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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Viertes Buch

4. Krankheit und Taufe eines Freundes, den er auch in seine Irrtümer verwickelt hat und über dessen Tod er aufs heftigste trauert.

In jenen Jahren, gleich als ich in meiner Vaterstadt [S. 63] zu lehren begann, hatte ich einen Freund gewonnen, durch gemeinschaftliche Studien und gleiches Alter (wir beide waren in der Blüte der Jugend) mir besonders teuer. Als Knaben waren wir zusammen aufgewachsen, waren zusammen in die Schule gegangen und hatten mitsammen gespielt. Doch war unser Verhältnis damals noch nicht so innig, obwohl auch später von einer wahren Freundschaft nicht die Rede sein konnte; denn diese existiert nur dort, wo du sie knüpfest in Seelen, die dir anhangen, in der Liebe, "die in unsern Herzen ausgegossen ist durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist"1. Aber dennoch war sie süß, geschlossen in glühender Begeisterung für gemeinsame Studien. Denn vom wahren Glauben, dem der Jüngling nicht wahrhaft und völlig anhing, hatte ich ihn zu den abergläubischen und verderblichen Fabeleien, derentwegen meine Mutter um mich weinte, verführt. Bald irrte sein Geist mit meinem, und meine Seele konnte ohne ihn nicht leben. Aber siehe, du, der du den Nacken derer bedrohst, die vor dir fliehen, du, "der Gott der Rache"2 und zugleich die Quelle der Erbarmungen, der du auf wunderbare Weise uns zu dir bekehrest, du nahmst den Jüngling weg aus diesem Leben, als unsere Freundschaft kaum ein Jahr gedauert, eine Freundschaft, die mir süß war über alle Süßigkeiten meines Lebens.

Wer vermag allein für sich all deine preiswürdigen Taten aufzuzählen, die er allein erfahren hat? Was hast du doch damals getan, und wie unerforschlich ist die Tiefe deiner Gerichte? Lange lag jener nämlich ohne Bewußtsein im Fieber, im Todeskampf. Da man an seinem Aufkommen verzweifelte, wurde er getauft, ohne daß er es wußte und ich mich darum bekümmerte; war ich doch der Meinung, die von mir empfangenen Lehren müßten sein Leben eher zurückhalten als das, was ohne sein Wissen an seinem Körper geschah. Aber es kam ganz anders. Denn er erholte sich und wurde gesund. Sobald ich aber mit ihm sprechen konnte - ich konnte es bald, [S. 64] wie er es konnte, da ich nicht von seiner Seite wich und wir sehr aneinander hingen -, begann ich, in der Meinung, er würde mitlachen, vor ihm über die Taufe zu spotten, die er, des Bewußtseins und der Sinne völlig beraubt, empfangen hatte, von deren Empfang er aber unterrichtet war. Er aber entsetzte sich vor mir wie vor einem Feinde und ermahnte mich mit wunderbarem, unerwartetem Freimute, solche Worte zu unterlassen, wenn ich sein Freund sein wolle. Ganz betroffen und verwirrt, hielt ich meine Empfindungen zurück, auf daß er eher gesunde und eher durch die Rückkehr seiner Kräfte für die Verhandlungen, die ich mit ihm führen wollte, fähig werde. Allein er wurde meinem Wahnsinn entrissen, um zu meinem Troste bei dir aufgehoben zu werden wenige Tage später erlag er in meiner Abwesenheit einem erneuten Fieberanfalle.

Von gewaltigem Leide wurde mein Herz verfinstert, und was ich erblickte, war Tod. Die Heimat wurde mir zur Marter, das Vaterland zu unsagbarer Pein; was ich mit ihm genossen hatte, verwandelte sich ohne ihn in unendliche Qual. Überall suchten ihn meine Augen, fanden ihn aber nicht. Alles war mir verhaßt, weil nichts mehr ihn mir zurückgeben, nichts mehr zu mir sagen konnte "Siehe, er kommt wieder", wie früher, wenn er abwesend war. So war ich mir zu einem großen Rätsel geworden und fragte meine Seele, warum sie "traurig sei und mich so sehr betrübe"3 , aber sie wußte keine Antwort für mich. Und fuhr ich fort "Hoffe auf Gott"4, so gehorchte sie nicht, und das mit vollem Rechte, weil der mir so teure Mensch, den ich verloren hatte, wahrer und besser war als das Trugbild, auf das sie mich hoffen ließ5. Nur die Träne war mir süß; sie war mir an Stelle meines Freunde zur Wonne meines Herzens geworden.

1: Röm 5,5.
2: Ps. 93,1.
3: Ps. 41,6 und 12; 42,5.
4: Ebd.
5: der Gottesbegriff der Manichäer.

 

 

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Gregor Emmenegger