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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Dreizehntes Buch

23. Worüber urteilt der geistige Mensch? (Nach Gen. 1, 2).

Daß er aber alles richtet, heißt, daß er Gewalt hat über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels, über alle zahmen und wilden Tiere, über die ganze Erde und alles Gewürm, "das da über die Erde kreucht". Dies nämlich lehrt ihn die Erkenntnis des Geistes, durch den "er vernimmt, was des Geistes Gottes ist"1. Sonst "hat ja der Mensch seine bevorzugte Stellung nicht erkannt; er hat sich den unvernünftigen Tieren gleichgestellt und ist ihnen ähnlich geworden"2. Darum gibt es in deiner Kirche, o Herr, unser Gott, kraft der Gnade, die du ihr verliehen - sind wir ja "dein Gebilde und zu guten Werken geschaffen!"3 -, nicht nur solche, die deine Kirche nach deinem Geiste leiten, sondern auch solche, die diesen Leitern in geistiger Weise untertan [S. 363] sind. So hast du ja auch den Menschen im Reiche deiner Gnade als Mann und Weib geschaffen, wo es dem körperlichen Geschlechte nach weder Mann noch Weib, "weder Juden noch Griechen, weder Freie noch Sklaven"4 gibt. Die geistigen Glieder deiner Kirche also, mögen sie nun Leiter oder Untergebene sein, urteilen geistig. Allein sie urteilen nicht über die geistigen Erkenntnisse, die "am Firmamente leuchten", da man über so erhabene Dinge sich kein Urteil erlauben darf, auch nicht über deine Heilige Schrift selbst, wenn auch darin manches dunkel ist; denn wir unterwerfen ihr unsern Verstand und halten für gewiß, daß auch das, was unserer Erkenntnis noch verschlossen ist, doch sichere und zuverlässige Wahrheit ist, So muß der Mensch, obwohl bereits ein geistiges Wesen und erneuert "in der Erkenntnis nach dem Bilde dessen, der ihn erschaffen hat"5, "das Gesetz ausüben, nicht es beurteilen"6. Auch steht dem geistigen Menschen nicht das Urteil zu über jene erwähnte Unterscheidung zwischen Geistes- und Sinnesmenschen; nur deinen Augen, o Herr, sind sie bekannt, solange sie sich uns noch durch keine Werke offenbar gemacht haben, so daß wir sie "an ihren Früchten "7 zu erkennen vermöchten. Du aber, o Herr, kennst sie bereits, hast sie gesondert und im Verborgenen berufen, noch ehe das Firmament gegründet ward. Ebensowenig urteilt der Mensch, auch wenn er bereits geistig ist, über die unruhigen Scharen dieser Welt. "Denn wie darf er sich ein Urteil über die erlauben, die draußen sind"8, da er nicht weiß, wer von dort noch zur Süßigkeit der Gnade gelangen, wer in der beständigen Bitterkeit der Gottlosigkeit verharren wird?

Daher hat also der Mensch, den du "nach deinem Ebenbilde" erschaffen, nicht Gewalt über die Lichter des Himmels empfangen und auch nicht über jenen verborgenen Himmel noch über Tag und Nacht, die du vor der Schöpfung des Himmels schufst, noch auch über die [S. 364] Sammlung der Wasser, die das Meer bilden. Aber er hat Gewalt empfangen über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels, über alle Tiere, über die ganze Erde und alles Gewürm, "das da auf Erden kreucht". Denn er urteilt und billigt, was er für recht findet, mißbilligt aber, was ihm unrecht erscheint, sei es bei der Feier jener Sakramente, durch die diejenigen volle Mitglieder deiner Kirche werden, die dein Erbarmen aus der Fülle der Wasser hervorzieht, sei es bei jener Feier, wo jener Fisch ausgeteilt wird, der, aus der Tiefe erhoben, der gläubigen Erde als Speise vorgesetzt wird, sei es auch in bezug auf die Worte und Reden, die dem Ansehen deiner Schrift unterworfen sind und gleichsam unter dem Firmamente dahinfliehen und bei Erklärung, Auslegung, Erörterung, Lossprechung, Lobpreisung und Anrufung deines Namens aus dem Munde stürzen und laut ertönen, so daß das Volk antwortet: Amen. Der Grund, warum alle diese Worte in dieser Weise gesprochen werden mußten, liegt im Abgrunde der Welt und in der Blindheit unseres Fleisches, so daß reine Gedanken nicht gesehen werden können, sondern durch das Medium der Stimme in den Ohren ertönen müssen. In diesem Sinne also vermehren sich die Vögel wohl auf der Erde, haben aber dennoch ihren Ursprung in den Wassern. "Der geistige Mensch urteilt" auch, indem er billigt, was er recht findet, mißbilligt, was ihm unrecht erscheint, in den Werken und Sitten der Gläubigen, ihren Almosen, die da ein fruchttragendes Erdreich sind; er urteilt über die lebendigen Seelen, deren Leidenschaften durch Keuschheit, Kasteiung und fromme Betrachtungen über alles, was wir mit den körperlichen Sinnen wahrnehmen, gezähmt worden sind. Kurz, dort hat er ein Urteil, wo er auch die Macht zu bessern hat.

1: Ebd. 2,14.
2: Ps. 48,13.
3: Ephes. 2,10.
4: Gal. 3,28.
5: Kol. 3,10.
6: Jak. 4,11.
7: Matth. 7,20.
8: 1 Kor. 5,12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger