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Athenagoras (2. Jhd.) - Bittschrift für die Christen (Apologia pro Christiana)

32.

Zwar nimmt es uns nicht wunder, wenn sie uns Dinge andichten, die sie von ihren eigenen Göttern aussagen; sie stellen ja deren Leidenschaften als Mysterien dar; nur sollten sie dann, nachdem sie einmal einen ungezügelten und unterschiedslosen Geschlechtsverkehr für etwas Arges halten, auch den Zeus verabscheuen, der mit seiner Mutter Rhea und mit seiner Tochter Kore Kinder erzeugte und seine eigene Schwester zur Gemahlin hatte, oder den Erfinder solcher Mären, den Orpheus, weil er den Zeus noch unheiliger und befleckter als einen Thyestes schilderte; auch dieser hat einem Orakelspruche folgend seiner Tochter sich beigesellt, um sich Herrschaft und Recht zu verschaffen. Wir hingegen sind von einem unterschiedslosen Geschlechtsverkehr so weit entfernt, daß uns nicht einmal ein begehrlicher Blick erlaubt ist. „Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren,“ heißt es, „hat schon die Ehe [S. 321] gebrochen in seinem Heizen.“ 1 Was berechtigt, an der Reinheit des Lebenswandels derer zu zweifeln, die von den Augen keinen weiteren Gebrauch machen dürfen als den, wozu Gott sie bildete, nämlich daß sie uns Licht seien, denen also schon der sinnliche Blick als Ehebruch ausgelegt wird, weil die Augen anderen Zwecken dienen, und bei denen das kommende Gericht sich sogar auf das bloße Denken erstreckt? Denn unsere Verantwortung erfolgt nicht nach Menschensatzungen, denen ein Bösewicht wohl auch entgehen kann (schon anfangs suchte ich Euch von dem göttlichen Ursprung unserer Lehre zu überzeugen), sondern wir haben ein Gesetz, einen Auftrag, der bewirkt hat, daß wir in der rechten Selbst- und Nächstenliebe das Vollmaß der Gerechtigkeit erblicken 2. Je nach dem Alter betrachten wir daher die einen als Söhne und Töchter, andere behandeln wir wie Brüder und Schwestern, die Älteren ehren wir wie Väter und Mütter. Und nun liegt uns alles daran, daß die Leiber derer, die wir für Brüder ansehen und Schwestern und was es sonst noch für Verwandtschaftsnamen gibt, unentweiht und unbefleckt bleiben, da uns abermals der Logos sagt: „Wenn jemand deswegen zum zweitenmal küßt, weil es ihm gefallen hat“ und beifügt: „So also mit Vorsicht muß man den Kuß oder vielmehr den Gruß geben, da er uns des ewigen Lebens berauben würde, wenn er irgendwie durch die Gesinnung getrübt würde.“ 3

1: Matth. 5,28.
2: Vgl. Matth. 7,12.
3: Apokryphe Stellen.

 

 

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Einleitung zu Athenagoras' Bittschrift für die Christen
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger