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Tertullian († um 220) - Das Zeugnis der Seele (De testimonio animae)

2. Kap. Durch unwillkürliche Ausrufungen bezeugt die Seele die Einheit, Güte und Gerechtigkeit Gottes sogar angesichts der Dämonen.

Wir finden keinen Beifall, wenn wir den Herrn als den Einzigen, durch den alles ist und unter dem alles steht, unter diesem Namen verkünden. - Gib nun Zeugnis, ob du diese Meinung hegst. Denn dich hören wir ja sogar öffentlich und mit aller Freiheit, wie wir es nicht können, zu Haus und draußen dich so ausdrücken "Gott gebe es" und "Wenn es Gottes Wille ist". Mit diesen Ausdrücken deutest du an, daß irgend ein Gott [S. 206] existiere, und gestehst, daß er alle Macht habe, indem du auf seinen Willen Rücksicht nimmst. Du leugnest zugleich, daß die ändern Götter seien, indem du sie mit besondern Namen benennst: Saturn, Jupiter, Mars, Minerva, Denn wenn du ihn in der Art als Gott bezeichnest, daß du auch dann, wenn du die ändern zuweilen auch einmal Götter nennst, dich gleichsam einer fremden und geliehenen Sache zu bedienen scheinst, so behauptest du damit, daß er der alleinige Gott sei.

Auch die Beschaffenheit des Gottes, den wir predigen, ist dir nicht verborgen, "Gott ist gütig, Gott macht es wohl" ist deine Ausdrucksweise, Ausdrücklich fügst du hinzu; "Aber der Mensch ist schlecht". Durch diese entgegengesetzte Behauptung wirfst du versteckter und verblümter Weise dem Menschen vor, daß er eben deshalb schlecht sei, weil er vom guten Gott abgewichen ist. Weil jeder beim Gott der Güte und Liebe erteilte Segen für uns die höchste Weihe unseres sittlichen Lebens und Wandels ist, sprichst du auch das "Es segne dich Gott" mit derselben Leichtigkeit aus, wie der Christ es muß. Wenn du hingegen die Nennung des Wortes Gott in einen Fluch verwandelst, so bekennst du auf gleiche Weise durch deine Rede wie wir, daß alle Macht über uns ihm gehöre.

Es gibt Leute, die, obwohl sie Gott nicht leugnen, ihn doch nicht für den Beobachter, Augenzeugen und Richter [unserer Handlungen] halten; darin mißfallen wir, die wir aus Furcht vor dem angekündigten Gerichte uns dieser Lehre in die Arme werfen, ihnen am meisten, indem sie Gott, dem sie auch nicht einmal einen Zorn zuschreiben, in der Weise ehren wollen, daß sie ihn von den Sorgen des Zuschauens und den Unbequemlichkeiten der Bestrafung entbinden. Wenn Gott zürnt, sagen sie, so ist er veränderlich und den Leidenschaften ausgesetzt, und weiter, was dem Leiden und der Veränderung unterworfen ist, das ist auch dem Untergange ausgesetzt, was Gott nicht ist. Ich erwidere: eben dieselben Leute erklären ein andermal die Seele für etwas Göttliches und von Gott Gegebenes, und so unterliegen sie dem Zeugnis der Seele selbst, welches gegen die [S. 207] frühere Meinung geltend zu machen ist. Wenn die Seele etwas Göttliches oder doch von Gott Gegebenes ist, so kennt sie ohne Zweifel ihren Geber, Wenn sie ihn kennt, so fürchtet sie ihn an letzter Stelle auch als ihren Urheber. Oder sollte sie etwa den nicht fürchten, den sie doch lieber gnädig gegen sich gesinnt als erzürnt sehen will? Woher dann also die natürliche Furcht der Seele vor Gott, wenn Gott nicht zürnen kann? Wie könnte der gefürchtet werden, welcher nicht beleidigt werden kann? Was wird denn überhaupt gefürchtet, wenn nicht der Zorn? Und woher der Zorn, wenn nicht wegen der Bestrafung? Woher die Bestrafung, wenn nicht in Folge eines Gerichts? Woher sonst das Gericht als in Folge von Macht? Und wer hat die höchste Macht, wenn nicht Gott allein? Von dorther also hast du, o Seele, durch dein Wissen Grund genug, sowohl zu Hause als draußen zu sagen: "Gott sieht alles", "Ich empfehle es Gott", "Gott wird es dir vergelten", "Gott wird zwischen uns richten", ohne daß jemand spottet oder es verwehrt. Woher kommt dieses, wenn du keine Christin bist? Und zwar oft sogar dann, wenn du mit der Kopfbinde der Ceres umwunden bist, wenn du im Purpurmantel des Saturn oder im Linnengewande der Göttin Isis prangst. Mit einem Wort, in den Tempeln selbst rufest du Gott als Richter an, Du stehst vor Äskulap, du flehest zur Juno in der Luft, du versiehst den Helm der Minerva mit dunkeln Formen1 und rufst dabei keinen der gegenwärtigen Götter zu Zeugen an. Auf deinem Forum appellierst du an einen Richter von anderswo, in deinen Tempeln duldest du noch einen ändern Gott, O Zeugnis der Wahrheit, welches im Angesichte der Dämonen selbst einen Zeugen für die Christen erweckt!

1: Diese dunkle Stelle spielt auf einen nicht näher bekannten Ritus an, der an einem Mineravfeste, vielleicht den Quinquatrien, vorgenommen wurde.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung zu Tertullian
Einleitung: Kathechteische Schriften (Über die Schauspiele, Über die Idolatrie, über den weiblichen Putz, An die Märtyrer, Zeugnis der Seele, über die Busse, über das Gebet, über die Taufe, gegen die Juden, Aufforderung zur Keuschheit)
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger