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Tertullian († um 220) - Die zwei Bücher an seine Frau (Ad uxorem)
1. Buch

6. Wiederverheiratungen führen, besonders bei christlichen Witwen, nicht selten zu großen Unzuträglichkeiten, wie Beispiele beweisen.

Wenn nun die, welche Gatten haben, vergessen sollen, was sie haben, um wie viel mehr ist es denen, welche keine haben, verwehrt, wieder zu begehren, was sie nicht mehr haben! Daher sollte jede, deren Gemahl das Zeitliche gesegnet hat, von dieser Zeit an ihrem Triebe durch Enthaltung vom Heiraten Ruhe gebieten, wie selbst viele heidnische Frauen die Enthaltsamkeit [S. 69] dem Gedächtnisse teurer Ehemänner als Totenopfer weihen. Kommt uns etwas schwer vor, so erinnern wir uns anderer, die noch Schwereres vollbringen! Wie viele sind es nicht, die nach der Taufe sofort ihr Fleisch versiegeln; wie viele, die ebenso mit beiderseitiger Einwilligung sich der ehelichen Leistungen untereinander begeben als Menschen, die sich aus Begierde nach dem Himmelreich selbst verschneiden1! Wenn also Enthaltsamkeit in der Ehe geübt wird, um wie viel mehr nach Zerreißung derselben! Ich halte es für schwieriger, etwas noch Bestehendes aufzugeben, als etwas, was man verloren hat, nicht mehr zu begehren. Fürwahr, es ist für eine christliche Frauensperson etwas Hartes und Unerreichbares, nach dem Verluste ihres Mannes ledig zu bleiben, während Heidinnen ihrem Satan das Opfer sowohl ihrer Jungfrauschaft als ihrer Witwenschaft darbringen!

In Rom wenigstens werden die, welche jenes Abbild des unauslöschlichen Feuers hüten, die in ihrem Drachen selbst das Vorzeichen ihrer Strafe pflegen2, nach ihrer Jungfrauschaft benannt. Der achäischen Juno wird in der Stadt Ägium eine Jungfrau durchs Los bestimmt, und diejenigen, welche zu Delphi ihre Raserei treiben, wissen vom Ehestand nichts. Es ist ferner bestimmt, dass die afrikanische Ceres von Witwen umgeben ist, welche durch ein sehr hartes Vergessen ihrer Ehe entrissen sind. Sie verlassen nämlich ihre Männer, während diese noch am Leben sind, ja sie führen lachenden Mundes denselben sogar andere Weiber in die Arme. Sie halten sich von einer jeden Berührung so fern, dass sie nicht einmal ihre eigenen Söhne küssen. Trotzdem verharren sie, da die Gewohnheit einmal besteht, in dieser strengen Witwenschaft, welcher sogar die Tröstungen einer heiligen Frömmigkeit unbekannt sind. Solche Vorschriften gibt der Teufel den Seinigen, und er dringt damit auch durch. Er fordert also wahrhaftig durch die Enthaltsamkeit der Seinigen die Diener Gottes [S. 70] zum Wettstreit heraus, sozusagen auf gleiche Bedingungen! Auch die Priester der Hölle sind enthaltsam. Denn der Teufel hat Mittel gefunden, die Menschen sogar bei guten Bestrebungen ins Verderben zu bringen, und ihm liegt nichts daran, die einen durch Unzucht zu morden, die ändern durch Enthaltsamkeit.

1: Matth. 19,12.
2: Das Volk glaubte, daß die vestalischen Jungfrauen einen Drachen hielten, worin Tertullian den Teufel sieht.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Persönliche Schriften (Über das Pallium oder den Philosophenmantel, über die Geduld und an seine Frau)
Allgemeine Einleitung zu Tertullian

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger