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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Drittes Buch

7. Er huldigt der Abgeschmacktheit des Manichäismus. Das lautere Gesetz des Allmächtigen.

Ich kannte ja kein anderes wahrhaftes Sein und ließ mich durch Spitzfindigkeiten bewegen, törichten Betrügern beizupflichten, wenn ich gefragt wurde, woher das Übel stamme, ob Gott in körperliche Gestalt eingeschlossen sei und Haare und Nägel habe und ob jene noch als Gerechte gelten können, die mehrere Frauen zugleich hätten, Menschen töteten und Tiere als Opfer darbrächten. Bei meiner Unwissenheit in diesen Dingen ließ ich mich durch solche Fragen verblüffen, und von der Wahrheit mich entfernend, glaubte ich mich auf dem Wege zu ihr zu befinden, da ich damals nicht wußte, daß das Böse die absolute und vollständige Negation des Guten ist. Wie hätte ich es auch einsehen sollen, wenn der Blick meiner Augen nur auf Körper, die Schärfe meines Geistes nur auf Trugbilder eingestellt war? Ich wußte nicht, daß Gott ein Geist ist, der weder im Raume meßbare Glieder noch Masse besitzt; denn jede Masse ist im Teile kleiner als im Ganzen, und wenn sie unendlich sein sollte, so ist sie doch in einem bestimmten Ausschnitte kleiner als in ihrer Unendlichkeit; sie ist nicht überall ganz wie der Geist, wie Gott. Auch wußte ich gar nicht, was das in uns sei, wonach wir geschaffen sind, das "Ebenbild Gottes"1, wie es die Schrift nennt.

Ebenso kannte ich nicht die wahre, innere Gerechtigkeit, die nicht nach der Gewohnheit richtet, sondern nach dem gerechtesten Gesetze des allmächtigen Gottes, nach welchem sich die Sitten der Länder und Zeiten bilden [S. 50] sollen; es selbst aber bleibt überall und immer, ohne sich im Wechsel von Ort und Zeit zu ändern, das Gesetz, nach welchem Abraham und Isaak und Jakob und Moses und David gerecht waren und alle jene durch Gottes Mund gepriesenen Männer, mögen sie auch von gewissen Leuten in ihrer Unwissenheit als ungerecht bezeichnet werden, die "nach Weise eines menschlichen Gerichtstages"2 richten und alle Sitten des Menschengeschlechtes nach dem Maßstabe ihrer eigenen Sitten bemessen. Solche Leute gleichen Menschen, die ohne Kenntnis der Waffenrüstung nicht wissen, welches Stück den einzelnen Gliedmaßen angepaßt ist, infolgedessen das Haupt mit der Beinschiene bedecken und den Helm als Fußbedeckung gebrauchen wollen und sich dann beschweren, daß es nicht passe; sie gleichen auch Leuten, die sich aufregen, daß sie nachmittags, wenn Gerichts- und Handelsferien angesetzt sind, nichts mehr zum Verkaufe ausbieten können, obwohl es doch am Vormittag erlaubt gewesen ist, oder anderen, die da bemerken, daß in einem Hause ein Diener eine bestimmte Arbeit mit den Händen verrichtet, von der man den Mundschenk fernhält, oder daß etwas im Stalle geschieht, was bei Tisch verboten ist, und nun unwillig werden, daß in einem und demselben Hause und in einer Familie nicht allen immer dasselbe zugewiesen ist. So handeln diejenigen, die sich aufregen, wenn sie hören, daß den Gerechten in jenen früheren Zeiten etwas erlaubt gewesen sei, was jetzt ihnen nicht mehr erlaubt ist, und daß Gott je nach den Zeitumständen den einen dieses, den anderen jenes Gebot gegeben hat, obwohl beide der nämlichen Gerechtigkeit dienen; und doch sehen sie, daß bei demselben Menschen an demselben Tage in demselben Hause den verschiedenen Gliedern verschiedenes zusteht, daß manches, was seit sehr langer Zeit erlaubt, nun plötzlich nicht mehr erlaubt wird, daß etwas in jenem Winkel gestattet, ja sogar geboten ist, was in diesem daneben verboten und straffällig ist. Deshalb ist noch lange nicht die Gerechtigkeit wechselnd und im Fluß begriffen; nur die Zeiten, denen sie Gesetze vorschreibt, gehen nicht gleichmäßig, [S. 51] eben weil es Zeiten sind. Weil aber die Menschen, deren Leben auf Erden kurz ist, die Verhältnisse der vergangenen Jahrhunderte und anderer Nationen, die sie nicht kennen, mit dem, was sie selbst erfahren haben, nicht in Einklang bringen können, wohl aber am nämlichen Körper, am nämlichen Tag oder Hause sehen können, wie so manches nur für ein gewisses Glied, eine gewisse Zeit, für gewisse Teile oder Personen angemessen ist, nehmen sie dort Anstoß, während sie sich hier fügen.

Das wußte ich damals nicht und beachtete es nicht, und doch boten sich überall solche Dinge meinen Augen, ohne daß ich sie bemerkte. Machte ich Gedichte, so durfte ich nicht jeden Versfuß an beliebiger Stelle gebrauchen, sondern jedes Metrum verlangte eine ganz bestimmte Ordnung der einzelnen Versfüße, und auch in einem und demselben Verse durfte ich den gleichen Fuß nicht an jeder Stelle anwenden. Trotzdem war die Verskunst, nach der ich dichtete, nicht nach Orten verschieden, sondern überall einheitlich. Dabei aber entging es mir, daß die Gerechtigkeit, welcher die guten und seligen Männer dienten, in weit vorzüglicherer und höherer Weise alle ihre Satzungen zugleich umfaßt und, obgleich ohne. Wechsel nach irgendeiner Seite, dennoch den verschiedenen Zeiten nicht alles zugleich, sondern nur das jedesmal Passende zuweist und vorschreibt. In meiner Blindheit tadelte ich die frommen Väter, die nicht nur nach Gottes Befehl und Eingebung der Gegenwart lebten, sondern auch nach Gottes Offenbarung die Zukunft vorhersagten.

1: Gen. 1,27.
2: 1 Kor. 4,3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger