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Tatian (2. Jdh.)
Apologeten, Frühchristliche

Rede an die Bekenner des Griechentums
(Oratio ad Graecos)

1.

[S. 195] Tatians Rede an die Bekenner des Griechentums 1.

(1) Seid nicht so feindselig gegen die „Barbaren“, ihr Bekenner des Griechentums, und beurteilt ihre Lehren nicht so mißgünstig! Denn welche euerer Einrichtungen verdankt nicht Barbaren ihren Ursprung? 2 (2) Die [S. 196] angesehensten Männer von Telmissos erfanden die Traumdeutung, Karier die Weissagung aus den Sternen, den Vogelflug beobachteten zuerst Phrygier und die ältesten Isaurier, Kyprier begründeten die Eingeweideschau, Babylonier die Astronomie, Perser die Magie, Ägypter die Geometrie, Phönikier die Buchstabenkunde. (3)Also hört doch auf, euere Nachahmungen Erfindungen zu nennen! Denn Dichtkunst und Gesang ehrte euch Orpheus, der auch die Mysterien aufbrachte; die Tuskaner erfanden die Plastik; zur Geschichtsschreibung führten die chronologischen Aufzeichnungen bei den Ägyptern. Von Marsyas und Olympos habt ihr euch das Flötenspiel geholt, aber Phrygier waren sie beide und haben trotz ihrer „Unbildung“ aus der Pfeife den Wohlklang zu locken gewußt. 3 Tyrrhener erfanden die Trompete, die Schmiedekunst Kykopen, und auf die Kunst, Briefe zu schreiben, verfiel, wie Hellanikos erzählt, 4 eine Frau, die einst über die Perser herrschte: Atossa war ihr Name. 5 (4) So laßt denn eueren Dünkel fahren und bläht euch nicht mit prunkenden Phrasen! Euer Selbstlob findet doch nur die Zustimmung euerer eigenen Leute, wer aber Verstand hat, muß abwarten, bis ihr andere Zeugen beibringt und euch einigt in der Art, wie ihr sprecht! (5) So aber ist euch widerfahren, daß ihr nicht einmal untereinander die gleiche Sprache redet. 6 Denn die Dorier sprechen anders als die Attiker, und die Äolier nicht so wie die Jonier. Da also bei euch ein so großer Zwiespalt in Dingen herrscht, in denen es keinen geben sollte, weiß ich nicht, wen ich einen Helenen nennen so. (6) Das Dümmste dabei ist nämlich, daß ihr Ausdrücke fremden Ursprungs besonders in Ehren haltet und, indem ihr nicht selten barbarische Wörter mißverständlich [S. 197] anwendet, aus euerer Sprache ein Kauderwälsch gemacht habt. (7) Deshalb haben wir euerer Weisheit den Abschied gegeben, obwohl darin mancher von uns einen großen Ruf genoß 7. Denn auf euere Lehrer paßt das Wort des Komikers: ,,Nachlesetrauben alles und Geschwätz und Schwalbenzwitscherschulen und Kunstverderber“ 8. Mit heiserer Kehle schreien sie, die sich dieser Weisheit widmen, und Rabengekrächze geben sie von sich. (8) Denn die Rhetorik habt ihr auf Ungerechtigkeit und Verleumdung gestellt, um Lohn verkauft ihr euere Redefreiheit und oft stellt ihr, was euch heute als Recht gilt, morgen als Unrecht hin. Die Dichtkunst gebraucht ihr, um Götterzwiste und Götterliebschaften und Seelenverderbnis zu besingen.

1: Man könnte auch geradezu übersetzen: „Tatians Rede an die Heiden “; denn Ἕλληνες bedeutet für den Apologeten die Göttergläubigen, βάρβαροι die Christen, beides ohne Rücksicht auf Abstammung und Volkstum: s. Ed. Norden, Antike Kunstprosa S. 514,1; R.C. Kukula, Festschr. f. Gomperz, Wien 1912, S. 359 ff.; vgl. N.G. Politis, Ἕλληνες ἣ Ρωμοί, Sonderdruck d. Zeitschr. Ἀγών Athen 1901; Arno Eichhorn, βάρβαρος quid significaverit, Diss. Leipzig 1904. Noch heute erdrückt im Orient der Begriff Religion den Begriff Nation; der katholische Armenier will nicht Armenier, sondern nur Katholik sein und auch der katholische Hellene antwortet auf die Frage, ob er Hellene sei: „Nein, ich bin Katholik“ (E.v. Düring, Südd. Monatsh. X 7, 1913, S. 7).
2: Vgl. Lukian fugit. 6; s. Helm, Lukian und Menipp S. 310 und F. Schaefer, Quid Graeci de origine philosophiae a barbaris ducenda existimaverint, Leipzig 1877.
3: Tatian macht zwischen Flöte (αὐλός) und Pfeife (σῦριγξ) keinen Unterschied und charakterisiert mit ἄγροικοι (rustici) das Barbarentum der Erfinder Marsyas und Olympos; die Auffassung Puechs, Recherches S. 108,1, ist unzutreffend.
4: FHG fr. 163 a,b.
5: Vgl. Clem. Alex. strom. I p. 361 sq.; Greg. Naz. IV 109 p. 137; s. Kremmer, De catalogis heurematum p. 8 sqq. (Geffcken ZgrA. S. 111,5).
6: Vgl. Kap. XXVI 9.
7: *Harnack (ähnlich Gröne): „…, war ich gleich ein hochangesehener in ihr“; Puech LapGr. p. 319: „…et cela sans nous laisser imposer par ses représentants les plus imposants.“ Aber mit dem Satze: „… obwohl darin mancher (τις) einen großen Ruf genoß“ gedenkt Tatian vor allem seines Lehrers, des „bewunderungswürdigen“ Justinus (Kap. XVIII 6); man hat also τις im Sinne von „mancher von uns “ zu verstehen, vgl. übrigens Kap. XXVI 8, XXXV 1, XLII 1.
8: Aristophanes Frösche V. 92 f. An die Stelle von Schwänen und Nachtigallen, mit denen die Sophisten sich gerne verglichen (s. Norden Ant. Kunstpr. S. 376,1), setzt Aristophanes die Schwalben, Tatian die Raben.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger