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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Zwölftes Buch

6. Seine manichäischen Ansichten und seine jetzigen über diesen Gegenstand.

Wollte ich dir aber, o Herr, alles mit Mund und Feder bekennen, was du mich von diesem Urstoffe gelehrt hast, dessen Namen ich schon früh hörte, allerdings ohne ihn zu verstehen, da die, die mir von ihm [S. 304] erzählten, ihn auch nicht verstanden, wer von den Lesern würde bis zum Ende ausharren? Damals dachte ich mir ihn in unzähligen mannigfaltigen Gestalten, und deshalb dachte ich ihn nicht. Abscheuliche, grauenhafte Gestalten sah mein Geist in wirrem Durcheinander an sich vorüberziehen, aber immerhin Gestalten, und formlos nannte ich es, nicht weil es keine Gestalt hatte, sondern weil seine Gestalt so beschaffen war, daß, wenn es sichtbar hervorgetreten wäre, mein Gefühl sich wie von etwas Ungewohntem und Fremdartigem abgewandt und die menschliche Schwachheit sich davor entsetzt hätte. In Wirklichkeit aber war das, was mir vorschwebte, nicht absolut formlos infolge des Fehlens jeglicher Form, sondern nur im Vergleich mit schöner gestalteten Dingen, und die Vernunft heischte von mir mit Recht, alles, was noch irgendwie an Gestalt erinnerte, hinwegzudenken, wenn ich mir etwas völlig Gestaltloses denken wollte; dazu aber war ich nicht imstande. Eher konnte ich mir vorstellen, das, was jeglicher Gestalt entbehre, sei überhaupt nicht, als daß ich dachte, es gebe ein Mittelding zwischen dem Geformten und dem Nichts, weder ganz Form noch ganz Nichts, etwas Gestaltloses, das beinahe Nichts sei. Und mein Verstand ließ ab, hierüber meinen Geist weiter zu befragen, der angefüllt war mit den Bildern gestalteter Körper und sie nach Gutdünken änderte und wechselte. Ich richtete mein Augenmerk auf die Körper selbst und machte ihre Veränderlichkeit zum Gegenstande eindringenderer Betrachtung; durch diese hören sie ja auf zu sein, was sie gewesen, und fangen an zu sein, was sie nicht waren. Und ich kam zu der Vermutung, daß dieser Übergang von einer Form in eine andere durch etwas Gestaltloses, nicht durch ein bloßes Nichts hindurch stattfinde; allein nach Erkenntnis, nicht nach Ahnungen strebte ich. Und wenn dir also Mund und Feder alles bekennte, was du mir über diese Frage enthüllt, wer von den Lesern würde bis zum Ende ausharren? Aber darum soll meine Seele nicht aufhören, dir die Ehre zu geben und dir ein Loblied anzustimmen auch um deswillen, was sie zu sagen nicht vermag. Denn die Veränderlichkeit der wandelbaren Dinge kann selbst alle Formen fassen, in [S. 305] welche wandelbare Dinge sich wandeln können. Und was ist diese? Etwa ein Geist? Oder ein Körper? Oder die Gestalt eines Geistes oder eines Körpers? Wenn man sagen könnte "Das Nichts ist etwas" oder "Sein ist gleich Nichtsein", so würde ich die Materie so bezeichnen. Und doch war sie schon in irgendeiner Form da, um die sichtbaren und wohlgebildeten Gestalten unserer Welt annehmen zu können.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger