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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Dreizehntes Buch

15. Allegorische Erklärung der Begriffe Firmament und Wasser

Oder wer anders als du, unser Gott, hat über uns das Firmament des Ansehens in deiner göttlichen Schrift [S. 349] über uns ausgespannt? "Der Himmel wird aufgerollt werden wie eine Bücherrolle"1, und jetzt schon dehnt er sich über uns aus wie ein Fell. Deine heiligen Schriften genießen noch höheres Ansehen, seit die Sterblichen, durch die du uns sie vermittelt, dahingegangen sind. Und du weißt, o Herr, du weißt es, wie du die Menschen mit Fellen umkleidet hast, als sie durch die Sünde sterblich wurden. Daher hast du einem Felle gleich das Firmament deines Buches, deine überall übereinstimmenden Offenbarungen ausgespannt, und sie durch Vermittelung sterblicher Menschen über uns gesetzt. Denn gerade durch ihren Tod wird das Ansehen, das die von ihnen mitgeteilten Worte genießen, unverrückbar hoch über alles, was darunter ist, ausgebreitet, während es bei ihren Lebzeiten noch nicht so erhöht und verbreitet war. Noch nicht hattest du "den Himmel einem Felle gleich" ausgespannt, noch nicht hattest du den Ruf von ihrem Tode überallhin getragen.

Laß uns, o Herr, sehen "die Himmel, das Werk deiner Hände"2, zerstreue die Wolken, mit denen du sie unsern Augen verhüllst. Dort ist dein Zeugnis, "das den Kleinen Weisheit verleiht"3. Bereite dir, o Herr, "dein Lob aus dem Munde der Kinder und Säuglinge"4. Denn wir kennen keine anderen Bücher, die in gleicher Weise zunichte machen den Stolz, in gleicher Weise vernichten ihn, "der Feind und Verteidiger zugleich"5, der, der Versöhnung mit dir widerstrebend, seine Sünden verteidigt. Herr, ich kenne wahrlich keine keuscheren Worte, die mich zum Bekenntnisse bewegten und meinen Nacken so unter dein Joch beugten und mich einluden, dir aus Liebe zu dienen. Laß mich sie verstehen, gütiger Vater; denn ich habe mich ihnen unterworfen, und du hast sie für die gesprochen, die sich ihnen unterwerfen.

Es gibt, glaube ich, noch andere Gewässer über dieser Feste, unsterbliche an die irdische Verderbnis sich [S. 350] nicht heranwagt. Mögen deinen Namen, mögen dich loben die überirdischen Heerscharen deiner Engel, die nicht nötig haben, zu dieser Feste aufzublicken und dein Wort durch Lesen zu erkennen. "Sie schauen ja allzeit dein Angesicht"6 und lesen dort ohne die in der Zeit verklingenden Silben, was dein ewiger Wille will. Sie lesen, wählen und lieben7 deine Worte; sie lesen immerdar, und nie vergeht, was sie lesen. Sie lesen selbst die Unwandelbarkeit deiner Ratschlüsse, wählen und lieben sie. Nie schließt sich ihr Buch, nie faltet sich ihre Schrift zusammen, denn du selbst bist ihr Buch und bist es in Ewigkeit; denn du hast sie gesetzt über dieses Firmament, das du über der Schwachheit der irdischen Scharen errichtet hast, damit sie zu ihm hinaufblicken und deine Barmherzigkeit erkennen, die dich, der du die Zeiten erschaffen, auch in der Zeit verkündigt. Denn "im Himmel, o Herr, wohnt deine Barmherzigkeit, und deine Wahrheit reicht bis zu den Wolken"8. Die Wolken vergehen, der Himmel aber bleibt. Die Verkünder deines Wortes gehen vorüber, aus diesem Leben in ein anderes; deine Schrift aber breitet sich aus über die Völker bis ans Ende der Zeiten. Aber auch "Himmel und Erde werden vergehen, doch deine Worte werden nicht vergehen"9. Denn auch das Fell des Himmels wird aufgerollt werden, und das Gras, über das es ausgespannt war, wird mit all seiner Pracht verschwinden; "dein Wort aber bleibt in Ewigkeit"10. Jetzt erscheint es uns noch "als ein Rätsel wie in eine Wolke gehüllt und wie durch den Spiegel des Himmels"11, nicht so, wie es wirklich ist; denn obwohl wir die Auserkorenen deines Sohnes sind, "so ist es doch noch keinem sichtbar geworden, was wir dereinst sein werden“12. In Fleischesgestalt warf er seine Netze nach uns aus, er lockte [S. 351] uns an, entflammte uns mit seiner Liebe, und wir eilen seinem Wohlgeruche nach. Aber "wenn er wieder. erscheint, dann werden wir ihm ähnlich sein; denn da werden wir ihn schauen, wie er wirklich ist"13. Ihn zu sehen, wie er ist, das ist unsere Bestimmung, o Herr; aber noch ist es uns nicht vergönnt.

1: Is. 34,4.
2: Ps. 8,4.
3: Ebd. 18,8.
4: Ebd. 8,3.
5: Ebd.
6: Matth. 18,10.
7: Im Lateinischen das schöne Wortspiel legunt, eligunt, diligunt.
8: Ps. 35,6.
9: Matth. 24,35.
10: Is. 40,8.
11: 1 Kor. 13,12.
12: 1 Joh. 3,2.
13: 1 Joh. 3,2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger