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Tertullian († um 220)
Über die Geduld
(De patientia)

1. Der Verfasser bekennt seinen Mangel an Geduld und seine Unwürdigkeit, über diese Tugend zu schreiben. Lob derselben.

Ich muss vor Gott dem Herrn bekennen, dass ich recht verwegen, wo nicht anmaßlich handle, wenn ich mich erkühne über die Geduld zu schreiben, die zu üben ich als ein Mensch ohne jede gute Eigenschaft außerstande bin; denn bei denen, welche den Beweis und die Vertretung irgend einer Sache unternehmen, sollte man zuvor etwas von der Ausübung derselben bemerken und beharrlichen Ermahnungen durch das Beispiel des eigenen Wandels die rechte Richtung geben, damit nicht die Worte ob des Mangels an Taten schamrot werden. O dass doch die Schamröte Heilung brächte, dass die Beschämung, nicht getan zu haben, was wir ändern raten wollen zu tun, uns eine Lehre würde! Freilich ist die Größe einiger Tugenden, wie umgekehrt auch die Größe einiger Fehler, erdrückend, so dass die Gnade der göttlichen Eingebung allein es ist, die bewirkt, dass man dieselben fasst und übt. Denn, was im höchsten Sinne gut ist, das steht im höchsten Sinne bei Gott, und kein anderer teilt es aus, als wer es besitzt, und zwar wem er will. Daher wird es eine Art Trost sein, über das zu disputieren, was zu genießen uns nicht gegeben ist, etwa wie die Kranken, solange sie der Gesundheit entbehren, nicht aufhören können, von deren Vorteilen zu reden. Und so muss ich Beklagenswerter, der ich beständig an der Fieberhitze der Ungeduld krank liege, nach der Gesundheit, die in der Geduld besteht, seufzen, darum bitten und darüber reden, indem ich mich erinnere und mir bei der Betrachtung meiner Schwäche überlege, dass gute Gesundheit im Glauben und rechtes Wohlbefinden in der Zucht des Herrn so leicht nicht erlangt wird, wenn nicht die Geduld hilfreich dazu beiträgt.

Die Geduld ist so sehr über die Werke Gottes gesetzt, dass niemand eine Vorschrift zu erfüllen, niemand ein Gott wohlgefälliges Werk zu verrichten imstande [S. 36] ist; der der Geduld entbehrt. Ihre Vortrefflichkeit erkennen auch die, welche ihrer entbehren, durch das ehrende Prädikat: "die höchste Tugend" an. Die Philosophen, von welchen man glaubt, dass sie der Weisheit leben, machen ihr diese Einräumung, so dass sie, bei all ihrer sonstigen Uneinigkeit infolge der Sympathien für die verschiedenen Schulen und die entgegengesetzten Meinungen, dennoch alle miteinander allein der Geduld eingedenk diesen einen Gegenstand ihrer Studien als ein friedliches Gebiet ansehen. In ihr treffen sie zusammen, in ihr schließen sie Frieden, ihrer befleißen sie sich einmütig bei ihrem affektierten Tugendstreben, mit der Geduld tragen sie ihre Weisheit vollständig zur Schau. Es ist eine große Empfehlung für diese Tugend, sogar die eiteln Beschäftigungen der Welt zu ihrem Lobe und Ruhme in Bewegung zu setzen. Oder ist es vielleicht ein Schimpf, wenn etwas Göttliches sich mit den Künsten dieser Welt abgibt? Mögen sie zusehen, da sie sich bald ihrer Weisheit, die mit der Welt zerstört und zu Schanden wird, werden schämen müssen.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Persönliche Schriften (Über das Pallium oder den Philosophenmantel, über die Geduld und an seine Frau)
Allgemeine Einleitung zu Tertullian

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger