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Tertullian († um 220) - Apologetikum (Apologeticum)

16. Kap. Die Vulgärvorstellungen der Heiden über den Gott der Christen. Was der Christengott nicht ist.

Denn nach dem Vorbild gewisser Leute habt ihr geträumt, ein Eselskopf sei unser Gott. Diesen Verdacht eines solchen (Gottes) hat Cornelius Tacitus aufgebracht. Im vierten Buche seines Geschichtswerkes über den jüdischen Krieg beginnt er mit dem Ursprung besagten Volkes, und, nachdem er über Ursprung, Namen und Religion des Volkes nach Willkür berichtet hat, erzählt er, daß die Juden, aus Ägypten befreit oder, wie er glaubt, ausgewiesen, in den wüsten und wasserlosen Gegenden Arabiens von Durst ermattet sich der Waldesel, von welchen sie vielleicht vermuteten, daß sie nach der Weide zur Tränke liefen, zur Auffindung einer Quelle bedienten, und daß sie wegen dieser Wohltat das Abbild eines verwandten Tieres zur Gottheit machten. Daher ist, meine ich, die Vermutung entstanden, daß wir, als der jüdischen Religion nahestehend, zum Dienste desselben Götterbildes eingeweiht würden. Aber derselbe Cornelius Tacitus - er ist wirklich in seinen Lügen sehr redselig - erzählt doch selbst in demselben Geschichtswerke, daß Gnäus Pompejus, da er Jerusalem eingenommen hatte und, um die Heimlichkeiten des jüdischen Kultus aufzuspüren, den Tempel betrat, dort kein Götterbild gefunden habe. Wenn aber etwas bildlich Darstellbares verehrt wurde, so hätte es sich doch gewiß nirgends sicherer als in diesem seinem Heiligtum vorfinden müssen, um so mehr, als jener Kultus, mochte er noch so töricht sein, gar nicht einmal zu fürchten brauchte, fremde Lauscher zu haben. Denn nur den Priestern war der Zutritt gestattet, den übrigen war durch einen vorgespannten Vorhang sogar der Einblick versagt. Was euch betrifft, so werdet ihr doch wohl nicht leugnen, daß ihr alle Arten von Zugtieren und ganze Gäule mit ihrer Göttin Epona göttlich verehrt. Vielleicht ist das der Grund eures Mißfallens, daß wir mitten unter Anbetern sämtlichen zahmen und wilden Viehes bloß Eselsverehrer sind.

Aber auch jeden, der uns für Verehrer des Kreuzes hält, werden wir als unsern Religionsgenossen ansprechen können. Wenn zu einem Holze um Erbarmen gerufen wird, so liegt nichts an der äußeren Bekleidung, da ja die Materie dieselbe ist, und auch nichts an der äußeren Form, wenn das Holz selbst der Körper eines Gottes ist. Und doch, wie wenig unterscheiden sich die Pallas von Attica oder die Ceres von Pharos von einem Kreuzesholze, da sie sich ohne Menschenantlitz nur unter einem rohen Pfahl und gestaltlosen Holz darbieten? Denn jedes Holz, das in aufrechter Stellung befestigt ist, bildet ja einen Teil eines Kreuzes; wir beten darum im schlimmsten Falle doch noch einen vollständigen und ganzen Gott an. Wir haben oben gesagt, daß die Bildner den Anfang zu euren Göttern an einem Kreuze machen. Aber ihr betet ja auch die Siegesdenkmale an, trotzdem daß Kreuze die inneren Gestelle der Trophäen bilden. Die ganze römische Soldatenreligion besteht in der Verehrung der Feldzeichen, schwört bei den Feldzeichen und stellt die Feldzeichen über alle Götter. Der ganze Aufputz von Bildern an den Feldzeichen ist nur ein Behang für Kreuze; die Tücher der Reiter- und Prachtfahnen sind nur eine Bekleidung für Kreuze. Ich finde darin eine löbliche Gewissenhaftigkeit von eurer Seite. Ihr wollt keine unverzierten und nackten Kreuze für geheiligt erklären.

Andere haben wenigstens eine menschlichere und wahrscheinlichere Ansicht von uns, sie glauben, die Sonne sei unser Gott. So werden wir am Ende wohl gar noch zu den Persern gerechnet werden, obwohl wir keine auf Leinwand abgebildete Sonne anbeten, da wir sie selbst ja überall gegenwärtig haben an ihrem Him-melsrund. Um es kurz zu sagen, der Verdacht rührt daher, weil es bekannt geworden, daß wir nach Osten gewendet beten. Allein auch sehr viele von euch bewegen nach Sonnenaufgang hingewendet die Lippen, indem sie manchmal das Verlangen haben, auch himmlische Dinge anzubeten. Ebenso kommen wir, wenn wir den Sonntag der Freude widmen, und zwar aus einem ganz anderen Grunde als wegen Verehrung der Sonne, ja gleich nach denen, welche den Samstag dem Müßiggange und den Mahlzeiten widmen, wobei übrigens auch sie von der jüdischen Sitte, die sie nicht recht kennen, abweichen.

Aber da ist ja in hiesiger Stadt kürzlich eine neue Mitteilung über unsern Gott öffentlich zur Schau gestellt worden, seitdem ein Verbrecher, der für Geld das Geschäft betreibt, die wilden Tiere zu necken, ein Bild zum Vorschein brachte mit der Inschrift: "Der Christengott Onokoites". Er hatte Eselsohren, einen Fuß von Huf, trug ein Buch und eine Toga. Wir lachten sowohl über den Namen als über die Gestalt. Unsere Gegner aber hätten sofort die zweigestaltige Gottheit anbeten müssen, weil sie Wesen, die mit dem Hundsund Löwenkopfe versehen sind, gehörnt wie ein Ziegenbock und Widder, von den Lenden an Böcke, von den Knieen an Schlangen, die an den Sohlen und auf dem Rücken mit Flügeln versehen sind, zu Göttern angenommen haben. Soviel zum Überflusse, damit wir nur nichts von all dem Gerede, gleichsam wie mit Absicht übergehen möchten! Von dem allem werden wir uns reinigen, indem wir uns zur Darlegung unserer Religion hinwenden.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger