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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Drittes Buch

8. Von der Sünde.

Ist es etwa irgendwann oder irgendwo unrecht, "Gott zu lieben aus seinem ganzen Herzen, aus seiner ganzen Seele, aus seinem ganzen Gemüte" und "den Nächsten wie sich selbst"?1 Und deshalb sind auch Verbrechen gegen die Natur wie die der Sodomiten immer und überall verabscheuungswürdig und strafbar. Wenn auch alle Völker solche Sünden begingen, alle [S. 52] würden doch gleicher Sündenschuld anheimfallen infolge des göttlichen Gesetzes, das die Menschen nicht zu solchem Verkehre geschaffen hat. Es wird ja auch die Gemeinschaft, die uns mit Gott verknüpfen soll, verletzt, wenn eben die Natur, die er geschaffen, durch verkehrte Begierde befleckt wird. Vergehungen aber gegen menschliche Sitten müssen in Anbetracht der Verschiedenheit eben dieser Sitte vermieden werden, damit nicht das feste innere Gefüge einer Stadt oder eines Reiches, das auf Herkommen oder Gesetz beruht, durch irgendeines Bürgers oder Fremden Willkür zerrissen werde. Denn schändlich ist jeder Teil, der sich in Widerspruch zu seinem Ganzen setzt. Wenn aber Gott etwas gegen Sitte oder Herkommen irgendeines Volkes befiehlt, so muß es geschehen, auch wenn es dort noch nie geschehen wäre, es muß erneuert werden, wenn es bisher unterlassen war, und eingeführt, wenn es bisher noch nicht eingeführt war. Denn wenn es einem Könige erlaubt ist, in dem Staate, über den er herrscht, etwas zu befehlen, was vor ihm niemand und er selbst vorher noch niemals befohlen hatte, und wenn der Gehorsam gegen seine Befehle eine Forderung des Staatsrechtes ist, Ungehorsam aber eine Rechtsverletzung bedeutet - erste Forderung jeglichen menschlichen Gemeinschaftslebens ist der Gehorsam gegen das Oberhaupt der Gemeinschaft -, um wieviel mehr muß man sich Gott, dem Beherrscher der ganzen Schöpfung, ohne Bedenken allen seinen Befehlen gegenüber unterwerfen! Wie nämlich in der menschlichen Gesellschaft die höhere Macht der niederen übergeordnet ist und ihr Befehle erteilt, so Gott uns allen.

Dasselbe gilt von den Verbrechen, bei denen die Begierde zu schaden waltet, sei es durch Beschimpfung, sei es durch Tätlichkeit, und zwar entweder aus Rachsucht bei persönlicher Feindschaft, oder um einen äußeren Vorteil zu erreichen, wie bei Räuber und Wandersmann, oder um einem Übel zu entgehen, wie wenn man dem einen Schaden zufügt, den man fürchtet oder aus Neid, wenn der Ärmere den Reicheren beneidet oder der irgendwie Erfolgreiche fürchtet, ein anderer könne ihm gleichkommen, oder es zu seinem Schmerze erfahren muß, daß er ihm schon gleichkommt, oder durch bloße [S. 53] Lust an fremdem Leid wie die Zuschauer bei den Gladiatorenkämpfen oder die, die andere verhöhnen und verlachen. Das sind die Hauptsünden, die hervorgehen aus der Hoffart des Lebens, der Augenlust und der Fleischeslust, aus der einen oder aus zweien oder aus allen dreien zugleich; so wird gesündigt gegen die heilige Drei und die heilige Sieben, gegen den zehnsaitigen Psalter deiner zehn Gebote, o höchster und süßester Gott. Doch wie? Kann man dich beleidigen, den kein Leid trifft, Verbrechen gegen dich begehen, der über jede Schädigung erhaben ist? Aber du bestrafst, was die Menschen wider sich verbrechen, weil sie mit der Sünde gegen dich zugleich auch einen Frevel gegen ihre eigenen Seelen begehen, und ihre Bosheit bekriegt sich selbst, indem sie ihre Natur, welche du gebildet und geordnet, verderben und verkehren oder von unerlaubten Dingen einen zügellosen Gebrauch machen oder von Begier nach Unerlaubtem entbrennen, "nach einem Genuß, der wider die Natur ist"2; oder sie sündigen, indem sie in Gedanken und Worten gegen dich wüten und "wider den Stachel ausschlagen"3; oder sie durchbrechen die Schranken menschlicher Gesellschaftsordnung und haben dann in frechem Trotze ihre Freude an Parteitreiben oder Klassenhaß, wie es ihnen gerade gefällt oder mißfällt. Und dies alles geschieht, wenn man dich verläßt, o Quelle alles Lebens, der du der einzige und wahre Schöpfer und Lenker des Weltalls bist, und dafür in selbstsüchtigem Hochmute seine Liebe auf Teile richtet, was doch grundfalsch ist. Daher kehrt man auch nur in demütiger Frömmigkeit zu dir zurück, und dann reinigst du uns von böser Gewohnheit, schenkst deine Gnade denen, die ihre Sünde reuig bekennen, erhörst die Seufzer der Gefesselten und lösest die Ketten, die wir uns selbst geschmiedet haben, wenn wir nicht mehr die Hörner falscher Freiheit gegen dich erheben aus Gier, mehr zu besitzen, wobei wir aber Gefahr laufen, alles zu verlieren, da wir unser eigen Ich mehr lieben als dich, du Gut aller. [S. 54]

1: Matth. 22,37 ff. und Mark. 12,30.
2: Röm. 1,26.
3: Apg. 9,5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger