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Athenagoras (2. Jhd.) - Über die Auferstehung der Toten (De Resurrectione)

18.

Die Beweise für die Auferstehung, die wir bisher zur Prüfung vorgelegt haben, sind alle von gleicher Art, da sie sich aus einem und demselben Grunde ergeben haben, nämlich aus der Entstehung der ersten Menschen infolge der schöpferischen Tätigkeit Gottes. Nur gewinnen die einen ihre Stärke unmittelbar aus der ersten während die anderen, die von der Natur und dem Leben der Menschen ausgehen, ihre Kraft der Fürsorge entnehmen, die Gott uns angedeihen läßt. Denn die Ursache, nach welcher und aus welcher die Menschen entstanden sind, ist mit der Natur der Menschen verknüpft und bekommt ihre Beweiskraft aus der schöpferischen Tätigkeit Gottes. Dagegen ist der Gerechtigkeitsbeweis, wonach Gott die guten und bösen Menschen vor sein Gericht bringt, vom Ziele der Menschen hergenommen. Geht die Entstehung der Menschen auf die schöpferische Tätigkeit Gottes zurück, so sind sie doch (nach ihrer Entstehung) mehr von der Vorsehung abhängig. Nachdem wir nun die erste Art von Beweisen, so gut es ging, vorgebracht haben, ist es angezeigt, unsere Thesis auch durch die zweite Art von Beweisen sicher zu stellen, nämlich [S. 364] durch die einem jeden Menschen in gerechter Beurteilung geschuldete Ehrung oder Bestrafung und durch das Endziel des menschlichen Lebens; dabei wird es sich empfehlen, von eben diesen Beweisen denjenigen voranzustellen, der naturgemäß der erste ist, also zuerst den vom Gerichte hergenommenen Beweis zu betrachten. Nur soviel wollen wir mit Rücksicht auf den unserem Thema zukommenden Ausgangspunkt und Gedankengang vorausschicken: Glaubt man an Gott als den Schöpfer dieses Alls, so muß man, wofern man seinen eigenen Prinzipien nicht untreu werden will, aus seiner Weisheit und Gerechtigkeit den Schluß ziehen, daß er für alles Geschaffene wacht und sorgt; auf Grund dieser Erkenntnis muß man dann überzeugt sein, daß nichts von den irdischen und himmlischen Dingen ohne Aufsicht und Fürsorge gelassen ist und daß sich die Aufmerksamkeit des Schöpfers auf alles in gleicher Weise erstreckt, auf Unsichtbares und Sichtbares, auf Kleines und Größeres. Denn sowohl die Gesamtheit der Geschöpfe bedarf der Fürsorge des Schöpfers als auch jedes einzelne je nach seiner Natur und seinem Zwecke. Es wäre jedoch ein übel angebrachter Eifer, jetzt alle einzelnen Arten anzuführen oder das einer jeden Natur Zuträgliche aufzuzählen; nur über den Menschen müssen wir hier reden; denn er ist der Gegenstand unserer Untersuchung. Der Mensch braucht als bedürftiges Wesen Nahrung, als sterbliches Wesen Nachfolge, als vernünftiges Wesen Gerechtigkeit. Wenn aber ein jedes der genannten Bedürfnisse dem Menschen naturgemäß ist, wenn er der Nahrung bedarf zum Leben, der Nachfolge zur Fortdauer seines Geschlechtes, der Gerechtigkeit, damit Nahrung und Nachfolge den Gesetzen entsprechen, so muß wohl, da Nahrung und Nachfolge auf die Doppelnatur Bezug haben, auch die Gerechtigkeit sich darauf beziehen; ich verstehe aber unter Doppelnatur den aus Seele und Leib bestehenden Menschen und behaupte, daß der Mensch gerade in dieser Doppelnatur für alle seine Handlungen verantwortlich ist und die ihm gebührende Ehre oder Strafe empfängt. Wenn also ein gerechtes Gericht die Vergeltung der [S. 365] Taten auf die Doppelnatur des Menschenwesens ausdehnt und weder die Seele allein den Lohn einstreichen darf für das, was sie mit Hilfe des Leibes vollbrachte (an und für sich ist sie nämlich erhaben über all die Verirrungen, die bei Befriedigung der Sinnlichen Begierden, bei Ernährung und Schmuck des Leibes vorkommen), noch der Leib allein (denn an und für sich kann er Gesetz und Recht nicht erkennen), sondern der aus beiden bestehende Mensch für jede seiner Taten die Vergeltung empfängt, dies aber, wie man bei verständiger Betrachtung finden kann, weder im gegenwärtigen Leben geschieht (im Erdenleben kommt nämlich die Gerechtigkeit nicht zum Siege, da viele, die von Gott nichts wissen wollen und sich ungescheut jeder Gesetzwidrigkeit und Schlechtigkeit hingeben, bis zu ihrem Lebensende von Leiden verschont bleiben, während umgekehrt Leute, die einen in jeder Hinsicht musterhaften Lebenswandel aufweisen können, in Kümmernissen dahinleben, in Kränkungen und Verdächtigungen, in Beschimpfungen und jeder Art von Ungemach) noch nach dem Tode (es ist ja die substanzielle Einigung der beiden Teile aufgehoben, nachdem sich die Seele vom Leibe getrennt hat und auch der Leib selbst wieder in die Elemente zerfallen ist, aus denen er sich aufbaute, und von seiner früheren Bildung oder Gestalt nichts mehr behalten hat, geschweige denn die Erinnerung an seine Taten), so ist für jeden sonnenklar, was noch übrig bleibt, nämlich daß nach dem Worte des Apostels dieses Verwesliche und Auflösbare sich mit Unverweslichem bekleiden muß 1, damit, wenn infolge der Auferstehung das Tote wieder zum Leben erweckt und das Geschiedene oder auch schon ganz Aufgelöste wieder vereinigt ist, ein jeder in gerechter Weise ernte, was er mittels seines Leibes getan hat, sei es Gutes oder Böses.2

1: 1Kor. 15,53.
2: 2Kor. 5,10.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu Athenagoras' Auferstehung der Toten

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger