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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Zwölftes Buch

17. Die Worte "Himmel und Erde" können in verschiedenem Sinne aufgefaßt werden.

Sie sagen nämlich "Im Ganzen mag das immerhin wahr sein; doch dachte Moses nicht an jenes Zweifache, als er vom Heiligen Geiste erleuchtet sagte: "Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde"1. Mit dem Worte [S. 317] Himmel hat er so wenig jene geistigen, mit Erkenntnisvermögen begabten Wesen, die immerdar Gottes Antlitz schauen, bezeichnen wollen, wie mit dem Namen Erde die gestaltlose Materie". Was denn also? "Was wir behaupten", so fahren sie fort, "das meinte auch jener Mann, und das sprach er in jenen Worten aus". Was ist denn das also? "Mit dem Ausdrucke Himmel und Erde", so erklären sie jetzt, "wollte er zuerst im allgemeinen und kurz diese ganze sichtbare Welt bezeichnen, um dann erst bei der Aufzählung der einzelnen Tage gewissermaßen im einzelnen das Ganze zu ordnen, was dem Heiligen Geiste auf diese Weise vorwegzunehmen beliebt. Denn jenes rohe, nur am Sinnlichen hängende Volk, zu dem er sprach, bestand aus Menschen der Art, daß er glaubte, ihnen nur die sichtbaren Werke Gottes vorführen zu dürfen". Doch unter der gestaltlosen und leeren Erde und dem dunklen Abgrunde, aus denen, wie in der Folge gezeigt wird, in jenen Tagen die ganze sichtbare, allen bekannte Welt geschaffen und geordnet worden, könne, so geben sie übereinstimmend zu, ganz passend jene gestaltlose Materie verstanden werden.

Wie aber, wenn ein anderer behauptete: eben diese gestaltlose und ungeordnete Masse sei zuerst mit dem Namen Himmel und Erde bezeichnet worden, weil aus ihr diese sichtbare Welt mit allen Wesen, die jetzt auf ihr offenbar erscheinen und die man in der Regel Himmel und Erde nenne, gebildet und vollendet worden? Wie wenn wieder ein anderer behauptete: die ganze unsichtbare und sichtbare Schöpfung sei nicht unpassend Himmel und Erde genannt worden und so sei die ganze Schöpfung, welche Gott in Weisheit, das heißt im Anfange geschaffen, in diese zwei Wörter zusammengefaßt worden? Da jedoch alles, was erschaffen worden, nicht aus der Wesenheit Gottes, sondern aus dem Nichts erschaffen worden, weil es nicht mit Gott gleichen Wesens ist und allem eine gewisse Veränderlichkeit innewohnt, ob es nun Dauer habe wie das ewige Haus Gottes oder im Wechsel begriffen sei wie Leib und Seele des Menschen, so sei, könnte der Betreffende weiter behaupten, mit dem Ausdrucke Himmel und Erde die gemeinsame, [S. 318] bis dahin noch gestaltlose, jedenfalls aber gestaltungsfähige Materie, aus der Himmel und Erde, das ist die unsichtbare und sichtbare, in beiden Fällen bereits gestaltete Schöpfung, entstehen sollten, bezeichnet worden. Wenn diese nun genannt werde "gestaltlose und leere Erde" und "Finsternis über dem Abgrunde", so sei dabei noch der Unterschied zu beachten, daß unter der "gestaltlosen und leeren Erde" die körperliche Materie vor Annahme jeglicher Gestalt verstanden werde, unter der "Finsternis über dem Abgrunde" aber der geistige Stoff, bevor seiner gleichsam dahinfließenden Maßlosigkeit eine feste Schranke gesetzt und er durch die himmlische Weisheit erleuchtet wurde.

Weiter könnte wohl noch jemand sagen: Wenn es in der Schrift heißt: "Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde", so sollen mit den Worten Himmel und Erde nicht die vollendeten und gestaltlosen sichtbaren und unsichtbaren Wesen bezeichnet werden, sondern nur der noch gestaltlose Entwurf der Dinge, das gestaltungs- und bildungsfähige Sein sei damit bezeichnet worden; denn in ihm sei bereits, wenn auch in wirrem Durcheinander, noch nicht durch besondere Eigenschaften und Formen geschieden, das vorhanden, was jetzt in seiner Ausgestaltung Himmel und Erde heiße, wobei jener die geistige Schöpfung, diese die Körperwelt bedeute.

1: Gen. 1,1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger