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Tatian (2. Jdh.) - Rede an die Bekenner des Griechentums (Oratio ad Graecos)

8.

(1) Gegenstand ihrer Verführungskunst aber wurden die Menschen. Wie die Brettspieler 1 nämlich zeigten sie ihnen eine Tafel, auf der sie die Stellung der Gestirne eingezeichnet hatten, und führten so das höchst ungerechte Fatum ein. (2) Denn auf den Richterstuhl und auf die Anklagebank kommt man natürlich durch die Schuld des Fatums, wie auch die Mörder und die Gemordeten, die Reichen und die Armen Ausgeburten desselben Fatums sind 2; das Um und Auf dieser Nativität aber macht wie eine Vorstellung im Theater großen Spaß jenen Kreaturen, von denen Homer sagt: „Unaufhörliches Lachen erhoben die seligen Götter“ 3. (3) Und solche Wesen, die Zweikämpfen zusehen und der eine diesem, der andere jenem beistehen, heiraten, Knaben schänden, ehebrechen und lachen und zürnen, fliehen und verwundet werden, solche Wesen will man für unsterblich halten? (4) Durch die Schandtaten, mit denen [S. 206] sie ihre wahre Natur den Menschen verraten haben, verführten sie ja diejenigen, bei denen sie Gehör fanden, zu gleichem Tun. Und sind nicht etwa diese Dämonen selbst samt ihrem Anführer Zeus dem Fatum anheim gefallen, da sie von denselben Leidenschaften beherrscht werden wie die Menschen? (5) Und wie darf man überhaupt die verehren, deren Grundsätze in so vielfältigem Widerspruch zueinander stehen? (6) So hat Rhea, die beim phrygischen Bergvolke Kybele heißt, ihres Liebhabers Attis wegen die Verstümmelung der Schamteile geboten: (7) Aphrodite aber hat ihre Lust an hochzeitlichen Umarmungen. Zauberei treibt Artemis, Heilkunst Apollon. Als der Gorgo, der Geliebten Poseidons, das Haupt abgeschnitten war, aus dem Pegasos, das Roß, und Chrysaor 4 entsprungen sind, teilten sich Athene und Asklepios in die Blutstropfen: dieser verwendete sie, um zu heilen, jene aber ward durch dasselbe Blut zur Menschenmörderin. (8) Um die nämliche Athene nicht in üblen Ruf zu bringen, hängten wohl die Athener den Sohn 5, den sie mit Hephaistos gezeugt hat, der Gaea an, damit man nicht glauben solle, daß etwa wie Atalante von Meleager so auch Athene von Hephaistos ihrer Jungfrauschaft 6 beraubt worden sei. Denn der an beiden Füßen lahme Krüppel, der Spangen und Ohrringe verfertigt 7, hat natürlich die mutterlose Waise mit Mädchentand zu Fall gebracht. (9) Poseidon ist Seemann, an Kriegen ergötzt sich Ares, Zitherspieler ist Apollon; Dionysos ist Tyrann von Theben, Kronos ist Tyrannenmörder; Zeus beschläft sogar die Tochter und die Tochter wird von ihm schwanger. (10) Zeugnis können mir noch heute Eleusis und die mystische Schlange und Orpheus ablegen, der da gebietet: „Die Tore verschließet Profanen“ 8. Der Hadesherrscher raubt die Kore und seine Taten sind zu „Mysterien“ geworden: „Demeter beweint [S. 207] die Tochter“ - und mancher läßt sich durch die Athener betrügen. (11) Im Tempelbezirk des Sohnes der Leto wird ein Ort, Omphalos (Nabel) genannt; dieser Omphalos aber ist das Grab des Dionysos 9. (12) Da gebührt dir, Daphne, mein Lob: denn mit deinem Sieg über die Wollust Apolls hast du auch dessen Wahrsagekunst zuschanden gemacht, weil er nicht voraussah, was mit dir vorgehen werde 10, und so mit seiner Kunst Fiasko machte. (13) Sagen soll mir auch noch der Ferntreffer Apoll, wie Zephyros den Hyakinthos töten konnte? Zephyros hat ja auch den Apoll besiegt; denn obwohl der Tragödiendichter behauptet: „Der Lufthauch ist der Götter liebstes Fahrzeug“ 11, wurde Apoll dennoch von einem schwachen Lüftchen (dem „Zephyros“) herumgekriegt und verlor den Geliebten 12.

1: * S. die Anm. zu Kap. IX 3, wo οἱ τοῖς πεσσοῖς ἀθύροντες offenbar dasselbe bedeutet wie hier οἱ τοῖς κύβοις παίζοντες. Die ganze Stelle wurde u.a. auch von E. Maaß, Tagesgötter S. 27, Anm. 63 irrig aufgefaßt.
2: Vgl. Kap. IX 2.
3: Hom. Il. I 599; Od. VIII 326.
4: S. Hesiod. Theog. 278 ff., 979 ff.
5: * Ich streiche καὶ.
6: * Lies ἀνθείας (oder παρθενείας?) statt ἀνδρείας.
7: Vgl. Hom. Il. XVIII 401; „mutterlose Waise“ heißt Athene, weil sie aus dem Haupte des Zeus entsprang, vgl. Julian. c. Christ. I p. 235 C.
8: Orphica ed. Abel p. 144, vgl. Justin. cohort. ad gent. c. 15.
9: Die wunderliche Auffassung, daß der sog. Omphalos im Delphischen Tempelbezirke das Grab des Dionysos sei, ist m. W. nur hier bezeugt; vgl. Höfers Artikel bei Roscher, Ausf. Lexikon der griech. und röm. Mythol. S. 3377 ff., und neuestens R. Meninger in „Wörter und Sachen“, Bd. V (1913), S. 81.
10: Daphne entging der Verfolgung Apolls durch ihre Verwandlung in einen Lobeerbaum, s. Ovid met. I 452 ff., vgl. Likian deor. dial. 16,1.
11: fr. adesp. 471.
12: Als sich Apoll mit dem Geliebten am Diskoswerfen ergötzte, trieb Zephiros die Scheibe gegen das Haupt des Hyakinthos, daß er starb; s. Ovid. met. X 174 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger