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Tatian (2. Jdh.) - Rede an die Bekenner des Griechentums (Oratio ad Graecos)

22.

(1) Wie steht es denn ferner auch mit euerem Theaterwesen 1? Wer sollte nicht euere öffentlichen Festvorstellungen verspotten, die, zur angeblichen Ehre der schlechten Dämonen aufgeführt, die Menschen in Schmach und Schande stürzen! (2) Oftmals sah ich so einen Schauspieler, um ihn zuerst zu bewundern und dann zu verachten, wie er in seinem Innern anders geartet ist und nur nach außen etwas vortäuscht, was er ja nicht ist, ein arger Prahlhans und Lüstling allerwege, der bald mit den Augen funket, bald mit den Händen agiert, tobsüchtig in seiner tönernen Maske bald als Aphrodite, bald in der Rolle Apolls auftritt und so, obwohl hinter seinen Masken nur immer ein und derselbe Mensch steckt, alle Götter zu Verbrechern macht 2, ein lebendes Kompendium des Aberglaubens, ein Fälscher des Heldentums, ein Darsteller von Mordgeschichten, ein Interpret des Ehebruches, ein Schatzkasten des Wahnsinns, ein Lehrmeister für Lustknaben, ein Vorbild [S. 231] für ungerechte Richter - und ein solcher Kerl wird von allen angejubelt. (3) Ich aber wandte dem Lügner den Rücken, da er alles fälscht, sowohl seine Gottlosigkeit als auch seine Kunst und den Menschen, den er darstellt 3. (4) Ihr freilich laßt euch von solchen Leuten fesseln und beschimpft diejenigen, die sich an euerem Treiben nicht beteiligen. Ich will nicht entzückt das Maul aufreißen, wenn sie im Chorus singen, und mich nicht in die gleiche Stimmung bringen lassen, wenn sich einer widernatürlich wiegt und biegt. (5) Was für absonderliches Zeug wird nicht bei euch ausgeheckt und durchgeführt! Man näselt und deklamiert Zoten, bewegt sich in unanständigen Gesten, und den Leuten, die auf der Bühne die Kunst ehren, wie man den Ehebruch treiben müsse, schauen euere Mädchen und Knaben zu. (6) Herrlich sind diese euere Hörsäle, die da offenkundig werden lassen, was in der Nacht Schändliches geschieht, und die Zuhörer mit Vorträgen von Schweinereien ergötzen. Herrlich sind auch euere lügendichtenden Poeten 4, die mit ihren Phantasiegestalten die Zuhörer betrügen.

1: * διδάγματα bedeutet, wie das folgende lehrt, dasselbe wie etwa διδασκαλίαι.
2: Vgl. Kap. XXXIII 11.
3: * S. TsgA S. 30.
4: πολλὰ ψεύδονται ἀοιδοί (vgl. unten Kap. XXXIV 6) war ein altes Schlagwort, s. Otto, Sprichw. d. Römer S. 283, n. 1444; vgl. Kukula, Römische Säkularpoesie S. 21.

 

 

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Einleitung zu Tatians Rede an die Bekenner des Griechentums
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger