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Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)
Erstes Buch

16. Tadel der herkömmlichen Erziehungsweise.

Aber wehe über dich, du Strom menschlicher Gewohnheit! Wer widersteht dir, oder wann wirst du endlich versiegen? Wie lange noch wirst du die Evaskinder in jenes schreckliche Meer mit dir reißen, über das doch kaum die sicher gelangen, welche das Schifflein der Kirche bestiegen? Warst du nicht schuld, daß ich vom Donnerer Jupiter, der zugleich auch ein Ehebrecher war, las? Er könnte nun zwar unmöglich beides sein, aber man hat es so auf der Bühne dargestellt, damit der wahre Ehebruch mit vollerem Gewichte zur Nachahmung auffordere, wenn ein falscher Donnergott selbst dazu verkuppelt. Doch wer von jenen Lehrern im Rednermantel hört mit verständigem Ohr auf jenen Mann, aus dem gleichen Staube geboren, wenn er sagt: [S. 20] "So erdichtete es Homer, der damit Menschliches auf die Götter übertrug; o hätte er doch lieber Göttliches auf uns übertragen"?1 Mit mehr Wahrheit jedoch könnte man sagen: wohl erdichtete jener derlei, aber so, daß er lasterhaften Menschen göttliche Eigenschaften beilegte, damit Schande nicht mehr als Schande gelte und der Ehebrecher nicht verlorene Menschen, sondern die ewigen Götter nachzuahmen scheine. Und doch, du höllischer Strom, wirft man in dich die Menschenkinder hinein und Honorar dazu, damit sie derlei lernen; und etwas Großes ist es, wenn dies sogar öffentlich auf dem Forum vor sich geht, angesichts der Gesetze, die außer dem Honorar noch ein festes Gehalt zubilligen. Dann magst du freilich an den Felsen anschlagen und den Ruf ertönen lassen: "Hier lernt man Worte, hier erwirbt man Beredsamkeit, die überaus wichtig ist zur Führung von Prozessen und zur Entwicklung der Gedanken". Also würden wir sonst diese Worte nicht kennen, Goldregen, Schoß, Betrug, Himmelsgewölbe und andere Worte, die ebendort vorkommen, wenn uns nicht Terenz in jenem Stücke einen nichtsnutzigen Jüngling vorführte, der sich durch die Betrachtung eines Wandgemäldes, welches darstellte, wie Jupiter dem Mythus zufolge einen goldenen Regen in Danaes Schoß gesandt und diese dadurch berückt habe, den Donnergott selbst zum Vorbild in seinem unzüchtigen Tun nimmt? Und man höre, wie er sich gleichsam durch eine Stimme vom Himmel zur Wollust aufstacheln läßt: "Und welch ein Gott ist das! Er, der mit gewaltigem Donner das hohe Himmelsgewölbe erschüttert! Und ich Menschlein sollte das nicht tun? Doch - ich habe es getan und gern"2.

In keinem Falle nun lernt man durch jene Schändlichkeiten diese Worte bequemer, wohl aber verleiten uns solche Worte, solche Schändlichkeiten zuversichtlicher zu begehen. Doch klage ich nicht die Worte an; es sind erlesene, kostbare Gefäße; wohl aber den Wein [S. 21] des Irrtums, der uns darin von trunkenen Lehrern kredenzt wurde. Tranken wir den nicht, so erhielten wir Schläge, ohne daß es eine Berufung an einen nüchternen Richter gab. Und doch, mein Gott, vor dessen Angesicht ich jetzt dieser Dinge in Frieden gedenke, ich habe gern diese Worte gelernt, ich Armer hatte meine Freude daran und hieß deshalb ein Knabe, der zu den besten Hoffnungen berechtigte.

1: Cic. Tusc. I 26.
2: Ter. Eun. 585, 589 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger