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Tertullian († um 220) - Die zwei Bücher an seine Frau (Ad uxorem)
1. Buch

4. Um ihre Wiederverheiratung zu rechtfertigen, schützen die Witwen allerlei Motive vor, besonders jugendliches Alter und Sicherung ihres Lebensunterhaltes.

Allein es steht geschrieben, das Fleisch ist schwach1, und daraufhin machen wir es uns in gewissen Dingen etwas leicht. Wir lesen aber doch auch, dass der Geist stark sei, denn beides steht in einer und derselben Sentenz nebeneinander. Das Fleisch ist ein irdischer Stoff, der Geist ein himmlischer. Warum also sind wir immer mehr geneigt, zu entschuldigen, und schieben das vor, was in uns schwach ist, anstatt die Rechte des Stärkeren aufrecht zu erhalten? Warum hat nicht das Himmlische vor dem Irdischen den Vorrang? Wenn der Geist, edeler wegen seiner Abkunft, stärker ist als das Fleisch, so ist es ja unsere Schuld, wenn wir dem Schwächern nachgeben. Zwei Arten menschlicher Schwäche machen, dass denen, welche außer der Ehe leben, das Heiraten als notwendig erscheint. Die erste ist eine sehr mächtige, nämlich die Begierlichkeit des Fleisches, die zweite die Begierde dieser Welt, Beide müssen von uns als Dienern des Herrn, welche der Wollust so gut wie der Hoffart des Lebens entsagt haben, verworfen werden.

[S. 66] Die Begierlichkeit des Fleisches schützt die Triebe des blühenden Alters vor; sie wünscht, dass jemand die Blüte ihrer Reize pflücke; sie freut sich ihrer Schmach; sie gibt vor, dass ein Mann für das schwache Geschlecht als Autorität und zur Stütze notwendig sei, schon um als Schutz gegen böse Zungen zu dienen. Und Du nun? — Gegenüber solchen Einflüsterungen halte Dir die Beispiele unserer Schwestern vor, deren Namen beim Herrn aufgezeichnet sind, die, nachdem sie ihre Männer verloren, bei keiner Gelegenheit, die ihnen Schönheit oder blühendes Alter bot, der Heiligkeit untreu geworden sind. Sie wollen lieber mit Gott vermählt sein; lieblich vor Gott, Mägde Gottes sind sie. Mit ihm leben sie in Gemeinschaft, mit ihm unterhalten sie sich, mit ihm gehen sie Tag und Nacht um, ihm bringen sie ihr Gebet als Mitgift zu, von ihm begehren sie oftmals sein Wohlgefallen als Brautgeschenk und erhalten es. So haben sie sich in den ewigen Besitz der guten Gabe des Herrn gesetzt und werden schon auf Erden um ihrer Ehelosigkeit willen der Familie der Engel beigezählt. Durch die Beispiele solcher Frauen wirst Du Dich in der Nachahmung der Enthaltsamkeit üben, durch geistige Begierden die fleischliche Begierlichkeit unterdrücken und die zeitlichen und vorübergehenden Wünsche der Jugend und Gestalt durch die unsterblichen Güter aufwiegen und ausrotten.

Die Begierlichkeit der Welt aber bedient sich der Beweggründe des Ehrgeizes, der Habsucht, der Ruhmsucht und der Unzulänglichkeit der eigenen Mittel, um dadurch die Notwendigkeit einer Heirat nahezulegen, und stellt es als Seligkeit hin, in einer ändern Familie Einfluss zu haben, sich auf das Vermögen des ändern zu stützen, seinen Putz aus fremdem Besitz zu bestreiten und Aufwand machen zu können, ohne dass man es spüre2. Solche Berechnungen liegen uns Christen fern, weil wir uns keine Sorgen über den Lebensunterhalt machen; es müsste denn sein, dass wir den Verheißungen Gottes, seiner Fürsorge und Vorsehung misstrauten, [S. 67] trotzdem er die Lilien des Feldes mit solcher Anmut kleidet, die Vögel des Himmels ohne deren eigene Anstrengung ernährt, obschon er verbietet, um Nahrung und Kleidung für den morgigen Tag besorgt zu sein, und zu wissen versichert, was jeder von seinen Dienern bedarf, nämlich nicht etwa schwere Halsgeschmeide, Unwillen erregende Kleiderpracht, gallische Maulesel und deutsche Sänftenträger, was alles den Ehrgeiz nach Heiraten anfacht, sondern Genügsamkeit, welche sich für die Einfachheit und Sittsamkeit schickt. Denke an das Himmlische, und Du wirst das Irdische verachten. Für eine vor Gott besiegelte Witwenschaft ist weiter nichts nötig als Ausharren.

1: Matth. 26,4.
2: Ich lese ceder. Die Stelle bleibt etwas dunkel.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Persönliche Schriften (Über das Pallium oder den Philosophenmantel, über die Geduld und an seine Frau)
Allgemeine Einleitung zu Tertullian

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger