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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Zwölftes Buch

29. Primäre und sekundäre Begriffe.

Aber jener, der die Worte "Im Anfange schuf Gott" nur in dem Sinne versteht, als ob es hieße "Zuerst schuf Gott", der kann sich in Wahrheit unter Himmel und Erde nichts anderes vorstellen als den Stoff des Himmels und der Erde, nämlich den ganzen, sowohl für die übersinnliche als auch für die körperliche Schöpfung. Denn wollte er das bereits gebildete All darunter verstehen, so könnte man ihn mit Recht fragen: Wenn Gott das zuerst geschaffen hat, was hat er denn dann später geschaffen? Nach der Erschaffung des Alls wird er nichts mehr finden und deshalb unwillig die neue Frage anhören müssen: Wie hat er dieses zuerst erschaffen, wenn er nichts mehr nachher schuf? Meint er aber, Gott habe zuerst die gestaltlose, dann die gestaltete Welt erschaffen, so ist das nicht ungereimt, wofern er nur fähig ist, dabei zu unterscheiden, was durch seine Ewigkeit, was durch die Länge seiner Zeit, was nach menschlicher Schätzung, was durch seinen Ursprung früher ist: durch seine Ewigkeit zum Beispiel geht Gott allem Erschaffenen voran; durch Länge der Zeit die Blume der Frucht, in der Schätzung der Menschen die Frucht der Blume, dem Ursprunge nach der Ton dem Gesange. Von diesen vier Beispielen, die ich erwähnt habe, sind das erste und letzte sehr schwer, die beiden mittleren dagegen sehr leicht zu verstehen. Denn selten und überaus erhaben, o Herr, ist der Anblick deiner Ewigkeit, die, selbst unwandelbar, das Wandelbare schafft und deshalb ihm zeitlich vorangeht. Wessen Geist ist ferner so scharfsinnig, daß er ohne große Mühe zu unterscheiden vermöchte, wie der Ton früher ist als der Gesang, weil der Gesang gestalteter Ton ist und wohl etwas sein kann, ohne gestaltet zu sein, nicht aber etwas gestaltet [S. 332] werden kann, was nicht ist? So ist die Materie früher da als das, was aus ihr gemacht wird; aber nicht deswegen ist sie früher, weil sie die bewirkende Ursache ist, da sie vielmehr selbst erst wird; auch ist sie nicht der Zeit nach früher. Denn es ist nicht so, daß wir zuerst ungestaltete Töne ohne Gesang erschallen lassen und sie erst später zum Gesang umbilden und umformen, wie es bei dem Holze der Fall ist, aus dem wir einen Kasten, oder bei dem Silber, aus dem wir künstliche Gefäße herstellen; derartige Stoffe sind ja der Zeit nach eher vorhanden als die Gebilde von Gegenständen, die aus ihnen gestaltet werden. Aber bei dem Gesange ist es nicht so. Wenn man nämlich singt, so hört man den Schall des Gesanges; es ist nicht etwa zuerst ein formloser Schall da, der erst später zum Gesange gebildet wird. Denn der Schall, der zuerst in irgendeiner Weise erklingt, geht vorüber, und nichts ist davon mehr zu finden, was man wieder aufnehmen und dann künstlich zu Gesang zusammenordnen könnte: deshalb beruht der Gesang auf den Tönen, und diese bilden seine Materie. Diese wird zum Gesange gestaltet, und deshalb ist, wie ich schon vorher sagte, die Materie des Tones früher als die Form des Gesanges; allerdings ist sie nicht etwa früher durch die wirkende Ursache, denn der Ton ist kein Künstler, der den Gesang hervorbringt, sondern der Körper stellt ihn nur der Seele, die singen will, zur Hervorbringung des Gesanges zur Verfügung. Auch der Zeit nach ist der Ton nicht früher; denn Schall und Gesang werden gleichzeitig hervorgebracht. Ebenfalls nicht dem Worte nach; denn der Schall ist nicht mehr als der Gesang, da ja der Gesang nicht bloß Schall, sondern schön gestalteter Gesang ist. Früher ist er nur dem Ursprunge nach; denn der Gesang wird nicht gestaltet, auf daß ein Ton entstehe, sondern der Ton wird gestaltet, auf daß das Lied entstehe. Aus diesem Beispiele mag wer kann erkennen, wie die Materie der Dinge zuerst erschaffen und Himmel und Erde genannt worden ist, weil daraus Himmel und Erde erschaffen worden ist; sie ist nicht der Zeit nach zuerst erschaffen, weil die Gestalten der Dinge erst die Zeit heraufführen; sie selbst war aber gestaltlos und wurde erst in der Zeit zusammen mit [S. 333] dem aus ihr gestalteten Himmel und Erde wahr genommen. Und doch läßt sich von ihr nichts anderes sagen, als daß sie vergleichsweise zeitlich früher ist, während sie gewiß geringer zu achten ist, weil das Gestaltete sicherlich besser ist als das Gestaltlose; diesem aber muß vorangehen die Ewigkeit des Schöpfers, damit es aus dem Nichts hervortreten und Gestaltung erhalten kann.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger