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Tatian (2. Jdh.) - Rede an die Bekenner des Griechentums (Oratio ad Graecos)

4.

(1) Warum wollt ihr denn, ihr Bekenner des Griechentums, wie gegen Attentäter die Staatsgesetze gegen uns ausspielen? Auch wenn ich mich mit dem Zeremoniell gewisser Leute nicht befreunden will, warum bin ich da sogleich wie der abscheulichste Bösewicht verfehmt 1? (2) Der Kaiser befiehlt, Steuern zu zahlen: ich bin bereit, sie zu leisten; der Herr verlangt, ihm zu dienen und zu gehorchen: ich kenne die Pflicht des Untertanen. Denn den Menschen muß man auf menschliche Weise ehren, Gott aber allein fürchten 2, ihn, der mit menschlichen Augen nicht gesehen und von keiner Kunst erfaßt werden kann. Nur wenn man mir befiehlt, ihn zu verleugnen, so werde ich nicht gehorchen, sondern lieber gleich sterben, damit ich nicht als Lügner und Undankbarer befunden werde.

[S. 201] (3) Unser Gott hat seinen Anfang nicht in der Zeit; er allein ist anfangslos, zugleich aber aller Dinge Anfang. Ein Geist ist Gott, aber kein Geist, der in der Materie waltet, sondern der Schöpfer der Geister und Formen, die an der Materie haften. Selbst unsichtbar und untastbar, ist er der Vater alles Fühlbaren und Sichtbaren. (4) Ihn erkennen wir aus seiner Schöpfung und nehmen das Unsichtbare seiner Kraft an den geschaffenen Werken wahr 3. Das Gebilde, das er unsretwegen geschaffen, will ich nicht anbeten. Sonne und Mond sind um unsretwillen geworden: wie sollte ich sie also anbeten, da sie mir dienstbar sind? Wie sollte ich Hölzer und Steine für Götter erklären? (5) Denn der Geist, der in der Materie waltet, ist geringer als der göttliche Geist, und da er der Materie angeglichen ist, so darf er auch nicht in gleicher Weise wie der vollkommene Gott verehrt werden. Aber auch mit Geschenken darf man den unnennbaren Gott nicht behelligen; denn der keines Dinges bedarf, soll nicht von uns zu einem Bedürftigen entwürdigt werden. Doch ich will unsere Lehren deutlicher auseinandersetzen.

1: *Bisher mißverstandene Stelle: Tatian kennzeichnet offenbar seine Stellung zu Kaiserkult, besonders zur Sitte der adoratio (προσκύνησις, vgl. oben Kap. 6), deren Verweigerung seitens der Christen von den römischen Behörden als Majestätsverbrechen verfolgt wurde, vgl. Tertullian apol. 28-36 (I 229 ff.). Näheres bei Wissowa, Religion und Kultus d. Römer, 2. Aufl. 1912, S. 79 ff., 93 f., 341 ff., 564 ff.; Bigelmair, Beteiligung der Christen am öff. Leben in vorkonstant. Zeit, S. 106 ff.; Linsenmayer, Bekämpfung des Christentums durch den röm. Staat, S. 4 f. u.ö.
2: S. Petr. 2,17; vgl. Justin apol. I 17 (Puech, Recherches S. 12 f.).
3: Röm. 1,20. Aretha sagt in seinem Scholion zu Kap. V, daß hier Tatians Ausführungen nahezu häretisch seien (οὐ πάνυ ἀπηλλάχθαι τῆς Ἀρειανικῆς ἐρεσχελίας).

 

 

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Einleitung zu Tatians Rede an die Bekenner des Griechentums
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger