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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Dreizehntes Buch

18. Allegorische Deutung von Gen. 1, 14.

Ich bitte dich, o Herr, laß, wie du gewöhnt bist, Freude und freudige Herzen zu schaffen, auch aufgehen "die Wahrheit aus der Erde" und herabsehen "deine Gerechtigkeit vom Himmel"1, auf daß "Lichter werden am Firmament"2. Laß uns "unser Brot dem Hungrigen" brechen und den Dürftigen "ohne Obdach in unser Haus" führen; gib, daß wir den "Nackten" kleiden und "die Angehörigen unseres Geschlechtes"3 nicht verachten. [S. 353] Wenn solche Früchte der Erde entsprießen, siehe, dann ist es gut; dann "mag auch unser zeitliches Licht hervorbrechen"4 und von den geringeren Früchten des tätigen Lebens zu den Wonnen der Betrachtung, die das Wort des höheren Lebens umfassen, sich erheben, dann laß uns erscheinen als "Himmelslichter in der Welt"5 die am Firmamente deiner Schrift innig vereint sind. Denn dort wirst du uns lehren, zwischen Geistigem und Sinnlichem wie zwischen Tag und Nacht zu scheiden, zwischen Seelen, die dem Geistigen, und solchen, die dem Sinnlichen ergeben sind; dann wirst du nicht mehr allein in der Verborgenheit deines Gerichtes wie vor der Entstehung des Firmamentes zwischen Licht und Finsternis scheiden, sondern auch deine geistigen Kinder, die du an dasselbe Firmament gesetzt und geordnet hast, werden deine Gnade über das Erdenrund offenbaren, indem auch "sie über die Erde hinleuchten, zwischen Tag und Nacht unterscheiden und zu Zeichen der Zeit werden"6. Denn sieh, "das Alte ist vergangen und alles neu geworden"7; "unser Heil ist näher, als da wir gläubig wurden"8; "die Nacht ist vorüber, der Tag aber bricht an"9; "du segnest den Umlauf deines Jahres"10, und sendest "Arbeiter in deine Ernte"11, um deren Aussaat "andere sich bemüht haben"12; andere aber sendest du auch in eine andere Aussaat, die erst am Ende der Welt geerntet werden wird. So gewährest du dem Bittenden seine Wünsche und segnest die Jahre des Gerechten; "du aber bist immer derselbe"13, und deine Jahre, die nicht abnehmen, sind die Schatzkammer, wo du unsere vergänglichen Jahre aufbewahrst. Denn nach ewigem Ratschlusse spendest du der Erde die himmlischen Gaben zu ihrer Zeit. "Dem einen wird durch deinen Geist das Wort der Weisheit"14, sozusagen "das größere Licht"15 verliehen um derentwillen, die sich an dem reinen Lichte der Wahrheit [S. 354] wie an der Morgenröte erfreuen, "dem anderen dagegen im selben Geiste das Wort der Wissenschaft, sozusagen das kleinere Licht, einem anderen der Glaube, einem anderen die Gabe, Kranke zu heilen, einem anderen die Gabe, Wunder zu wirken, einem anderen die der Weissagung, einem anderen, die Geister zu unterscheiden, einem anderen, in mancherlei Sprachen zu reden"16, und alle diese Gaben gleichen den Sternen. Denn "alles dies wirkt ein und derselbe Geist, der seine Gaben so, wie er will, an die einzelnen verteilt und sie als Sterne uns zum Heile erscheinen und hervortreten läßt"17. Die Sprache der Wissenschaft aber, die alle Geheimnisse umfaßt, die je nach der Zeit wechseln wie der Mond, und die übrigen Gaben, die ich weiterhin mit den Sternen verglich - was sind sie neben jener herrlichen Weisheit, deren sich der verheißene Tag erfreut, anderes als die Dunkelheit einer finsteren Nacht? Sie sind ja für solche nötig, zu denen dein Diener in seiner Weisheit "nicht reden konnte wie zu geistig, sondern wie zu fleischlich Gesinnten"18, er, der "zu Vollkommenen die Sprache der Weisheit"19 redet. "Aber der sinnliche Mensch, der gleichsam in Christus noch ein Kind ist"20 und daher mit Milch sich nähren muß, bis er für kräftigere Speise erstarkt ist und sein Auge den Anblick der Sonne ertragen kann, soll in seiner finsteren Nacht sich nicht verlassen fühlen; doch begnüge er sich mit dem Lichte des Mondes und der Sterne. Dies lehrst du uns, mein Gott, du höchste Weisheit, in deinem Buche, deinem Firmamente, damit wir in wunderbarer Betrachtung alles unterscheiden, wenngleich jetzt nur erst in Zeichen und Zeiten und Tagen und Jahren.

1: Ps. 84,12.
2: Gen. 1,14.
3: Is. 58,7 f.
4: Is. 58,8.
5: Phil. 2,15.
6: Gen. 1,14.
7: 2 Kor. 5,17.
8: Röm. 13,11 f.
9: Ebd.
10: Ps. 64,12.
11: Matth. 9,38.
12: Joh. 4,38.
13: Ps. 101,28.
14: 1 Kor. 12,8.
15: Gen. 1,16.
16: 1 Kor. 12,8-10.
17: Ebd. 12,11.
18: Ebd. 3,1.
19: Ebd. 2,6.
20: Ebd. 2,14 und 3,2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger