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Tatian (2. Jdh.) - Rede an die Bekenner des Griechentums (Oratio ad Graecos)

15.

(1) So bleibt uns nichts übrig, als nach dem, was wir besaßen und verloren haben, jetzt zu suchen: die Seele mit dem heiligen Geist zu verbinden und die gottgewollte Vermählung mit ihm zu bewirken.

(2) Die Seele der Menschen ist nicht ein-, sondern vielteilig; denn sie ist zusammengesetzt, so daß sie überall am Leibe offenbar wird: ja sie könnte ebensowenig ohne den Leib in Erscheinung treten wie das Fleisch ohne die Seele aufstehen kann. (3) Denn der Mensch ist nicht, wie die Rabenkrächzer 1 lehren, ein vernünftiges, [S. 218] für Verstehen und Wissen empfängliches Tier (nach ihnen wird man auch von den unvernünftigen Tieren „nachweisen“ können, daß sie fähig seien, zu verstehen und zu wissen 2), (4) sondern der Mensch allein ist Ebenbild und Gleichnis Gottes und ich nenne nicht den einen Menschen, der wie die Tiere handelt, sondern den, der über sein Menschentum hinaus zu Gott selbst gelangt ist. (5) (Darüber habe ich in meinem Buche über die Tiere Genaueres zusammengetragen: jetzt aber kommt es hauptsächlich 3 darauf an, wie sich’s mit dem „Ebenbild und Gleichnis Gottes verhalte“.) (6) Unvergleichbar ist nur das absolut Seiende (d.i. Gott), vergleichbar nur das Ebenbildliche (d.i. der Mensch) 4. Unfleischlich ferner ist der vollkommene Gott, der Mensch aber ist Fleisch: das Band seines Fleisches ist die Seele, Träger seiner Seele das Fleisch. (7) Nehmen wir nun an, dieser so gestaltete (aus Fleisch und Seele bestehende) Organismus gleiche einem Tempel, so will Gott in ihm wohnen durch den Geist, seinen Abgesandten 5; ist er aber kein solches Heiligtum, so ist der Mensch den Tieren nur durch seine artikulierte Stimme überlegen und, da seine anderen Lebensäußerungen durchaus den tierischen gleichen, auch kein „Gleichnis Gottes“. (8) Die Dämonen dagegen sind alle ohne Fleisch und haben einen geistigen Organismus wie von Rauch und Nebel 6. (9) Nur die vom Geiste Gottes [S. 219] Beschützten vermögen daher die Gestalten der Dämonen zu sehen 7; die übrigen Menschen, ich meine diejenigen, in denen nur die Seele ohne den Geist wohnt 8, vermögen es nicht, weil das Niedrigere nicht das Höhere zu erfassen vermag. (10) Das freilich ist auch der Grund, warum das Wesen 9 der Dämonen keine Möglichkeit der Buße besitzt; denn sie sind bloß Spiegelbilder der Materie und der Bosheit 10. (11) Die Materie aber wollte die Seele knechten und so haben die Dämonen, da sie willensfrei sind 11, den Menschen Gesetze des Todes geben können. Doch die Menschen haben nach dem Verlust der Unsterblichkeit durch die im Glauben vollzogene Selbstabtötung den Tod besiegt und mittels der Buße ward ihnen Berufung zuteil gemäß dem Worte: „nachdem sie nur eine kurze Zeit unter die Engel erniedrigt worden waren“ 12. (12) Jeder Besiegte kann eben wiederum siegen, wenn er den Zustand des Todes abtut. Was darunter zu verstehen sei, werden die Menschen, die nach der Unsterblichkeit streben, leicht erkennen 13.

1: Vgl. Kap. I 7.
2: Tatian stellt sich mit dieser These in Gegensatz zu den anderen Apologeten, s. Geffcken ZgrA. S. 243, Anm. 2.
3: S. TsgA. S. 15.
4: * Seltsam mißverständlich Gröne, Harnack, Puech u.aa.; denn im Text steht αὐτὸ τὸ ὄν, nicht αὐτὸ τὸ εἶναι. Mit αὐτὸ τὸ ὄν aber meint Tatian das „an und für sich Seiende“, das Voraussetzungslose, also den „vollkommenen Gott“ wie der folgende Satz besagt, den „Vater der Unvergänglichkeit“ (Kap. XXXII 1, vgl. IV 3); ihm ist gegenübergestellt τὸ παρόμοιον (erg. τῷ ὄντι), also „das, was sich dem Seienden κατ᾿ἐξοχήν (Gott) angleicht,“ die ὁμοίωσις τοῦ θεοῦ (§4), die das absolut Seiende (Gott) zu Voraussetzung hat, d.i. der unvollkommene Mensch.
5: 1Kor. 3,16; 6,19; 2Kor. 6,16; Eph. 2,21.22; 1Petr. 2,5; Hebr. 3,6; Röm. 8,9.
6: Vgl. Kap. XII 7.
7: Vgl. Kap. VI 4.
8: Ich umschreibe damit den Ausdruck „Psychiker“ (ψυχικοί), den Tatian hier und Kap. XVI 5 mit den Gnostikern gemein hat; vgl. übrigens 1Kor. 2,14.
9: ἀπόστασις, s. Anm. zu Kap. V 1.
10: Sie besitzen also nur das πνεῦμα ὑλικόν, nicht das θεῖον, ohne welches jegliche Rettung ausgeschlossen ist (vgl. Kap. XIII und XV 1).
11: Von Gröne und Harnack mißverstanden.
12: Ps. 8,5.
13: S. TsgA. S. 4.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger