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Irenäus († um 200) - Gegen die Häresien (Contra Haereses)
Viertes Buch
37. Kapitel: Vom freien Willen des Menschen

7.

Deswegen spricht der Herr von einem gewaltsamen Himmelreiche. „Die Gewalt anwenden“, sagt er, „reißen es an sich“1 , d. h. die mit Gewalt und Kampf beständig wachen, reißen es an sich. Und deswegen sagt auch Paulus im Korintherbriefe: „Wisset ihr nicht, daß die, welche in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, daß aber nur einer den Preis erhält? So laufet, daß ihr ihn erlanget. Jeder aber, der da kämpft, ist in allem enthaltsam, jene, damit sie eine vergängliche Krone empfangen, wir aber eine unvergängliche. Ich aber laufe so, nicht auf ein Ungewisses; ich kämpfe so, nicht als ob ich die Luft schlage, sondern ich züchtige meinen Körper und bringe ihn in Knechtschaft, damit ich nicht vielleicht, andern predigend, selbst verworfen werde“2 . Als guter Streiter also ermahnt er uns zum Kampfe um die Unvergänglichkeit, damit wir gekrönt werden und die Krone als wertvoll schätzen, da sie nur durch Kampf erworben wird und nicht von selbst uns zufällt. Und je mehr sie uns durch Kampf zuteil wird, um so wertvoller ist sie; je wertvoller aber sie uns ist, um so mehr sollen wir sie immer lieben. Auf verschiedene Weise lieben wir das, was uns von selbst kommt, und das, was mit vieler Sorgfalt erst errungen wird. Weil es aber bei uns stand, Gott mehr zu lieben, hat uns der Herr gelehrt und der Apostel gezeigt, dies mit Anstrengung zu finden. Ferner würden wir auch das Gute nicht merken, wenn wir es nicht üben würden. Wäre doch auch das Sehen uns nicht so begehrenswert, wenn wir nicht wüßten, was für ein Übel es ist, nicht zu sehen. Die Gesundheit wird erst durch die Kenntnis des Krankseins wertvoll, das Licht durch den Vergleich mit der Finsternis, das Leben durch den Vergleich mit dem Tod. So ist auch das Himmelreich wertvoller, wenn man das irdische Reich kennen gelernt hat. Je wertvoller aber etwas für uns ist, um so mehr lieben wir es, und je mehr wir es lieben, um so ruhmreicher werden wir bei Gott sein. Für uns also hat der Herr alles so eingerichtet, damit wir, in allem unterrichtet, in Zukunft in allem vorsichtig seien und in aller Liebe zu ihm verharren, durch unsere Vernunft belehrt, Gott zu lieben. Denn Gott war großmütig bei dem Falle des Menschen, der Mensch aber sollte dadurch belehrt werden, wie der Prophet sagt: „Bessern soll dich dein Abfall“3 . Denn alles hat Gott zur Vollendung des Menschen bestimmt und zur Durchführung und Offenbarung der Heilsordnung. So soll seine Güte sich zeigen, die Gerechtigkeit sich vollenden, die Kirche dem Bilde seines Sohnes angepaßt und der Mensch endlich einmal reif werden, indem er auf solchem Wege heranreift zur Anschauung und zum Besitz Gottes.

1: Mt. 11,12
2: 1 Kor. 9,24 ff.
3: Jer. 2,10

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger