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Tatian (2. Jdh.) - Rede an die Bekenner des Griechentums (Oratio ad Graecos)

20.

(1) Auch wenn ihr euch durch Arzneien heilen laßt (ich will dir das nachsichtig hingehen lassen 1), muß man wenigstens Gott das Zeugnis geben. Noch zieht uns ja die Welt herab und Schwäche ist’s, die uns die Materie aufsuchen heißt. (2) Nachdem die Seele ihre Flugkraft, den vollkommenen Geist, durch die Sünde verwirkt hatte 2, flatterte sie ängstlich wie ein junger Vogel und fiel zu Boden; und da sie also die Verbindung mit dem Himmel verloren hatte, begann sie die Gemeinschaft mit den niederen Dingen zu wünschen 3. (3) Verstoßen wurden die Dämonen, ausgetrieben wurden die ersten Menschen 4: jene wurden vom Himmel herabgestürzt, diese von der Erde vertrieben, aber nicht von der heute bestehenden, sondern aus einer, die besser eingerichtet [S. 227] war als die gegenwärtige 5. Daher müssen wir in dem sehnsüchtigen Streben nach dem ursprünglichen Zustande alles abwerfen, was uns hindern kann. (4) Nicht unendlich, o Mensch, ist der Himmel, sondern endlich und begrenzt. Was über ihm liegt, die besseren Welten 6, die haben keinen Wechsel der Jahreszeiten, durch die allerlei Krankheiten verursacht werden: dort herrscht überall mildes Klima, ununterbrochen währen der Tag und ein Licht, zu dem kein irdischer Mensch zukommen kann 7. (5) Die Verfasser von Erdbeschreibungen haben, soweit das ein Mensch vermag, Schilderungen der Länder gegeben; da sie aber von dem, was darüber hinaus liegt, nichts zu erzählen vermochten, weil hier keine Anschauung möglich ist, so faselten sie in ihren Erklärungsversuchen von Ebbe und Flut, von Meeren, deren eines lauchgrün, das andere schlammig sei, von Erdstrichen mit glühender Hitze oder eisiger Kälte. (6) Wir aber haben, was wir nicht wissen können, durch die Propheten 8 gelernt, die in dem festen Gauben, daß gemeinsam mit der Seele der Geist, der himmlische Harnisch unserer Sterblichkeit 9, dereinst die Unsterblichkeit erwerben werde, das voraussagten, was die übrigen Seelen nicht erkannten. (7) Möglich aber ist es für jeden, der entblößt ist, jenes Kleinod (den himmlischen Harnisch) zu erlangen und so zur ursprünglichen Gemeinschaft (der Seele mit dem Geiste) 10 zurückzukehren.

1: S. Anmerkung zu Kap. XVIII 2.
2: Vgl. Kap. XIII 5.
3: Geffcken ZgrA. S. 106 erinnert an die analoge Schilderung im Hymnus der Naaßener.
4: Vgl. Kap. VII 5.
5: Die Vorstellung kongruiert mit den griechisch-römischen Mythen vom Goldenen Zeitalter und Reiche Saturns.
6: αἰῶνες οἱ κρείττονες kling an die Terminologie der Gnostiker an, vgl. zu § 2 und Kap. XIII 4.
7: Vgl. 1Tim. 6,16.
8: Vgl. Kap. XII 6; 11; XXXVI 4.
9: Vgl. Kap. XIII; XVI 6.
10: *Mißvertsnaden von Gröne, Harnack und Puech: s. Kap. XII 1 und XIII 5; συγγένειαν ist hier in anderem Sinne gebraucht als συγγενὴς in Kap. V 6 (s. die Anm. z. d. St.).

 

 

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Einleitung zu Tatians Rede an die Bekenner des Griechentums
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger