das Brenneisen, den beißenden Senf. Und doch ist das Schneiden, das Brennen, das Ausgerecktwerden, das Beißen darum nichts Böses, denn diese Dinge verursachen heilsame Schmerzen. Man wird sich nicht dagegen sträuben, obwohl jene Mittel so sehr angreifen, sondern sie anwenden, weil es notwendig ist, daß sie angreifen. Die Ersprießlichkeit des Verfahrens deckt das Schreckliche desselben zu. Darum wird der, welcher jetzt unter den Händen des Arztes heult, stöhnt und brüllt, sie nachher mit Gold überschütten, ihre edle Kunst preisen und sagen, sie seien nicht schrecklich. So ist auch das Martyrium schrecklich, aber zum Heile. Es muß Gott auch verstattet sein, vermittels Feuer, Schwert und durch alles mögliche Schreckliche den Heilkünstler fürs ewige Leben zu machen.

Du wirst aber den Arzt selbst darin bewundern, daß er Heilmittel anwendet, die mit den Plagen so ziemlich gleiche Beschaffenheit haben, wenn er nämlich, gleichsam in verkehrter Weise, mit dem Hilfe schafft, woran man leidet. Hitze bewältigt er z. B. durch Überbietung der Hitze, Fieberglut löscht er, indem er sie durch Durst noch mehr anfacht, den Überfluß der Galle schränkt er ein durch lauter bittere Tränkchen, und Blutflüsse treibt er durch Aderlaß zurück. Gott aber glaubst du, und zwar als einen Zeloten, anklagen zu müssen, wenn er das Übel an der Ursache fassen und nützen will, indem er mit der Gewalttätigkeit wetteifert, wenn er den Tod durch den Tod aufheben, Mord durch Mord vereiteln, Qualen durch Qualen vertreiben, Hinrichtungen durch Hinrichtungen entkräften will, wenn er das Leben gibt, [S. 198] indem er es nimmt, dem Fleische durch Verwunden hilft und die Seele durch Entreißen derselben rettet. Was du für Verkehrtheit ansiehst, ist sehr vernünftig; was du für Härte ansiehst, ist Güte. Wenn Gott also auf diese Weise durch Zeitliches ewige Heilung herbeiführt, so verherrliche deinen Gott wegen des Nutzens, den du davon hast. Du bist in seine Hände gefallen, aber es geschah zu deinem Glück. Auch er ist in dein Elend gefallen.

Erst macht der Mensch dem Arzt immer zu schaffen; denn er hat sich selbst die Todesgefahr zugezogen. Er war von seinem Herrn, wie von einem Arzte, in eine sehr heilsame Schule genommen worden, da er nach dem Gebote leben sollte, von allem zu essen, von einem Bäumlein allein aber sich zu enthalten, dessen Schädlichkeit vorläufig nur der Arzt selbst kannte. Er hörte aber auf jemand, der ihm besser gefiel, und brach die Enthaltsamkeit. Er aß von dem Verbotenen, und nachdem er sich an der Übertretung gesättigt, überaß er sich zum Tode, würdig fürwahr, gänzlich unterzugehen, da er es gewollt hatte. Allein der Herr hielt mit der schwersten Ahndung des Vergehens an sich, bis er mit der Zeit das Heilmittel bereitet haben würde, und stellte unterdessen die Heilmittel nach und nach zurecht, nämlich die sämtlichen Lehren des Glaubens, welche dem Laster entgegengesetzt sind, das Wort des Todes durch das Wort des Lebens aufheben und das der Übertretung willige Gehör durch den willigen Gehorsam der Hingebung verbessern. So beseitigt denn dieser Arzt, wenn er zu sterben befiehlt, nur den alten Schmutz des Todes. Was beschwert sich der Mensch, jetzt zur Heilung zu leiden, was zu leiden er sich damals aus Sündenlust nicht beschwerte? Mißfällt es ihm, zu seinem Heile getötet zu werden, da es ihm doch nicht mißfiel, sich zu seinem Verderben töten zu lassen? Sollte der vor dem Gegengift Ekel empfinden, der nach dem Gifte so gierig war?

1: In dem genannten Werke gegen die Marcioniten.
2: Nach der Lesart des Agobardinus: martyrium enim non de communi aliqua malitia certat cum idololatria. Die Wiener Ausgabe gab, wie ich glaube mit Unrecht, der anderen Lesart „militia“ statt „malitia“ den Vorzug. Aus dem Vorhergehenden folgt nämlich, daß T. sagen will: Martyrium und Idololatrie streiten nicht so mit einander, wie auch zwei Dinge miteinander streiten können, die beide bös sind, so daß ich sie nämlich beide nicht zur gleicher Zeit befriedigen kann, obwohl ich beiden anhange. So könne z.B. Grausamkeit und Unmäßigkeit oft miteinander streiten, so daß einer der Grausamkeit wegen auf die Unmäßigkeit verzichten muß, obwohl er die Unmäßigkeit liebt. Die Grausamkeit befreit ihn nicht vom Laster der Unmäßigkeit, er besitzt vielmehr beide; das Martyrium dagegen besitzt aus sich den Vorzug, daß es von der Idololatrie befreit; deshalb kann es nur gut sein.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger