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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Elftes Buch

18. Wie sind Vergangenheit und Zukunft gegenwärtig?

Laß mich, o Herr, meine Hoffnung, noch weiter forschen; laß mein Bemühen nicht gestört werden. Wenn es also eine Zukunft und eine Vergangenheit gibt, so möchte ich gern wissen, wo sie sind. Kann ich das auch noch nicht, so weiß ich doch, daß, wo sie auch sein mögen, sie dort nicht Zukunft oder Vergangenheit sind, sondern Gegenwart. Denn wäre die Zukunft dort auch Zukunft, so könnte sie dort noch nicht sein; wäre die Vergangenheit dort auch Vergangenheit, so wäre sie dort nicht mehr. Mögen sie also sein, wo sie wollen, sie sind dort nur Gegenwart. Wenn wir Vergangenes der Wahrheit gemäß erzählen, so werden aus dem Gedächtnisse nicht etwa die Gegenstände selber, die vergangen sind, hervorgeholt, sondern die in Worte gefaßten Bilder der Gegenstände, die diese, da sie an den Sinnen vorüberzogen, gleichsam als Spuren im Geiste zurückließen. Meine Kindheit zum Beispiel, die nicht mehr ist, gehört der Vergangenheit an, die nicht mehr ist; wenn ich ihrer aber gedenke und von ihr erzähle, so schaue ich ihr Bild in der Gegenwart, weil es noch in meinem Gedächtnisse ist. Ob nun bei den Prophezeiungen die Sache sich ähnlich verhält, so daß auch von Dingen, die noch nicht sind, schon existierende Bilder dem Geiste vorschweben, das, mein Gott, weiß ich nicht, ich bekenne es dir. Das aber weiß ich sicher, daß wir sehr oft über unsere zukünftigen Handlungen im voraus [S. 287] nachdenken und daß diese Überlegung gegenwärtig ist, die Handlung dagegen, über die wir nachdenken, noch nicht ist, da sie in der Zukunft liegt. Wenn wir uns aber an die Sache heranmachen und, was wir vorher überlegten, auszuführen beginnen, dann tritt die Handlung ins Sein, weil sie dann nicht mehr zukünftig, sondern gegenwärtig ist.

Was es auch immer für eine Bewandtnis mit jenem geheimnisvollen Vorgefühle haben mag, sehen kann man immer nur, was wirklich ist. Was aber bereits ist, ist nicht zukünftig, sondern gegenwärtig. Wenn man also von einem Schauen in die Zukunft redet, so meint man damit nicht ein Schauen dessen, was noch nicht ist, also ein Schauen der eigentlichen Zukunft, sondern nur ihrer Ursachen und Anzeichen, die bereits sind; diese sind für den Seher nicht zukünftig, sondern gegenwärtig, aus ihnen ersieht er die Zukunft und sagt sie vorher. Auch diese Vorstellungen selbst sind, und die Vorherverkünder der Zukunft schauen diese als gegenwärtig in sich. Aus der übergroßen Zahl der Dinge soll ein Beispiel für mich sprechen. Ich schaue die Morgenröte, ich verkünde den Aufgang der Sonne. Was ich schaue, ist gegenwärtig, was ich verkünde, ist zukünftig: nicht die Sonne ist zukünftig, die ist bereits, sondern ihr Aufgang, der noch nicht ist; doch auch den Aufgang selbst könnte ich nicht voraussagen, wenn sein Bild nicht vorher in meinem Geiste wäre wie jetzt, da ich dieses rede. Doch ist weder jene Morgenröte, die ich am Himmel sehe, der Sonnenaufgang, obgleich sie ihm vorhergeht, noch ist es auch jene Vorstellung in meinem Geiste; ich sehe aber beide als gegenwärtig, und so kann ich den Aufgang, der noch zukünftig ist, vorhersagen. Das Zukünftige ist also noch nicht, und wenn es noch nicht ist, dann ist es überhaupt nicht, und wenn es nicht ist, so kann man es auch durchaus nicht sehen, wohl aber aus dem Gegenwärtigen, das bereits ist und gesehen wird, vorherverkünden.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger