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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Viertes Buch

12. Von der richtigen Liebe.

Wenn die Körper dir gefallen, so preise Gott in ihnen und lenke deine Liebe von ihnen zu ihrem Schöpfer, damit du selbst in dem, was dir gefällt, ihm nicht mißfallest. Wenn dir aber die Seelen gefallen, so liebe sie in Gott, weil auch sie selbst vergänglich sind und nur in ihm Halt und Bestand finden; sonst würden sie gehen und vergehen. In Gott also liebe sie, reiße zu ihm hin, soviel du kannst, und sprich zu ihnen "Ihn lasset uns lieben; er hat dies alles geschaffen und ist nicht ferne". Er hat es nicht etwa geschaffen, um sich zu entfernen, sondern es besteht durch ihn in ihm. Siehe, wo ist er, wo kostet man die Wahrheit? In der Tiefe des Herzens ist er, aber das Herz ist von ihm abgeirrt. Kehret ein, ihr Sünder, in euer Herz"1 und hanget dem an, der euch erschaffen hat. Stehet fest zu ihm, und ihr werdet Bestand haben, ruhet aus in ihm, und ihr werdet Ruhe finden! Wo gehet ihr hin in die Wildnis? Wohin geht ihr? Das Gute, das ihr liebet, kommt von ihm; aber nur soweit es zu ihm in Bezug steht, ist es gut und süß; bitter dagegen wird es mit Recht, weil, wenn man ihn verläßt, alles, was von ihm stammt, mit Unrecht [S. 72] geliebt wird. Warum müßt ihr immer und immer wieder beschwerliche und mühsame Pfade wandeln? Wo ihr die Ruhe sucht, dort ist sie nicht. Suchet immerhin, was ihr suchet; allein dort, wo ihr es suchet, ist es nicht. Seliges Leben sucht ihr im Lande des Todes; dort ist es aber nicht. Denn wo könnte ein seliges Leben sein, wo überhaupt kein Leben ist?

Zu uns herabgestiegen ist unser Leben, hat unsern Tod auf sich genommen und ihn durch die Fülle seines Lebens getötet. Und mit Donnerstimme hat er uns zugerufen, von hier zu ihm in jenes geheimnisvolle Heiligtum zurückzukehren, von dem er zu uns zuerst in den Schoß der Jungfrau herabstieg, wo sich ihm die menschliche Natur vermählte, das sterbliche Fleisch, auf daß es nicht immer sterblich bleibe; "und von dort heraustretend wie ein Bräutigam aus seinem Gemache frohlockte er wie ein Held, zu durchlaufen seine Bahn"2. Ja, er zögerte nicht, sondern lief, rufend durch Worte und Taten, durch seinen Tod und sein Leben, durch seine Herabkunft und Himmelfahrt, rufend, daß wir zu ihm zurückkehren sollen. Und er entschwand unsern Augen, auf daß wir wieder in unsere Herzen einkehren und dort ihn finden möchten. Ja, er ist hingegangen und siehe, hier ist er. Nicht lange wollte er bei uns bleiben, aber er hat uns nicht verlassen. Denn er ist dorthin gegangen, von wo er nie weggegangen war, weil "die Welt durch ihn geworden ist"3 und "er in dieser Welt war und in sie kam, die Sünder selig zu machen"4,. Ihn preist meine Seele, und "er heilt sie", "da sie ihm gesündigt hat"5. "Ihr Menschenkinder, wie lange noch wollt ihr harten Herzens sein?“6 Wollet ihr auch nach der Herabkunft des Lebens nicht aufsteigen und leben? Aber wohin wollt ihr hinaufsteigen, wenn ihr schon in der Höhe seid und "euer Haupt zum Himmel"7 erhoben habt? Steiget herab, auf daß ihr von neuem aufsteiget, [S. 73] aufsteiget zu Gott! Denn ihr seid zu Fall gekommen, da ihr gegen ihn aufsteigen wolltet. Sage ihnen das, auf daß sie weinen "im Tale der Tränen“8, und so reiße sie mit dir zu Gott hin; denn aus seinem Geist redest du dieses zu ihnen, wenn du redest, glühend vom Feuer der Liebe.

1: Is. 46,8.
2: Ps. 18,6.
3: Joh. 1,10.
4: 1 Tim. 1,15.
5: Ps. 40,5 und 50,6.
6: Ebd. 4,3.
7: Ebd. 72,9.
8: Ps. 83,7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger