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Tertullian († um 220) - Apologetikum (Apologeticum)

9. Kap. Bei den Heiden dagegen werden Dinge, wie man sie den Christen aufbürdet, tatsächlich geübt.

Damit meine Widerlegung um so schlagender sei, will ich zeigen, daß Derartiges bei euch teils öffentlich, teils im geheimen verübt wird, was vielleicht der Grund ist, warum ihr es auch von uns geglaubt habt, Kinder wurden in Afrika dem Saturn öffentlich geopfert bis zum Prokonsulat des Tiberius, der die Priester selbst an denselben Bäumen ihres Tempelhains, welche diese Verbrechen mit Schatten bedeckten, wie an ebensovielen Votivkreuzen lebendig aufhängte. Zeuge dessen ist die Kriegstruppe meines Vaters, die dem genannten Prokonsul bei dieser Verrichtung ihren Dienst leistete. Im geheimen aber besteht die Übung dieser sakralen Schandtat auch jetzt noch fort. Nicht die Christen allein verachten euch; auch wird kein Verbrechen für ewige Zeiten ausgerottet, noch ändert seine Gewohnheiten irgendein Gott. Da Saturn seine eigenen Söhne nicht geschont hat, so blieb er seiner Sitte treu, indem er fremde natürlich auch nicht schonte, indes solche, welche die eigenen Eltern ihm darbrachten. Sie sprachen gern die Weiheformel, sie liebkosten die Kleinen, damit sie nicht weinten, wenn sie geopfert würden. Und doch ist ein großer Unterschied zwischen Mord und Verwandtenmord. Leute hohen Alters wurden bei den Galliern dem Merkur geopfert. Die Erzählungen aus Taurus überlasse ich den Theatern, Siehe, in der so religiösen Stadt der frommen Äneaden ist ein Jupiter, den man zur Zeit seiner Spiele mit Menschenblut wäscht."Es ist ja das Blut eines Tierkämpfers", werdet ihr sagen. Das ist, dünkt mich, weniger als Menschenblut. Oder ist es nicht darum noch schändlicher, weil es das Blut eines schlechten Menschen ist? Jedenfalls wird es doch infolge eines Mordes vergossen. Oho! der Jupiter ist Christ, und der einzige Sohn seines Vaters infolge von dessen Grausamkeit!

Jedoch da es beim Kindermord keinen Unterschied macht, ob er zum Zweck eines Opfers oder aus Willkür geschieht - in Bezug auf den Umstand aber, ob er Verwandtenmord ist, ist ein Unterschied vorhanden -, so wende ich mich an das Volk. Wie viele von den hier Herumstehenden, die nach dem Blute der Christen lechzen, oder sogar von euch, ihr gerechten und gegen uns so gestrengen Präsidenten, wollt ihr, daß ich in ihrem Gewissen treffen soll als solche, welche die ihnen geborenen Kinder töten? Wenn aber auch noch die verschiedene Art des Todes nicht gleichgültig ist, so entreißt ihr ihnen jedenfalls auf eine grausamere Weise das Leben, entweder durch Wasser oder setzt sie der Kälte, dem Hungertode oder den Hunden aus; denn durch das Messer zu sterben, würde auch das reifere Alter vorziehen. Wir aber dürfen, da der Mord uns ein für allemal verboten ist, auch den Fötus im Mutterleibe, während noch das Blut zur Bildung eines Menschen absorbiert wird, nicht zerstören. Die Geburt verhindern ist nur eine Beschleunigung des Mordes, und es verschlägt nichts, ob man ein schon geborenes Leben entreißt oder ein in der Geburt begriffenes zerstört. Was erst ein Mensch werden soll, ist schon ein Mensch; ist ja doch auch jede Frucht schon in ihrem Samen enthalten.

Hinsichtlich des Blutgenusses und dergleichen Fabeln der Tragödie leset nach, ob nicht irgendwo - ich meine, es ist bei Herodot - erzählt wird, daß gewisse Nationen zur Abschließung von Bündnissen den Armen entzogenes und gegenseitig verkostetes Blut verwenden? Unter Catilina hat man auch etwas Derartiges, ich weiß nicht recht was, verkostet. Wie man sagt, wird bei gewissen skythischen Völkerschaften jeder Verstorbene von den Seinigen verzehrt. Ich entferne mich etwas zu weit. Heutzutage gibt es hier bei uns blutig Geschnittene zu Ehren der Bellona. Das mit der hohlen Hand aufgefangene und zum Genüsse gereichte Blut weiht ein. Wo sind diejenigen, welche gegen ein Stück Geld das frische Blut der in der Arena umgebrachten Verbrecher, wenn es aus der Kehle fließt, auffangen und es wie versessen auffangen, um damit die fallende Sucht zu heilen? Ebenso die, welche von den wilden Tieren aus der Arena sich eine Mahlzeit bereiten, die vom wilden Eber, vom Hirschen begehren? Und jener Eber hat im Kampfe den, welchen er blutig verletzt hat, abgewischt, und jener Hirsch hat im Blute des Gladiatoren gelegen. Sogar der Wanst des Bären, der noch mit Menschengedärmen vollgestopft ist, wird begehrt. Mensehen haben das Aufstoßen von einem Fleische, das mit Menschenfleisch genährt wurde. Ihr, die ihr dergleichen esset, wie weit seid ihr denn von den "Mahlzeiten der Christen" entfernt?!

Ist es vielleicht etwas Geringeres, was jene tun, die in wilder Lust nach menschlichen Gliedern ihr Maul aufsperren, weil sie Lebendige verschlingen? Werden sie etwa weniger durch Menschenblut zur Unfläterei eingeweiht, weil sie etwas lecken, was Blut werden wird? Sie verschlingen fürwahr nicht Kinder, sondern vielmehr Erwachsene. Eure Verirrung möge schamrot werden vor uns Christen, die wir nicht einmal Tierblut unter unsern Speisegerichten haben und uns deshalb von Ersticktem und Krepiertem enthalten, damit wir auf keine Weise mit Blut befleckt werden, auch nicht einmal mit dem im Leibe verborgenen. Zur Quälerei der Christen bringt ihr ja auch noch Blutwürste herbei, sicherlich doch in der festen Überzeugung, daß gerade das bei ihnen verboten sei, wodurch ihr sie vom rechten Wege abbringen wollt. Wie soll ich es aber qualifizieren, wenn ihr glaubt, die, von denen ihr überzeugt seid, daß sie Tierblut verabscheuen, Seien nach Menschenblut begierig? Es müßte denn sein, daß ihr das letztere etwa selber schmackhafter befunden habt. Gerade Menschenblut und nichts anderes sollte man daher als Probiermittel bei den Christen anwenden in derselben Weise, wie das Brandaltärchen und die Schale mit Räucherwerk. Denn geradeso würden durch das Verlangen nach Menschenblut die Christen als Christen erwiesen werden, wie Sie als solche durch die Verweigerung des Opfers erwiesen, werden, und umgekehrt darf man sie nicht für solche halten, wenn sie es nicht verkosteten, wie man sie nicht für solche hält, wenn sie opferten. Sicher wird es euch beim Verhör und der Verurteilung der Eingekerkerten nicht an Menschenblut fehlen.

Ferner, wer begeht mehr Blutschande als diejenigen, welche Jupiter selbst zum Lehrer hatten? Ktesias berichtet, daß die Perser sich mit ihren Müttern geschlechtlich verbinden. Aber auch die Mazedonier sind dessen verdächtig, weil sie, als sie zuerst die Tragödie "Oedipus" hörten, seinen Schmerz über die geschehene Blutschande verlachten und riefen: 'Hlaune, ei0j th_n mhte/ra. Wohlan, bedenkt, welch großen Spielraum zur Herbeiführung von Blutschande eure Verirrungen haben, indem die unterschiedslos getriebene Unzucht reichlich die Werkzeuge dazu liefert! Erstens setzt ihr die Kinder aus, damit sie von einem vorübergehenden Fremden aus Mitleid aufgehoben werden, oder ihr entlaßt sie aus eurer Gewalt, damit sie von bessern Eltern adoptiert werden. Es ist nun unausbleiblich, daß bisweilen die Erinnerung an die Veränderung der Familienangehörigkeit verwischt wird. Sobald aber der Irrtum sich befestigt hat, wird von der Zeit an bereits das Vermittlungsglied für die Blutschande immer reichlicher vorhanden sein, indem die Familie samt dem Verbrechen sich ausbreitet. Dann ist weiterhin die Wollust an jedem Orte, zu Hause, in der Fremde und über See eure Gefährtin. Ihre stete und wahllose Befriedigung kann leicht irgendwo, selbst schon aus einem nur flüchtigen Geschlechtsverkehr, Kinder hervorrufen, ohne daß die Erzeuger selbst es erfahren. Infolge davon trifft dann die so gesäete Nachkommenschaft durch den Verkehr der Menschen mit ihren Blutsverwandten wieder zusammen, und keiner erkennt sie als solche, weil er von der sündhaften Blutsgemeinschaft keine Ahnung hat; Wir sind vor solchen Vorkommnissen durch die sorgfältigste und treueste Keuschheit gewahrt, und so sicher wir vor Hurerei und jeder Ausschreitung nach der Ehe sind, ebenso sicher sind wir vor dem Eintreten der Blutschände. Manche halten die ganze Macht dieser Verirrung noch viel sicherer durch jungfräuliche Enthaltsamkeit von sich fern; als Greise sind sie noch (rein) wie die Kinder.

Wenn ihr erwogen hättet, daß solche Dinge bei euch vorkommen, so würdet ihr daraus erkannt haben, daß sie sich bei den Christen nicht finden. Dieselben Augen hätten euch beides kundgemacht. Allein beide Arten der Blindheit treffen leicht zusammen: wer nicht sieht, was ist, glaubt dafür zu sehen, was nicht ist. So will ich es bei allen Punkten zeigen. Jetzt zu den Dingen, die offenbar sind.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger