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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Zwölftes Buch

25. Er wendet sich gegen die, welche die Erklärungen anderer kühn verwerfen.

Niemand belästige mich daher fürder mit den Worten: "Moses hat das nicht gemeint, was du sagst, sondern er hat das gemeint, was ich sage". Denn wenn er zu mir spräche: "Woher weißt du denn, daß Moses das gemeint hat, was du über diese seine Worte vorbringst?", so müßte ich es mit Gleichmut hinnehmen und ihm etwa antworten, was ich bereits oben sagte, vielleicht gar noch ausführlicher, wenn jener zu hartnäckig mir zusetzte. Wenn er aber sagt: "Das hat jener nicht gemeint, was du sagst, sondern was ich sage", ohne dabei in Abrede zu stellen, daß unsere beiden Ansichten richtig sind, dann, o du Leben der Armen, mein Gott, in dessen [S. 326] Herzen kein Widerspruch wohnt, dann träufle mir Sanftmut ins Herz, daß ich solche Menschen in Geduld ertrage; denn sie sagen mir solche Worte nicht, weil sie von deinem Geiste erfüllt sind und im Herzen deines Dieners gelesen haben, was sie sagen, sondern weil sie voll Stolz sind und die Ansicht des Moses nicht kennen, sondern nur die ihrige lieben, nicht weil sie die wahre, sondern weil sie die ihrige ist. Sonst würden sie ja eine andere wahre Ansicht ebenso gern gelten lassen, wie ja auch ich gern gelten lasse, was sie sagen wenn es nur wahr ist, nicht weil es ihr Ausspruch, sondern weil es wahr ist. Und weil ihre Ansicht wahr ist, deshalb gehört sie nicht mehr ihnen allein an. Wenn sie selbst deswegen ihre Ansicht lieben wollen, weil sie wahr ist, dann gehört sie bereits ihnen und mir an, da die Wahrheit Gemeingut aller ihrer Freunde ist. Solche Behauptungen aber, nicht das habe Moses gemeint, was ich sage, sondern was sie selbst sagen, liebe ich nicht, von solchen will ich nichts hören; denn auch wenn es so wäre, so ist doch ihre vermessene Behauptung keine Frucht ihrer Wissenschaft, sondern ihrer Überhebung; und kein prophetisches Schauen, sondern Hochmut hat sie erzeugt. Und deshalb, o Herr, sind deine Gerichte so furchtbar, weil deine Wahrheit nicht mir, nicht diesem oder jenem, sondern uns allen gehört; uns alle hast du öffentlich zur Teilnahme an ihr berufen mit der furchtbaren Warnung, sie nicht ausschließlich für uns beanspruchen zu wollen, da wir sonst ihrer verlustig gingen. Denn jeder, der für sich in Anspruch nimmt, was du allen zum Genusse bestimmst, und als sein alleiniges Eigentum ansehen will, was allen gehört, der wird von dem gemeinsamen Besitztum weg zu dem seinigen verwiesen, das ist von der Wahrheit zur Lüge. Denn wer "Lügen redet, der redet aus dem Seinigen"1.

Höre es, o Gott, du gütigster Richter und die Wahrheit selber, höre es, was ich einem solchen Widersacher entgegne, höre es; denn ich spreche vor deinem Angesichte und vor meinen Brüdern, die von "deinem Gesetze einen rechten Gebrauch"2 machen, um zu seinem [S. 327] Endziele, der Liebe, zu gelangen; höre es und habe acht auf das, was ich ihm sage, wenn es dir gefällt. Denn dieses brüderliche und friedliche Wort will ich ihm sagen: "Wenn wir beide sehen, daß, was du sagst, Wahrheit ist, und beide auch sehen, daß, was ich sage, Wahrheit ist, woher, ich bitte dich, können wir das erkennen? Sicherlich weder ich in dir, noch du in mir, sondern wir beide in der unwandelbaren Wahrheit selbst, die weit über unsere Geister erhaben ist. Wenn wir also über das Licht selbst, das uns von Gott, unserm Herrn, kommt, nicht streiten, warum sollen wir denn über die Gedanken unseres Nächsten streiten? Denn diese können wir doch nicht so erkennen, wie die unwandelbare Wahrheit erkannt wird; käme selbst Moses und spräche zu uns: "So habe ich es gemeint", so würden wir es dennoch nicht sehen, sondern müßten es glauben. So soll sich also keiner "über die Schrift und keiner hochmütig wider den andern erheben"3. Vielmehr lasset uns lieben "den Herrn unsern Gott, aus unserm ganzen Herzen, aus unserer ganzen Seele und aus unserm ganzen Gemüte und unsern Nächsten wie"4 uns selbst! Wenn wir nicht glauben, daß Moses auf Grund dieses doppelten Gesetzes der Liebe gedacht hat, was er sich bei Abfassung seiner Schriften gedacht hat, so machen wir Gott zum Lügner, da wir dann über den Geist unseres Mitknechtes anders denken, als er uns gelehrt hat. Sieh also, wie töricht die frevelhafte Behauptung ist, Moses habe aus einer so großen Anzahl ganz wahrer Ansichten, die man aus Worten entnehmen kann, gerade eine bestimmte beabsichtigt, wie töricht es ist, durch gefährliches Gezänk die Liebe selbst zu verletzen, um derentwillen jener, dessen Worte wir zu erklären wagen, alles gesagt hat.

1: Joh. 8,44.
2: 1 Tim. 1,8.
3: 1 Kor. 4,6.
4: Deut. 6,5 und Matth. 22,37 und 39.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger