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Athenagoras (2. Jhd.) - Über die Auferstehung der Toten (De Resurrectione)

21.

Werden nämlich die guten Handlungen belohnt, so geschieht hiebei offenbar dem Leibe Unrecht; denn er mußte mit der Seele zwar an den Mühen teilnehmen, mit denen die Arbeit verbunden war, darf aber nicht teilnehmen an der Ehre, mit denen die guten Handlungen gekrönt werden, und während oft die Seele für manche Fehler wegen der Unvollkommenheit und Armseligkeit des Leibes Verzeihung erhält, wird der Leib selbst von der Gemeinschaft ausgeschlossen, obwohl die guten Handlungen, um derentwillen er im Leben Mühen ertragen mußte, nicht ohne diese Gemeinschaft zustande kamen. Werden aber die Verfehlungen gerichtet, dann kommt hiebei die Seele nicht zu ihrem Rechte, wenn sie allein büßen sollte, was sie auf Drängen des Leibes hin, der sie zu seinen eigenen Begierden und Regungen herabzog, gefehlt hat, bald infolge räuberischen Überfalls und heimlicher Nachstellung, bald in noch gewaltsamerem Ansturm, bald aber auch mit Zustimmung aus Nachgiebigkeit und Gefälligkeit gegen die Natur des Leibes. Oder wie sollte es nicht [S. 369] ungerecht sein, wenn die Seele für sich allein gerichtet würde wegen solcher Dinge, zu denen sie sich ihrer eigenen Natur nach gar nicht hingezogen fühlt und wozu sie weder Hang noch Drang in sich verspürt, wie da sind Wollust, Gewalttat, Habsucht, Unredlichkeit und die dabei vorkommenden Ungerechtigkeiten? Geschieht ja doch die Mehrzahl der genannten Übel nur infolge davon, daß die Menschen die belästigenden Begierden nicht beherrschen; belästigt aber werden sie durch die Unvollkommenheit und Armseligkeit des Leibes und durch die ihm gewidmete Sorge und Pflege; denn aller Besitz und noch mehr die Benutzung desselben, ebenso die Verehelichung und alle äußeren Handlungen im Leben, bei denen und in denen man von Erfolg und Mißerfolg spricht, bezwecken nichts anderes als die Befriedigung leiblicher Bedürfnisse. Wie sollte es also gerecht sein, wenn die Seele allein gerichtet würde wegen solcher Dinge, bei denen zunächst nur der Leib beteiligt ist, der dann erst die Seele zur Mitleidenschaft und zur Teilnahme an den ihm zusagenden Handlungen hinzieht? Nachdem nun einmal die sinnlichen Begierden und Lustgefühle, ebenso die Furcht- und Schmerzgefühle, bei welchen alles Unordentliche straffällig ist, im Leibe ihren Ursprung haben, ist es ungerecht, die daraus folgende Sündenschuld und die an die Sündenschuld geknüpften Strafen auf die Seele allein abzuladen, die doch etwas Derartiges weder nötig hat noch anstrebt noch fürchtet, die überhaupt für sich allein nichts von dem empfindet, was naturgemäß erst der ganze Mensch empfindet. Aber auch für den Fall, daß wir die Leidenschaften nicht dem Leibe allein zuschreiben, sondern dem ganzen Menschen (eine ganz richtige Behauptung, da sein Leben das einheitliche Produkt zweier ganz verschiedenen Faktoren ist), werden wir sie noch lange nicht der Seele auf Rechnung setzen, sobald wir uns von der Eigenart ihres Wesens eine klare Vorstellung machen. Wenn sie nämlich ein für allemal kein Bedürfnis nach Nahrung hat, wird sie wohl auch nie nach Dingen trachten, die sie zu ihrer Existenz in gar keiner Weise benötigt, und wohl auch nie etwas von dem anstreben, womit sie ihrer Natur nach überhaupt [S. 370] nichts anzufangen weiß; auch wird sie sich wohl nie über Mangel an Geld oder Gut abhärmen, da solche Dinge für sie ganz belanglos sind. Wenn sie ferner die Vernichtung überdauert, so ist sie auch über jede Furcht erhaben, da es nichts gibt, was ihr den Untergang bringen könnte; sie fürchtet weder Hunger noch Krankheit weder Verstümmelung noch Marter, weder Feuer noch Schwert; denn nichts hievon kann ihr Schaden oder Schmerz verursachen, da Körper und körperliche Kräfte auf sie überhaupt nicht einwirken. Wie es nun aber ungereimt ist, die Leidenschaften ausschließlich der Seele zuzuschreiben, so ist es auch überaus ungerecht und des göttlichen Strafgerichtes unwürdig, die daraus folgende Sündenschuld und die daran geknüpften Strafen auf die Seele zu beschränken.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu Athenagoras' Auferstehung der Toten

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger