Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Dreizehntes Buch

21. Allegorische Deutung von Gen. 1, 24.

Und das ist der Grund dafür, daß nach deinem Worte nicht die Tiefe des Meeres, sondern die von den bitteren Gewässern geschiedene Erde nicht etwa kriechende Tiere und Vögel mit lebendiger Seele, sondern "eine lebendige Seele"1 hervorgebracht hat. Denn diese bedarf nicht mehr der Taufe, so wie sie die Heiden bedürfen und auch sie selbst noch bedurfte, als sie noch von den Wassern überdeckt war. Denn es gibt keinen anderen Eingang "in das Himmelreich"2, seitdem du sie zur Bedingung für den Eintritt gemacht hast; sie verlangt auch nicht mehr nach den Großtaten deiner Wunder, um infolge davon zu glauben. Sie glaubt jetzt, auch "wenn sie nicht Zeichen und Wunder sieht"3, da sie bereits gläubiges, von den Wassern des durch seinen Unglauben bitteren Meeres geschiedenes Erdreich ist; und "die feurigen Zungen sind kein Zeichen für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen"4. Dieser Art von geflügelten Wesen also, die "die Wasser auf dein Wort hervorbrachten", bedarf nicht mehr die Erde, die du "über den Wassern"5 gegründet hast. Sende ihr [S. 359] nur durch deine Boten dein Wort. Denn wir erzählen wohl von ihren Werken, aber du bist es, der in ihnen wirkt, so daß sie dann "eine lebendige Seele" hervorbringen. Die Erde bringt sie hervor, weil die Erde die Ursache ist, daß sie auf ihr solches wirken, wie das Meer die Ursache war, daß sie "kriechende Wesen mit lebendiger Seele und Vögel unter dem Firmamente des Himmels" hervorbrachten, deren die Erde nun nicht mehr bedarf, wenn sie sich auch mit dem aus der Tiefe gehobenen Fische nährt "an dem Tische, den du vor dem Angesichte der Gläubigen bereitet hast"6. Denn darum ward er ja aus der Tiefe erhoben, um der trockenen Erde zur Speise zu dienen. Auch die Vögel sind aus dem Meere hervorgegangen, aber trotzdem vermehren sie sich auf der Erde. Denn das erste Auftreten der Verkündiger des Evangeliums wurde durch den Unglauben der Menschen veranlaßt; aber auch an die Gläubigen unter ihnen ergehen immer wieder ihre Ermahnungen, auch diesen spenden sie Tag für Tag ihren Segen. Doch die lebende Seele hat von der Erde ihren Ursprung; denn nur denen, die bereits gläubig sind, nutzt es, sich der Liebe zu dieser Welt zu enthalten, so daß ihre Seele jetzt dir lebt, die "tot war, als sie in der Lust"7 lebte, in todbringender Lust, o Herr; denn nur du bist eines reinen Herzens Leben und Wonne.

Laß also deine Diener jetzt auf Erden wirken, nicht wie in den Wassern des Unglaubens durch Verkündigung und Predigt von Wundern, Geheimnissen und mystischen Worten, auf die die Unwissenheit, die Mutter der Bewunderung, in der Furcht vor verborgenen Zeichen ihr Augenmerk richtet. Denn das ist der Weg, der Adams Söhne, die deiner vergessen haben, solange sie sich vor deinem Angesichte verbergen und ein Abgrund werden, zum Glauben führt. Nun sollen deine Diener auch wirken auf der trockenen, von den Strudeln des Abgrundes geschiedenen Erde, sie sollen ein Vorbild für die Gläubigen sein, vor denen sie leben und die sie zur Nachahmung aneifern. Denn nicht bloß um zu hören, sondern [S. 360] auch um sie zu befolgen, werden sie dann die Worte hören: "Suchet den Herrn, und eure Seele wird leben, so daß die Erde wirklich lebende Seelen hervorbringt"8. "Machet euch nicht gleichförmig dieser Welt"9, enthaltet euch ihrer. Denn wenn die Seele sie flieht, so wird sie leben, sterben aber, wenn sie nach ihr Verlangen trägt. Enthaltet euch des unbändigen, wilden Stolzes, der erschlaffenden Lust der Sinnlichkeit und des trügerischen Scheines der Wissenschaft, damit die wilden Tiere zahm, die Haustiere sanft und die Schlangen unschädlich werden. Denn die leidenschaftlichen Regungen der Seele sind in ihnen symbolisch verkörpert. Jedoch sind der Dünkel des Hochmuts, der Genuß der Sinnenlust und das Gift des Vorwitzes Leidenschaften einer toten Seele. Aber die Seele stirbt nicht so, daß sie jeglicher Regung beraubt wird, sie stirbt vielmehr, wenn sie sich vom Quell des Lebens entfernt; dann taucht sie in der vergänglichen Welt unter und wird ihr gleichförmig.

Dein Wort aber, o Herr, ist die Quelle des ewigen Lebens und unvergänglich; deshalb verbietet dein Wort diese Entfremdung, indem es zu uns spricht: "Machet euch nicht gleichförmig dieser Welt", damit die Erde in dem Quell des Lebens eine lebendige Seele in uns erzeuge, eine keusche Seele erzeuge in deinem Worte, wie deine Diener es predigen, indem sie den Nachfolgern deines Gesalbten nachfolgt. Dies bedeutet nämlich der Ausdruck "nach ihrer Art", weil der Mann gern dem Vorbilde seines Freundes nacheifert. "Seid", so sagt der Apostel, "wie ich, weil auch ich bin wie ihr"10. So werden in der lebendigen Seele durch die Sanftmut ihres Wandels gute Tiere wohnen. Denn du hast geboten: "In Sanftmut vollbringe deine Werke, und jedermann wird dich lieben"11. Auch die Haustiere werden gut sein; "wenn sie essen"12, wird es nicht im Übermaße [S. 361] sein, "wenn sie nicht essen"13, werden sie keinen Mangel leiden. Auch die Schlangen werden gut sein, nicht gefährlich und auf Schaden sinnend, sondern voll Klugheit und zur Vorsicht mahnend; nur insoweit werden sie die zeitliche Natur erforschen, als erforderlich ist, "vermittelst der erschaffenen Dinge die Ewigkeit zu erkennen"14 und zu schauen. Denn diese Tiere sind der Vernunft nützlich, wenn sie an der todbringenden Entfernung von Gott gehindert werden; dann bleiben sie leben und sind gut.

1: Gen. 1,24.
2: Joh. 3,5.
3: Ebd. 4,48.
4: 1 Kor. 14,22.
5: Ps. 135,6.
6: Ps. 22,5.
7: 1 Tim. 5,6.
8: Ps. 68,33.
9: Röm. 12,2.
10: Gal. 4,12.
11: Sir. 3,19.
12: 1 Kor. 8,8.
13: 1 Kor. 8,8.
14: Röm. 1,20.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
Erstes Buch
Zweites Buch
Drittes Buch
Viertes Buch
Fünftes Buch
Sechstes Buch
Siebtes Buch
Achtes Buch
Neuntes Buch
Zehntes Buch
Elftes Buch
Zwölftes Buch
Dreizehntes Buch
. . Mehr
. . 13. Auf Erden ist kein...
. . 14. Glaube und Hoffnung ...
. . 15. Allegorische Erklä......
. . 16. Gott allein erkennt ...
. . 17. Allegorische Deutung ...
. . 18. Allegorische Deutung ...
. . 19. Fortsetzung.
. . 20. Allegorische Deutung ...
. . 21. Allegorische Deutung ...
. . 22. Von der Erneuerung ...
. . 23. Worüber urteilt ...
. . 24. Warum hat Gott ...
. . 25. Allegorische Deutung ...
. . 26. Freude und Nutzen ...
. . 27. Bedeutung der Fisc...
. . 28. Warum hat Gott ...
. . 29. Wie soll man es ...
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger