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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Zwölftes Buch

15. Die Gegner vermögen seine Gedanken über Gott, die Engel und die gestaltlose Materie nicht zu widerlegen.

Wollt ihr wohl behaupten, es sei falsch, was mir die Wahrheit mit starker Stimme über die wahrhaftige Ewigkeit des Schöpfers ins Ohr meines Geistes ruft, daß nämlich seine Wesenheit durchaus nicht durch die Zeiten Veränderung erleidet noch sein Wille von seiner Wesenheit verschieden ist? Daher will er auch nicht bald dieses, bald jenes, sondern nur einmal und zugleich und immer will er alles, was er will; er will nicht wieder und wieder und nicht heute das, morgen jenes, er will auch nicht, was er früher nicht wollte, oder will das nicht, was er früher wollte. Denn ein solcher Wille ist veränderlich; was aber veränderlich ist, ist nicht ewig; unser Gott aber ist ewig. Wollt ihr ferner behaupten, es sei falsch, was mir die Wahrheit ins Ohr meines Inneren ruft: daß die Erwartung der zukünftigen Dinge zur Anschauung wird, sobald sie gegenwärtig werden, und daß die Anschauung zur Erinnerung wird, sobald sie vorübergegangen? Daß desgleichen jegliche Geistestätigkeit, die so dem Wechsel unterworfen ist, veränderlich und alles Veränderliche nicht ewig ist? Unser Gott aber ist ewig. Diese Wahrheiten stelle ich zusammen, verbinde sie und finde, daß mein Gott, der ewige Gott, die Schöpfung nicht mit einem neuen Willen ins [S. 313] Dasein gerufen hat und sein Wissen keinen Platz für Vorübergehendes bietet.

Was wollet ihr also gegen diese Feststellungen sagen, ihr Widersacher? Sind sie etwa falsch? "Nein, müssen sie sagen. Was dann? Ist es etwa falsch, daß jedes gestaltete Wesen oder die gestaltungsfähige Materie nur von dem ihren Ursprung haben kann, der unendlich gut ist, weil er unendlich ist? "Auch das leugnen wir nicht", sagen sie. Was also? Wollt ihr etwa das Dasein gewisser erhabener Geschöpfe leugnen, die dem wahren und wahrhaft ewigen Gotte in so keuscher Liebe anhangen, daß sie, obschon ihm nicht gleichewig, sich doch durch keine Veränderlichkeit, keinen Wechsel der Zeiten von ihm wegwenden und vergehen, sondern in seiner wahrhaftigsten Anschauung allein ihre Ruhe haben? Denn du, o Gott, zeigst dich dem, der dich liebt, wie du es befiehlst, und du genügst ihm, und deshalb wendet er sich weder von sich noch von dir weg. Das ist das Haus Gottes, kein irdisches, auch kein körperliches, wenn auch vielleicht aus himmlischer Masse bestehend, sondern ein geistiges, das Teil an deiner Ewigkeit hat, weil es makellos In Ewigkeit bleibt. "Denn du hast es gebaut in Ewigkeit und in aller Ewigkeiten Ewigkeit; du hast aufgestellt ein Gesetz, und es wird nicht vergehen"1. Und dennoch ist es dir, o Herr, nicht gleichewig, da es nicht ohne Anfang ist; denn es ist geschaffen.

Wir finden allerdings keine Zeit, die vor jenen Geschöpfen gewesen wäre, da geschrieben steht, daß "früher als das Weltall die Weisheit geschaffen worden ist"2. Freilich ist das nicht jene Weisheit, die mit dir, unserm Gott, ihrem Vater, völlig gleichewig und wesensgleich ist, durch die alles geschaffen ist und die der Anfang ist, in dem du "Himmel und Erde" erschaffen hast, sondern gewiß eine erschaffene Weisheit, das heißt vernunftbegabte Wesen, die in der Anschauung des Lichtes selbst Licht sind und deshalb, obwohl geschaffen, auch Weisheit genannt werden können. Aber wie [S. 314] ein großer Unterschied besteht zwischen dem Lichte, das erleuchtet, und dem, das erleuchtet wird, ebenso auch zwischen der Weisheit, die erschafft, und der, die erschaffen ward, wie auch zwischen der Gerechtigkeit, die rechtfertigt, und der, die durch Rechtfertigung erworben wird. Denn auch wir heißen deine Gerechtigkeit; sagt doch irgendeiner deiner Diener "Auf daß wir Gerechtigkeit Gottes in ihm selbst seien"3. Es gibt also eine Weisheit, die "geschaffen ist vor allem übrigen" als ein vernünftiges und geistiges Wesen in deiner heiligen Stadt, unserer Mutter, die "dort oben und frei"4 und "ewig in den Himmeln ist"5. Und welche anderen Himmel könnten gemeint sein als die Himmel, von denen es heißt; "Die Himmel der Himmel"6 loben dich, denn dies ist ja auch der Himmel des Himmels, der dem Herrn gehört"? Finden wir nun auch vor ihrer Erschaffung keine Zeit, da sie, die "vor allen anderen Dingen erschaffen", auch der Schöpfung der Zeit vorangeht, so ist doch vor ihr die Ewigkeit des Schöpfers selbst; dieser hat sie erschaffen, von ihm hat sie ihren Anfang genommen, nicht den Anfang in der Zeit, denn es gab damals noch keine Zeit, sondern den Anfang ihres Bestehens.

Diese Wahrheit stammt also durchaus von dir, unserm Gotte, ist aber doch etwas ganz anderes als du und nicht gleichen Wesens mit dir; wir finden weder vor ihr noch in ihr eine Zeit, weil sie das Vorrecht hat, immer dein Angesicht zu schauen und sich niemals von ihm wegzuwenden, und deshalb unterliegt sie auch keiner Veränderung und keinem Wechsel. Aber doch wohnt ihrer Natur Veränderlichkeit inne, so daß sie der Finsternis und Erstarrung anheimfiele, wenn sie nicht dir in inniger Liebe anhinge und durch dich leuchtete und glühte wie eine ewige Mittagssonne. O Haus, strahlend von Licht und Herrlichkeit, "ich habe geliebt die Zierde deines Hauses und die Wohnstätte der Herrlichkeit"7 [S. 315] meines Herrn, deines Erbauers und Besitzers. Nach dir will ich seufzen während der Dauer meiner Pilgerschaft, und ich sage zu ihm, der dich erschaffen: er möge in dir auch mich besitzen, da er auch mich erschaffen. "Ich habe mich verirrt wie das verlorene Schaf"8. Der auf den Schultern meines Hirten, deines Schöpfers, Hoffe ich, zu dir zurückgebracht zu werden.

Was antwortet ihr mir nun, ihr Widersacher, zu denen ich sprach, da ihr doch glaubt, daß Moses ein fommer Diener Gottes gewesen und seine Schriften Aussprüche des Heiligen Geistes sind? Ist dies nicht das Haus Gottes, zwar keineswegs mit Gott gleichewig, aber doch in seiner Weise "ewig in den Himmeln"9, wo ihr vergeblich einen Wechsel der Zeiten sucht, weil ihr keinen finden werdet? Denn erhaben über alle Ausdehnung und über jeden flüchtigen Zeitraum ist der, dessen Glückseligkeit es ist, Gott anzuhangen"10. "Ja, es ist so, sagen sie. Was soll denn da nun nach eurer Behauptung von dem, was mein Herz zu meinem Gotte rufen, als es im Innern die Stimme seines Lobes vernahm, falsch sein? Etwa meine Annahme einer gestaltlosen Materie, in der es wegen des Mangels an Form auch keine bestimmte Ordnung gab? Wo aber auch keine Ordnung war, konnte auch kein Wechsel der Zeiten sein; und doch stammte bestimmt auch dieses Etwas, das doch kein Nichts war, soweit es überhaupt ein Dasein hatte, von dem, von dem alles stammt, was nur irgendwie Sein ist. "Auch das", sagen sie, "leugnen wir nicht."

1: Ps. 148,6.
2: Sir. 1,4.
3: 2 Kor. 5,21.
4: Gal. 4,26.
5: 2 Kor. 5,1.
6: Ps. 148,4.
7: Ebd. 25,8.
8: Ps. 118,176.
9: 2 Kor. 5,1.
10: Ps. 72,28.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger