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Tatian (2. Jdh.) - Rede an die Bekenner des Griechentums (Oratio ad Graecos)

26.

(1) Hört doch auf, mit fremden Worten zu prunken und euch wie die Dohlen mit gestohlenen Federn aufzuputzen. Wann einmal jede Stadt die von ihr erborgten Ausdrücke euch abnehmen sollte, dann wird’s mit eueren Sophismen gründlich aus sein 1. (2) Ihr sucht zu ergründen, wer Gott sei, und kennt euer eigenes Wesen nicht; ihr gafft in den Himmel und fallt in Gruben 2. Labyrinthen gleichen die Widersprüche 3 in eueren Büchern und deren Leser dem Faß der Danaiden. (3) Was teilt ihr mir die Zeit ein, indem ihr sagt, ein Teil von ihr sei die Vergangenheit, der andere die Gegenwart, der dritte die Zukunft? Denn wie kann die Zukunft herankommen, wenn die Gegenwart ist 4? Wie etwa Leute, die auf einem Schiffe fahren, während der Bewegung desselben in ihrer Unerfahrenheit meinen, daß die Berge laufen, so erkennet auch ihr nicht, daß ihr selbst dahinfahrt, die Zeit aber stillsteht, solang es Dem gefällt, der sie geschaffen hat. (4) Warum muß ich denn Prügelknabe sein, wenn ich meine Lehren vorbringe, und warum seid ihr erpicht, alles, was von mir ist 5, zu [S. 236] vertilgen? Seid ihr denn nicht in derselben Weise wie wir geboren worden und teilt euch mit uns in diese Welt und ihre Einrichtung? Wie könnt ihr behaupten, allein bei euch sei die Weisheit, wenn ihr weder eine andere Sonne habt noch einen anderen Aufgang der Gestirne noch eine bessere Herkunft noch im Vergleiche mit den übrigen Menschen einen auserlesenen Tod 6? (5) Mit dem Geschwätz bei euch haben die Schulmeister begonnen 7 und da ihr die Wissenschaft einteiltet 8, habt ihr euch von der wahren Wissenschaft abgeschnitten und die Teile nach Menschen 9 zubenannt; denn da ihr Gott nicht kennt, so bekämpft und verurteilt ihr euch untereinander. (6) Und deshalb wißt 10 ihr alle nichts: die Ausdrücke versteht ihr euch anzueignen 11, redet aber miteinander wie der Blinde mit dem Tauben. (7) Was haltet ihr das Bauwerkzeug in den Händen und versteht doch nicht zu bauen? Was eignet ihr euch Worte an und seid doch fern von Taten 12? Aufgeblasen im Glücke, im Unglück aber verzagt, braucht ihr wider alle Vernunft euere schönen Phrasen: öffentlich prunkt ihr mit ihnen, in den Winkeln aber versteckt ihr euere Lehren 13. (8) Da wir euch von dieser Seite kennen [S. 237] lernten, haben wir euch verlassen und wollen nichts mehr von dem Eurigen anrühren 14, sondern dem Worte Gottes folgen. (9) [Mensch, wozu schaffst du denn eigentlich einen Krieg zwischen den Buchstaben? Warum läßt du die Laute sozusagen untereinander handgemein werden, indem du sie nach attischer Manier verschluckst, während es doch auf eine natürliche Aussprache ankommen sollte? Denn wenn du attisch sprichst, ohne ein Athener zu sein, dann sage mir doch, warum du nicht dorisch sprichst? Warum erscheint dir für die Konversation der eine Dialekt barbarisch, der andere anmutig 15?]

1: Vgl. unten § 6 und Kap. I 6.
2: Anspielung auf eine bekannte Anekdote (vgl. Diog. Laert. I 1,8; Tertull. ad nat. II 4,34; de an. VI 25), nach der Thales einst zu den Sternen schauend in eine Grube gefallen und darob von einer alten Frau verhöhnt worden sei: „Was am Himmel ist“, sagte sie, „hoffst du erforschen zu können, was aber vor deinen Füßen liegt, kannst du nicht sehen“ ( s. Helm, Lukian und Menipp S. 280).
3: * Lies ἀντιθέσεις ( vgl. Kap. III 9 und XXV 5) statt des unmöglichen ἀναθέσεις, das Puech, Recherches S. 141 Anm. 1, zu halten sucht.
4: Vgl. Euseb. de laud. Const. 6.
5: * Lies τὰ δ΄ἐμοῦ πάντα, vgl. Kap. XXIV 3, s. TsgA. S. 7 f.
6: Vgl. Kap XI 3.
7: Ähnliche Angriffe gegen die γραμματικοί bei Seneca ep. 88,39 und Sext. Empir. adv. gramm. 97.
8: wie ihr ja auch die zeit „einteiltet“ (s. oben §3), obwohl beide, Zeit und Wissenschaft unteilbar sind.
9: D.i. nach den Gründern eurer philosophischen Schulen statt nach Gott, der allein allweise ist.
10: * Lies ἴστε, s. TsgA. S. 30 ff.
11: Vgl. oben §1 und Kap. I 6.
12: Vgl. Kap. XIX 5.
13: * Am einfachsten erklärt sich die vielgeprüfte Stelle (s. Puech, Recherches S. 142, Anm. 3) wohl aus Kap. III 1 f., wo von Heraklit die Rede ist: „ihr macht es alle wie Heraklit“, meint Tatian, „öffentlich renommiert ihr mit eitlen Phrasen (wie: „ich bin mein eigener Lehrer gewesen“), eure Werke aber, die allein beweisen könnten, ob euer Selbstlob gerechtfertigt sei, die versteckt ihr aus Angst vor der Kritik wie Heraklit in unzugänglichen Winkeln“. Nach Athen. V 222a wurden übrigens die oben § 5 erwähnten Schulmeister, im besonderen die Aristarcheer, vom Volksmund „Winkelsummer“ (γωνοιβόμβυκες) verhöhnt. S. TsgA. S. 30 ff.
14: Vgl. Kap. I 7 und Hortensis fr. 32: weitere Literatur bei Hartlich, Exhortationum a Graecis Romainsque scriptarum historia et indoles, Leipzig 1889.
15: Vgl. Kap. I 4 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger