Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Tertullian († um 220) - Arznei gegen Skorpionstich (Scorpiace)

11. Kap. Auch Matth. 10, 39 ist nicht allegorisch zu verstehen. Indem die Häretiker gut verbürgte Wahrheiten nicht gelten lassen wollen, glauben sie dafür allerlei Unerwiesenes.

Nach derselben Regel, behaupten wir, bezieht sich auch das Folgende auf das Martyrium. "Wer sein Leben", heißt es, "mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert"1, d. h. wer es vorzieht, zu leben und mich zu verleugnen, statt mich zu bekennen und zu sterben. Und: "Wer sein Leben findet, der wird es verlieren, wer es aber um meinetwillen verliert, der wird es finden," Mithin findet es der, welcher leugnet, um sein Leben zu profitieren; allein er verliert es dennoch - an die Hölle - wenn er meint, durch sein Leugnen es zu gewinnen. Der aber, welcher bekennt und getötet wird, verliert es für den Augenblick; doch er wird es wieder finden zum ewigen Leben. Daher sagen sogar die Präsidenten, wenn sie zum Ableugnen ermuntern wollen: "Erhalte doch dein Leben", oder: "Vernichte doch dein Leben nicht!" Wie würde Christus wohl sprechen? Nur so, wie der Christ behandelt werden soll. Wenn aber Christus verbietet, auf eine Antwort vor dem Richter zu sinnen, so belehrt er seine Diener, verheißt ihnen, der Hl. Geist werde antworten, und wenn er will, daß der Bruder im Kerker besucht werden soll2, so befiehlt er damit eine Fürsorge für die Bekenner, und wenn er versichert, Gott werde Rache üben für seine Auserwählten3, so ist das ein Trost für ihre Leiden. Auch in dem Gleichnis von dem Samen, der neben das Ackerland fiel und vertrocknete, versinnbildet er die Glut der Verfolgung. Wenn diese Aussprüche nicht so genommen werden, wie sie lauten, dann haben sie offenbar neben dem Wortlaut einen andern Sinn, und die Worte besagen etwas anderes als die Gedanken, wie bei Allegorien, Parabeln und Rätseln.

Mögen also jene Skorpione noch so empfänglich sein für jede Art windiger Sophistik, mögen sie ihren Stachel bald hier, bald dort ansetzen - es gibt nur einen Kampfplatz: Sie werden auf die wirklichen Dinge verwiesen, ob sie schriftgemäß sich vollziehen. Denn nur dann wird in Stellen der Hl. Schrift ein allegorischer [S. 219] Sinn vorliegen, wenn sich die Sache selbst in der Wirklichkeit nicht findet. Was geschrieben steht, wird auch geschehen müssen. Ferner, was geschrieben steht, wird dann geschehen, wenn nichts anderes geschieht. Und siehe da, wir werden wirklich von allen Menschen um seines Namens willen gehaßt, wie geschrieben steht; wir werden von unsern nächsten Angehörigen ausgeliefert, wie geschrieben steht; vor die Gewalthaber gestellt, verhört und gemartert bekennen wir und werden getötet, wie geschrieben steht. So hat der Herr es verkündet. Wenn er dies anders gesagt hat, warum kommt das, was er gesagt hat, nicht anders, d. h. so, wie er gesagt hat?4 Nun aber kommt es eben nicht anders, als er gesagt hat. Also wie es geschieht, so hat er es angekündigt, und wie er es angekündigt hat, so geschieht es. Es hätte auch gar nicht anders kommen dürfen, als er ausgesagt hat, und er hätte auch nichts anderes sagen können, als was er wollte, daß kommen sollte. Mithin werden die Schriftstellen nichts anderes bedeuten, als das, was wir in der Wirklichkeit wiederfinden. Gehen aber die angekündigten Ereignisse jetzt noch nicht vor sich, wie kommt es dann, daß das, was sich wirklich ereignet, nicht angekündigt ist? Denn das, was sich wirklich ereignet, ist nicht verkündet, wenn das, was verkündet wurde, etwas anderes ist als das, was sich wirklich ereignet. Jetzt aber, weil die Ereignisse mit den Worten übereinstimmen, meint man, letztere seien allegorisch gemeint. Was würde erst geschehen, wenn die Ereignisse anders vor sich gingen?!

Aber darin gerade besteht die Verirrung im Glauben, Bewiesenes nicht zu glauben und nicht Bewiesenes [S. 220] anzunehmen. Dieser Verirrung stelle ich noch folgende Bemerkung entgegen: Wenn diese Dinge, die so vor sich gehen, wie geschrieben steht, nicht die angekündigten sind, dann dürfen auch die andern Dinge5 nicht so vor sich gehen, wie geschrieben steht, so daß auch sie nach Analogie der ersteren Gefahr laufen ebenfalls abgewiesen zu werden. Wenn einmal anders die Fakta sind, anders die Worte, so bleibt nichts übrig, als sie bei ihrem Eintreffen für nicht angekündigt zu halten, wenn sie anders angekündigt werden, als sie eintreffen. Und wie soll man an Dinge glauben, die nicht verkündet worden sind, deshalb eben nicht verkündet worden sind, weil sie nicht so verkündet worden sind, wie sie sich ereigneten?! So kommt es, daß die Häretiker, was verkündet wurde, nicht glauben, so eben nicht, wie es durch die Wirklichkeit verbürgt ist, dafür aber Dinge glauben, die nicht einmal angekündigt worden sind.

1: Matth. 10, 39. Luk. 14, 26.
2: Matth. 25,36.
3: Luk. 18,7.
4: Si alter edixit haec, cur non aliter eveniunt quae edixit, id est quemadmodum edixit? Kellner übersetzt: id est – edixit, „sondern so, wie er es gesagt hat“. Damit wird aber der Sinn der Argumentation verwischt. In etwas breiterer Ausführung, die übrigens bei ihm nicht selten ist, erörtert T. den Gedanken: Es muß sich so vollziehen, wie es verkündet worden ist, und es ist so verkündet worden, wie es sich vollzieht; id est etc. bezieht sich zurück auf „si aliter edixit“. Wenn Christus es „aliter edixit“ müßte es auch „aliter evenire“, da es sich so vollziehen muß, wie er es verkündet hat.
5: Nach der Wiener Ausgabe, die „alia quoque“ statt „illa quoque“ setzt.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. . 1. Kap. Die Gnostiker ...
. . 2. Kap. Angabe des ...
. . 3. Kap. Strafgerichte, ...
. . 4. Kap. Schon aus dies...
. . 5. Kap. Durch das Mart...
. . 6. Kap. Die Gefahren, ...
. . 7. Kap. Man darf also ...
. . 8. Kap. Es war von ...
. . 9. Kap. Auch für die ...
. . 10. Kap. Die Gnostiker ...
. . 11. Kap. Auch Matth. ...
. . 12. Kap. Die Schüler ...
. . 13. Kap. Damit harmonieren ...
. . 14. Kap. Das Martyrium ...
. . 15. Kap. Sind die auf ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger