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Tertullian († um 220) - Apologetikum (Apologeticum)

48. Kap. Kurze Verteidigung der Lehre von der Auferstehung.

Wohlan! Gesetzt, irgendein Philosoph behaupte, wie Laberius auf Grund der Meinung des Pythagoras angibt, der Mensch entstehe aus dem Maultiere, und aus dem Weibe eine Schlange, und er wüßte mit seiner Zungenfertigkeit alle Beweise zugunsten dieser Behauptung zuzustutzen, wird er nicht Zustimmung finden und Glauben erwecken? Manch einer möchte sogar der Überzeugung sein, er müsse sich von Fleischspeisen enthalten, um nicht etwa einmal Ochsenfleisch von einem seiner Urgroßväter zu verspeisen. Aber freilich, wenn der Christ verheißt, aus dem Menschen solle wieder ein Mensch und sogar aus dem Cajus wieder der Cajus werden, so sucht man ihn sofort an Ort und Stelle zu bepissen, und vom Volke wird er weggesteinigt und nicht etwa bloß weggestäupt werden, als ob nicht jeder Vernunftgrund, der für die Rückkehr menschlicher Seelen im Körper vorliegt, fordere, daß sie in dieselben Körper zurückversetzt werden, denn das gerade heißt "zurückversetzt werden", nämlich das sein, was sie waren. Denn wenn sie nicht das sind, was sie waren, das heißt, wenn sie nicht Seelen sind, die einen menschlichen und denselben individuellen Körper angenommen haben, so sind sie auch selbst schon nicht mehr, was sie waren. Wie aber in aller Welt kann man von ihnen sagen, sie seien zurückgekehrt, wenn sie selbst nicht mehr dieselben sind? Entweder sind sie etwas anderes geworden, und dann sind sie nicht mehr dieselben, oder sie bleiben dieselben, und dann können sie unmöglich etwas anderes geworden sein, Ich müßte auch mit Muße eine Menge Stellen beibringen, wenn ich nach der Richtung hin scherzende Erörterungen anstellen wollte, wer in ein Tier und in welches ein jeder verwandelt zu sein schien. Aber es trägt mehr zu unserer Verteidigung bei, wenn wir vor Augen stellen, es sei doch schlechthin viel glaubwürdiger, daß aus dem Menschen wieder ein Mensch zurückkehren werde, Mensch für Mensch, wofern es nur ein Mensch ist, so daß also die Seele, ihre Seinsbeschaffenheit bewahrend, wenn auch nicht in dieselbe Gestalt, so doch sicher in denselben Seinszustand zurückversetzt wird. Weil aber der Grund der Wiederherstellung in der Bestimmung zum Gericht liegt, so wird notwendig genau derselbe, der früher war, vorgeführt werden müssen, damit er das Urteil über seine guten und schlechten Werke, wie er es verdient hat, von Gott empfange. Folglich werden auch die Leiber vorgeführt werden müssen, weil einerseits die Seele allein ohne eine feste Materie, d, h. ohne das Fleisch, nichts erleiden kann, und andererseits überhaupt die Seelen dem Gerichte Gottes gemäß das erleiden müssen, was sie nicht ohne das Fleisch verdient haben, da sie mit ihm vereinigt alles vollbrachten.

Aber wie kann, wendet man ein, die aufgelöste Materie wieder vorgeführt werden? Betrachte dich selbst, o Mensch, und du wirst den Glauben daran finden. Bedenke, was du gewesen bist, ehe du warst. Offenbar nichts; denn, wenn du etwas gewesen wärest, so würdest du dich daran erinnern. Du also, der du, bevor du wurdest, nichts warst, und der du demselben Nichts angehören wirst, wenn du zu sein aufhörst, warum solltest du durch den Willen desselben Schöpfers, der dich aus dem Nichts entstehen machte, nicht nochmals aus dem Nichts entstehen? Nichts Neues also wird dir passieren. Du warst nicht und bist geworden, und wiederum wirst du werden, wenn du nicht mehr bist. Erkläre, wenn du kannst, wie du geworden bist, und dann suche zu erklären, wie du wieder werden wirst. Und doch wird es sicherlich leichter sein, daß du wieder wirst, was du schon einmal gewesen bist, da es gleich unschwer war, daß du wurdest, was du noch niemals warst.

Darf man aber, meine ich, an der Macht Gottes zweifeln, der da diesen so großen Weltkörper aus dem Nichtsein, was nicht weniger ist wie aus dem Tode der Öde und Leerheit, hervorgezogen und hingestellt hat, der vom Geiste, der aller Dinge Gestalten ist, durchhaucht und der sogar durch denselben Geist zum ausdrucksvollen Vorbild der menschlichen Auferstehung gestaltet ist, euch zum Zeugnis? Das Tageslicht, das erstorben ist, erglänzt jeden Tag wieder; die Finsternis weicht und kehrt wieder in gleichem Wechsel; die erblichenen Gestirne gewinnen wieder Leben, die Zeitperioden fangen wieder an, sobald sie aufgehört haben; die Früchte werden zeitig und vergehen wieder; die Samen erheben sich sicher nur dann, wenn sie verwest und aufgelöst sind, wieder zu größerer Fruchtbarkeit. Alles wird dadurch erhalten, daß es untergeht; alles wird infolge des Unterganges wieder hergestellt. Und du, o Mensch, ein so erhabenes Wesen, wenn du dich, selbst nur von der Aufschrift des Pythischen Gottes" lernend, erkennst, du, der Herr aller sterbenden und wiedererstehenden Dinge, du solltest nur darum sterben, um vernichtet zu bleiben? Nein, du wirst wiedererstehen, wo immer du auch aufgelöst worden sein solltest, welche Materie dich auch immer zerstören, verzehren, verschlingen, ins Nichts versetzen wird, sie wird dich wieder herausgeben. Demselben, dem das All zugehört, gehört auch das Nichts.

Demzufolge, höre ich euch nun sagen, muß man immerfort sterben und immerfort wieder erstehen! Ja, wenn der Herr der Welt es so bestimmt hätte, so würdest du, magst du wollen oder nicht, das Naturgesetz deiner Erschaffung an dir erfahren. Nun aber hat er es nicht anders bestimmt, als er es kundgetan hat. Dieselbe Weisheit, welche das Weltall aus Gegensätzen gebildet hat, so daß alles aus gegensätzlichen Substanzen unter der Herrschaft der Einheit bestehen sollte, aus dem Leeren und Festen, aus dem Belebten und dem Leblosen, aus dem Faßbaren und dem Unfaßbaren, aus Licht und Finsternis, sogar aus Leben und Tod - dieselbe Weisheit hat auch die Dauer der Welt so geschieden und auf Grund der Scheidung verknüpft, daß der gegenwärtige erste Teil, den wir vom Anfange der Dinge an als Bewohner innehaben, in zeitlicher Dauer abfließt und ein Ende nimmt, der zweite aber, den wir noch erwarten, in eine unendliche Ewigkeit sich fortsetzt. Sobald also das Ende und die Grenzscheide, welche trennend in der Mitte steht, gekommen sind, so daß auch die in gleicher Weise zeitliche Gestalt dieser Welt, welche nur nach Art eines Vorhanges vor jene Gestaltung in der Ewigkeit gespannt ist, umgewandelt wird, dann wird auch das Menschengeschlecht wieder erneuert, damit voll ausgezahlt werde, was es in dieser Zeitlichkeit an Gutem oder Bösem verdient hat, um es von da an die ganze unermeßliche Dauer der Ewigkeit hindurch abzubezahlen.

Darum gibt es dann auch keinen weiteren Tod mehr und keine wiederum stattfindende Auferstehung, sondern wir werden dieselben sein, die wir jetzt sind, und nicht andere nachher, und zwar die Verehrer Gottes bei Gott, überkleidet mit der der Ewigkeit eigenen Substanz, die Gottlosen dagegen und die, welche sich nicht gänzlich zu Gott gehalten, in der Strafe eines ebenfalls ewigen Feuers; sie besitzen nämlich die Unvergänglichkeit aus der Natur dieses Feuers, selbstverständlich durch göttliche Zuteilung. Die Verschiedenheit jenes geheimnisvollen Feuers vom gemeinen war auch den Philosophen bekannt. Ganz anders ist das Feuer, welches zu menschlichem Gebrauche, und ganz anders jenes, welches zur Vollstreckung eines Gerichtes Gottes dient, mag es nun vom Himmel Blitze schleudern oder aus der Erde durch Berggipfel herausquellen; es zehrt nämlich das, an dem es flammet, nicht auf, sondern stellt wieder her in dem Maße wie es zerstört. Daher bleiben die Berge, obwohl sie immer im Feuer stehen, und wer durch Feuer vom Himmel getroffen wird, bleibt unverletzt, so daß er durch kein Feuer mehr ganz zu Asche wird. Das ist ein Beweis für das ewige Feuer, das ein Vorbild des ewigen Gerichtes, das sein Opfer ernährt: die Berge brennen und bleiben bestehen. Wie wird es den Schuldbeladenen und Feinden Gottes ergehen?

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger