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Tertullian († um 220) - Über die Aufforderung zur Keuschheit (De exhortatione castitatis)

2. Kap. Der Wille Gottes muß bei jedem Wollen oder Nichtwollen des Menschen durchaus maßgebend sein. Der freie Wille des Menschen. Der Einfluß des Teufels auf denselben.

Wie resigniert lautet die Äußerung: "Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gut schien, so ist es geschehen"1. Knüpfen wir das gerissene Eheband von neuem wieder an, so gehen wir also ohne Zweifel gegen den Willen Gottes an und wollen wiederum besitzen, wovon er will, daß wir es nicht besitzen sollen. Denn wenn er wollte, daß wir es besäßen, so würde er es uns ja nicht weggenommen haben. Es müßte denn sein, wir stellten uns den Willen Gottes so vor, daß er abermals wollen könne, was er schon nicht mehr wollte. Es verträgt sich nicht mit dem echten und soliden Glauben, in der Weise alles auf den Willen Gottes zurückzubeziehen und so jedem zu Gefallen zu sein, daß man sagt, nichts geschehe ohne Gottes Geheiß, und dabei übersieht, daß ja auch etwas auf uns ankommt2. Sonst würde jedes Verbrechen seine Entschuldigung finden, wenn wir behaupten wollten, wir täten gar nichts ohne den Willen Gottes, und es würde eine solche Behauptung zur Auflösung der gesamten Sittenzucht, ja zur Vernichtung Gottes selbst führen; [S. 328] wenn er Dinge ausführte, die sein eigener Wille nicht will, oder wenn es gar nichts gäbe, was Gott nicht will. Wie könnte er dann gewisse Dinge verbieten und für sie sogar eine ewige Pein androhen? Was er verbietet, das kann er natürlich nicht wollen, sondern wird dadurch sogar beleidigt; wie er denn auf der anderen Seite das, was er will, vorschreibt, wohlgefällig aufnimmt und es mit ewiger Belohnung vergilt.

Wenn wir so aus seinen Vorschriften beides erkannt haben, was er will und was er nicht will, so bleibt uns doch unser freier Wille und die Selbstbestimmung, das eine oder das andere zu wählen, wie geschrieben steht: "Siehe, ich habe dir vorgelegt Gutes und Böses"3; denn du hast ja gegessen vom Baume der Erkenntnis, Darum dürfen wir, was unserm freien Willen anheimgegeben ist, nicht auf Rechnung des Willens Gottes setzen, weil es hinsichtlich dessen, was gut ist, bei ihm, der das Böse nicht will, ein Wollen oder Nichtwollen nicht gibt. Wenn wir daher etwas dem göttlichen Willen, der nur das Gute will, Widersprechendes wollen, so ist das unser Wille, Fragt man nun weiter, woher kommt dieser unser Wille, kraft dessen wir etwas dem göttlichen Willen Widersprechendes wollen, so werde ich antworten: Aus uns selbst. Und zwar nicht ohne Grund, Denn man muß dem Samen, woraus man entsprossen, notwendig entsprechen, da der Stammvater sowohl des Geschlechtes als der Übertretung, Adam, die Übertretung gewollt hat. Der Teufel hat ihm den Willen, eine Übertretung zu begehen, nicht eingegeben, sondern er hat dem Willen nur den Stoff und Anlaß dargeboten. Der Wille Gottes aber war gekommen, um befolgt zu werden.

Mithin wirst auch du, wenn du Gott, der dich nach Vorlegung seines Gebotes mit Freiheit erschaffen hat, nicht gehorchst, vermöge der Freiheit deines Willens freiwillig zu dem abweichen, was Gott nicht will, und so mußt du dich für einen vom Teufel Verführten halten, während er doch, obschon er wünscht, daß du [S. 329] etwas wollest, was Gott nicht will, doch nicht bewirkt, daß du es wollest. Denn er bezwang ja auch damals die Erstgeschaffenen nicht in der Weise, daß sie die Übertretung wollten, ja sie waren weder ohne den Willen noch ohne die Kenntnis dessen, was Gott nicht wollte. Denn Gott hatte es jedenfalls nicht gewollt, da er für die begangene Tat den Tod bestimmte. So vermag der Teufel nur eins zu tun: Dich zu versuchen, ob du willst, weil das Wollen bei dir steht. Sobald du aber gewollt hast, so folgt, daß er dich sich unterwirft; indem er in dir zwar nicht das Wollen bewirkt, aber doch eine Gelegenheit für den Willen gefunden hat. Da also das Wollen bei uns allein steht und darin eben unsere Gesinnung gegen Gott erprobt wird, ob wir das wollen, was mit seinem Willen übereinstimmt, so muß man, behaupte ich, tief und eindringlich über den Willen Gottes nachdenken, was derselbe etwa im Verborgenen noch begehren könne.

1: Job 1,21.
2: Oehler schiebt mit Ursinus nach adulari ein sibi ein. Es ist gegen den Zusammenhang und unnötig. Die Konstruktion von adulari bei Tertullian erhellt aus De anima 48.
3: Eccles. 15,18. Das Zitat ist ungenau.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Kathechteische Schriften (Über die Schauspiele, Über die Idolatrie, über den weiblichen Putz, An die Märtyrer, Zeugnis der Seele, über die Busse, über das Gebet, über die Taufe, gegen die Juden, Aufforderung zur Keuschheit)
Allgemeine Einleitung zu Tertullian

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger