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Athenagoras (2. Jhd.) - Bittschrift für die Christen (Apologia pro Christiana)

30.

Wenn sogar ganz Abscheuliche und Gottverhaßte vergöttert wurden, wenn selbst Semiramis, die Tochter der Derketo, ein wollüstiges und mordbeflecktes Weib, zu einer syrischen Göttin erhoben wurde und die Syrer wegen der Derketo die Fische, wegen der Semiramis die Tauben verehren (denn dieses Weib wurde, was ganz unmöglich ist, in eine Taube verwandelt; dieser Mythos ist bei Ktesias zu lesen), so darf es uns nicht wundern, wenn Fürsten und Tyrannen von ihren Untertanen Götter genannt wurden. Die Sibylle (auch Plato erwähnt ihrer) singt:

„Jetzt war da das zehnte Geschlecht der sterblichen Menschen,
Seit die gewaltige Flut die Männer der Vorzeit ereilte.
Kronos, Titan und Iapetos waren der Leute Beherrscher,
[S. 318] Treffliche Söhne von Gäa und Uranos; doch erst die Menschen
Nannten sie Gäa und Uranos, ihnen den Namen erteilend,
Weil sie das erste Paar der sterblichen Menschen gewesen.“ 1

Auch das läßt sich begreifen, wenn Repräsentanten der Stärke wie Herakles und Perseus vergöttert wurden oder Heilkünstler wie Asklepios. Ein jeder, den entweder die Untertanen oder die Herrscher selbst ehren wollten, bekam Anteil an dem Gottesnamen, sei es aus Furcht oder auch aus Ehrfurcht. Auch dem Antinoos ist es infolge der Liebe Eurer Vorfahren zu den Untertanen gelungen, für einen Gott zu gelten. Die später Lebenden haben dann dieses Erbe skrupellos angetreten.

„Kreter sind immerdar Lügner; es haben, o Herrscher, die Kreter
Schon errichtet dein Grab, obwohl du nicht starbest.“ 2

Du glaubst zwar, Kallimachos, an die Geburt des Zeus, aber nicht an sein Grab; du würdest ja sonst nach deiner eigenen Meinung die Wahrheit verhüllen; aber auch so verkündest du sogar den Unwissenden, daß er gestorben ist. Schaust du die Grotte an, so denkst du an Rheas Geburt; siehst du den Sarg an, so suchst du die Tatsache zu verdunkeln, daß jener gestorben ist. Du weißt eben nicht, daß allein der ungewordene Gott ewig ist. Entweder also sind die von der Volksmenge und von den Dichtern erzählten Göttermythen unwahr und dann ist der Kult solcher Götter unnütz (erdichtete Helden existieren ja überhaupt nicht) oder die Geburten, Liebschaften, Mordtaten, Diebstähle, Entmannungen, Blitzschläge sind wahr, dann aber haben die fraglichen Persönlichkeiten aufgehört zu sein und existieren nicht mehr, wie sie auch erst aus dem Nichtsein geworden sind. Ist es etwa konsequent, den einen Teil zu glauben, den andern aber nicht, zumal die [S. 319] Dichter ohnehin bestrebt waren, die Helden ihrer Erzählungen zu idealisieren? Denn die Dichter, deren idealisierender Darstellung sie die Vergötterung verdanken, hätten gewiß nicht von „Leiden“ gesprochen, wenn jene nichts zu leiden gehabt hätten.

Daß wir keine Atheisten sind, da wir an Gott, den Schöpfer dieses Alls, und an seinen Logos glauben, habe ich jetzt, vielleicht nicht so, wie es die Sache verdient, aber doch so gut ich es vermochte, bewiesen.

1: Sbyll. Orak. III, 108-113.
2: Kallimachos, Hymnus auf Zeus, V. 8 u. 9.

 

 

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Einleitung zu Athenagoras' Bittschrift für die Christen
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger