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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)

Sechstes Buch

1. Augustinus schwankt zwischen Manichäismus und Katholizismus.

O du meine Hoffnung von meiner Jugend auf, wo warst du nur, und wohin warst du entschwunden? Hattest nicht du mich erschaffen und von den vierfüßigen Tieren und den Vögeln des Himmels unterschieden und mich klüger gemacht als sie? Und in der Finsternis und auf schlüpfrigen Pfaden wandelte ich und suchte dich außer mir und fand nicht den Gott meines Herzens; ich versank in die Tiefe des Meeres und versagte und verzweifelte, die Wahrheit zu finden. Schon war meine Mutter, stark im Glauben, zu mir gekommen; über Land und Meer war sie mir gefolgt, in allen Gefahren von dir beschützt. Denn während sonst der Seefahrt unkundige Reisende in ihrer Aufregung von den Schiffern getröstet werden müssen, sprach umgekehrt zur Zeit eines Seesturmes sie ihnen Tröstung zu und verhieß ihnen gefahrlose Landung, da du ihr in einem Gesichte solches versprochen hattest. Und sie fand mich sehr gefährdet, weil ich an der Erforschung der Wahrheit verzweifelte. Doch als ich ihr mitteilte, ich sei kein Manichäer mehr, allerdings auch noch nicht katholischer Christ, da frohlockte sie nicht vor Freude, als ob sie etwas ganz Unerwartetes zu hören bekommen hätte, da sie über diesen [S. 106] Punkt meines Elendes beruhigt wurde; hatte sie mich doch schon wie einen Toten beweint, den du wieder auferwecken müßtest, und mich auf der Bahre ihrer Gedanken hinausgetragen, damit du zum Sohne der Witwe sprechen mögest: "Jüngling, ich sage dir, stehe auf"1, er wieder lebendig werde, zu reden anfange und du ihn seiner Mutter übergebest. Keinerlei stürmische Freude also machte ihr Herz erzittern, als sie hörte, daß zum großen Teile schon geschehen sei, um dessen Verwirklichung sie dich täglich bat, daß ich zwar zur Wahrheit noch nicht gelangt, aber dem Irrtum bereits entrissen sei. Vielmehr weil sie gewiß war, du, der das Ganze versprochen, werdest auch noch das, was übrig war, geben, antwortete sie mir mit größter Ruhe und zuversichtlichem Herzen, sie vertraue zu Christus, daß sie vor ihrem Hinscheiden mich noch als gläubigen Katholiken sehen werde. Dieses sagte sie zu mir. Zu dir aber, Quell der Erbarmungen, sandte sie innigere Gebete und reichlichere Tränenströme, auf daß du deine Hilfe beschleunigen und meine Finsternis erhellen mögest. Noch eifriger eilte sie in die Kirche und hingen ihre Lippen an des Ambrosius Worten, der ,,Wasserquelle, die ins ewige Leben hinströmt"2. Sie liebte aber jenen Mann wie einen "Engel Gottes"3, weil sie sah, daß ich durch ihn unterdessen in jenen Zustand innerer Gärung geraten war, durch den ich, wie sie sicher annahm, aus der Krankheit zur vollen Gesundheit gelangen würde, wenn einmal eine gesteigerte Gefahr, die die Ärzte Krisis nennen, hinzuträte.

1: Luk. 7,14.
2: Joh. 4,14.
3: Gal. 4,14.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger