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Athenagoras (2. Jhd.) - Bittschrift für die Christen (Apologia pro Christiana)

20.

Wenn sie nun in ihrer Götterlehre nur das eine Unglaubliche vorbrächten, daß die Götter geworden und aus Wasser entstanden sind, so könnte ich jetzt, nachdem ich gezeigt habe, daß alles Gewordene sich auflösen muß, zu den übrigen Beschuldigungen übergehen, die man gegen uns erhebt. So aber haben sie einerseits Beschreibungen von den Leibern ihrer Götter gegeben; den Herakles nennen sie einen gewundenen Schlangengott; andere bezeichnen sie als Hundertarmige; die Tochter des Zeus, die er mit seiner Mutter Rhea oder Demeter, wie sie auch genannt wird, erzeugte, soll außer den zwei naturgemäßen Augen noch zwei Augen auf der Stirne gehabt haben und an der Rückseite des Halses ein Tierantlitz und außerdem noch Hörner; deshalb sei Rhea aus Entsetzen über das schreckliche Aussehen ihrer Tochter davon gelaufen, ohne ihr die Brust zu reichen; daher werde diese ihre Tochter, die sonst Persephone und Kore heißt, in den Mysterien Athele (= die von der Mutterbrust zurückgehaltene) genannt; diese darf man ja nicht mit Athene = Kore verwechseln. Anderseits haben sie auch die Taten ihrer Götter, wie sie meinen, genau geschildert. So wissen sie zu berichten, daß Kronos seinem Vater die Genitalien ausschnitt und ihn vom Wagen herabwarf, daß er zum Kindsmörder wurde, indem er seine [S. 298] männlichen Kinder verschlang, ferner daß Zeus seinen Vater fesselte und in den Tartarus warf, wie es Uranos mit seinen Söhnen gemacht hatte, daß er mit den Titanen um die Herrschaft stritt, daß er seine Mutter Rhea verfolgte, weil sie die Ehe mit ihm verschmähte, und als sie sich in eine Schlange verwandelte, ebenfalls Schlangengestalt annahm, sie mit dem sogenannten Herkulesknoten band und sich so mit ihr begattete (an diese Begattungsweise erinnert der Hermesstab), daß er dann seine Tochter Persephone ebenfalls in Schlangengestalt bezwang und mit ihr den Dionysos erzeugte. Da drängt sich einem doch wohl die Frage auf: Was enthalten denn solche Erzählungen Erhebendes und Brauchbares, damit wir Kronos, Zeus, Kore u.s.w. für Götter halten können? Etwa die Schilderungen ihrer Leiber? Aber wie könnte ein gescheiter und gebildeter Mann glauben, daß von einem Gott eine Natter erzeugt werde?

,,Phanes erzeugte darauf ein anderes grausiges Wesen
Aus dem geheiligten Schosse, die furchterregende Natter;
Schön vom Kopfe floß ihr das Haar und schön war ihr Antlitz,
Doch die übrigen Teile verrieten die schreckliche Schlange,
Abwärts vom Nacken (Orpheus) –

oder es für wahrscheinlich halten, daß Phanes selbst, der erstentstandene Gott (denn er ist es, der dem Weltei entschlüpfte), den Leib oder die Gestalt einer Schlange gehabt habe oder von Zeus verschlungen worden sei, damit dieser uneingeschränkt bleibe? Wenn sie sich in nichts von den niedrigsten Tieren unterscheiden (denn offenbar muß sich das göttliche vom Irdischen und Stofflichen weit abheben), dann sind sie eben keine Götter. Und warum sollten wir uns an sie wenden, die wie Tiere erzeugt und gestaltet sind, häßliche Monstra?

 

 

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Einleitung zu Athenagoras' Bittschrift für die Christen
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger