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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Erstes Buch

18. Die Menschen halten zwar ängstlich auf Beobachtung der Vorschriften der Grammatiker, aber nicht auf die der Gebote Gottes.

Kein Wunder aber, daß ich mich so zu Eitelkeiten fortreißen ließ und von dir, mein Gott, mich abwandte. Sollte ich doch in Menschen mein Vorbild erblicken, welche, wenn ihnen bei der Erzählung ihrer guten Handlungen ein Barbarismus oder Solöcismus1 unterlief, infolge des sie treffenden Tadels in höchste Bestürzung gerieten, dagegen sich rühmten und auch von anderen gepriesen wurden, wenn sie von ihren Wollüsten in tadelloser, wohlgeordneter Sprache mit rednerischer Fülle und in schöner Disposition berichteten. Dies siehst du, o Herr, und schweigst, da du "langmütig und von großer Barmherzigkeit und Wahrheit bist"2. Wirst du etwa immer schweigen? Schon jetzt entreißt du diesem so entsetzlichen Abgrunde die Seele, die dich sucht und nach deinen Wonnen dürstet, und den, der in seinem Herzen zu dir spricht: "Dein Antlitz habe ich gesucht; dein Antlitz, o Herr, will ich suchen"3. Denn von deinem Antlitz fern sein heißt in dunklen Leidenschaften sein. Denn nicht mit den Füßen und nach räumlichen Abständen entfernt man sich von dir oder kehrt zu dir zurück. So hat auch nicht der verlorene Sohn im Evangelium sich nach Pferden oder Wagen oder Schiffen umgetan; auch ist er nicht mit sichtbarer Schwinge davongeflogen oder hat mit gebogenem Knie den Weg zurückgelegt, um in fremdem Lande zu vergeuden, was du ihm bei seiner Abreise gegeben hattest, liebevoller Vater, der du ihm noch größere Liebe erwiesest, da er in Armut zurückkehrte. Wollüstiges Begehren also ist finsteres Begehren, und das heißt fern von deinem Antlitze wandeln.

Siehe, Herr, mein Gott, und sieh in deiner gewohnten Langmut, wie peinlich die Menschenkinder auf die [S. 23] Satzungen der Sprache und die Regeln der Buchstaben, die sie von anderen überkommen haben, achten, aber die von dir empfangenen steten Unterpfänder des ewigen Heiles vernachlässigen. Wenn also einer von jenen Hütern und Lehrern der Satzungen der Grammatik das Wort "Mensch" falsch ausspricht, so mißfällt er den Menschen mehr, als wenn er gegen deine Gebote seinen Mitmenschen, obwohl er sein Bruder ist, haßte. Und doch ist nicht das Bewußtsein, einen Feind zu haben, so verderblich als der Haß, den man gegen ihn in sich trägt, und niemand fügt seinem Feinde, den er verfolgt schwereren Schaden zu als durch diese Feindseligkeit seinem eigenen Herzen. Und doch ist sicher die Kenntnis der Buchstaben nicht tiefer ins Herz geschrieben als jenes Bewußtsein, daß wir da einem andern tun, was wir selbst nicht leiden wollen. Wie bist du doch so geheimnisvoll, du großer, einziger Gott, der du schweigend in den Höhen thronst und nach deinem unwandelbaren Gesetz mit Blindheit unerlaubte Leidenschaften strafst. Wenn ein Mensch, der nach dem Ruhme der Beredsamkeit strebt, umgeben von einer großen Menschenmenge vor dem menschlichen Richter steht und nun gegen seinen Feind mit dem grimmigsten Haß losgeht, so hütet er sich mit ängstlicher Sorgfalt, etwa durch eine falsche Konstruktion Unkenntnis der Grammatik zu verraten; aber in der Wut seines Herzens einen Menschen aus der menschlichen Gesellschaft hinwegzureißen, davor schreckt er nicht zurück.

1: von Soloi, einer Stadt in Kilikien, deren Bewohner im Verkehr mit den Eingeborenen sich einen schlechten Dialekt angewöhnt hatten.
2: Ps. 102,8 und 85,15.
3: Ps 26,8.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger