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Tatian (2. Jdh.) - Rede an die Bekenner des Griechentums (Oratio ad Graecos)

33.

(1) [Deshalb liegt mir daran, auf Grund dessen, was bei euch für ehrenvoll gilt, darzutun, daß unsere Sitten züchtig, die eurigen aber in vieler Beziehung wahnwitzig sind. (2) Die ihr sagt, wir schwatzten unter Frauen und Knaben, unter Mädchen und alten Weibern, und die ihr uns verspottet, weil wir nicht zu euch halten, hört denn, wie albern die [S. 247] griechischen Einrichtungen sind! (3) Denn albern ist, noch mehr als die Menge philosophischer Systeme, der Kult der Götter bei euch und in ihrem Harem treibt ihr Unzucht 1. (4) So hat Lysippos die Praxilla, die kein nützliches Wort in ihren Gedichten gesagt hat, in Erz gebildet, Menestratos die Learchis, Sianion die Hetäre Sappho, Naukydes die Lesbische Erinna, Boiskos die Myrtis, Kephisodotos die Byzantinische Myro, Gomphos die Praxagoris und Amphistratos die Kleito. (5) Was soll ich von der Anyta, der Telesilla und der Nossis sagen? Die erste haben Euthykrates und Kephisodotos, die zweite Nikeratos, die dritte Aristodotos abgebildet. Die Statue der Ephesischen Mnesarchis schuf Euthykrates, die der Korinna Silanion, die der Argiverin Thaliarchis Euthykrates. (6) Ich habe sie nur erwähnen wollen, damit ihr einerseits einseht, daß bei uns nichts Befremdendes geschieht 2, und andererseits - ihr braucht nur eueren eigenen offenkundigen Weiberkult 3 zu vergleichen - nicht mehr unsere Frauen verspottet, weil sie sich mit der Weltweisheit beschäftigen. (7) Die Sappho war ein unzüchtiges, liebesloses Frauenzimmer, das seine eigene Wollust besang; unsere Frauen aber sind alle züchtig, und am Spinnrocken singen unsere Mädchen Lieder zum Lobe Gottes, zu besserem Zweck als euere Dirne. Deshalb schämt euch, die ihr selbst als Schüler von Weibern erfunden werdet, die Frauen, die sich uns anschließen, samt der Gemeinde, die mit ihnen ist, zu verhöhnen 4. Was hat euch denn Glaukippe Preiswürdiges aufgeführt 5, als sie ein Monstrum gebar, wie die Statue des Atheners Nikeratos, des Sohnes Euktemons zeigt, der den Balg in Erz gegossen hat? Wenn sie einem Elephanten das Leben schenkte, wie kam sie dazu, deshalb öffentliche Ehrung einzuheimsen? (10) Die Hetäre Phryne haben euch Praxiteles und Herodotos gemacht, und die Panteuchis, die von einem Buhlen geschwängert wurde, hat Euthykrates in Erz ausgeführt. Die Königin der Paeonier Besantis hat Dinomenes durch seine Kunst verewigt, weil sie ein schwarzes Kind zur Welt gebracht hat. (11) Meine Mißbilligung gilt sowohl dem Pythagoras, der die Europa auf dem Stiere dargestellt hat, wie euch, die ihr den Mann, obwohl er damit zum Ankläger des Zeus wurde 6, seiner Kunst wegen in Ehren haltet. (12) Ich verlache auch die Kunstfertigkeit des Mikon, der einen jungen Stier und auf ihm die Siegesgöttin gebildet hat, weil Zeus (in Gestalt eines Stieres) durch den Raub von Agenors Tochter (Europa) einen Siegespreis für Ehebruch und Unzucht davongetragen hat. (13) Weshalb hat der Olynthier Herodotos die Hetäre Glykera und die Zitherspielerin Argeia geschaffen? Bryaxis hat die Pasiphaë aufgestellt, und da ihr euch ihre Hurerei im Gedächtnis haltet, so scheint es fast, als ob ihr wünschtet, daß auch die heutigen Frauen so wären. Eine gewisse Melanippe war natürlich ein kluges Mädchen 7; darum hat sie Lysistratos dargestellt: daß es aber bei uns kluge Frauen geben könnte, dazu fehlt euch der Gaube.]

1: * Lies: ληραίνει γὰρ διαδοχῆς μᾶλλον πολλῆς τῶν παρ’ ὑμῖν θεῶν τὰ ἐπιτηδεύματα καὶ διὰ τῆς γυναικωνίτιδος ἀσχημονεῖτε, s. Tsga S. 36 ff., vgl. Minuc. Fel. Octav. 25,11 (Juven VI 489; IX 24). Tatian denkt wohl an Vorkommnisse wie den sog. Bakchanalien-Skandal vom J. 186 v. Chr. (Livius XXXIX 8 ff.) oder den von Tiberius 19 n. Chr. gesühnten Frevel im Isis-Tempel von Rom (Joseph. ant. XVIII 65 ff., vgl. Tac. ann. II 85; Sueton. Tib. 36).
2: S. zu Kap. XXXII 3.
3: * ἐπιτηδεύματα, nicht „Kunstwerke“, wie man erklärt, sondern etwa „Weiberkult“, wie der Zusammenhang lehrt und z. B. Thuk. I 138 erhärtet.
4: S. TsgA. S. 39 f.
5: Mißverstanden von Gröne und Harnack.
6: Vgl. Kap. XXII 2.
7: Heldin der verlorengegangenen Tragödie Μελανίππη ἡ σογή des Euripides.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger