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Tertullian († um 220) - Über die Geduld (De patientia)

10. Manchmal ist Rachsucht Ursache zur Ungeduld.

Es gibt noch einen ändern sehr starken Antrieb zur Ungeduld, das ist die Rachsucht, welche entweder im Interesse des Ehrgeizes oder der Bosheit handelt. Der Ehrgeiz ist überall töricht und die Bosheit ist immer Gott verhasst, am meisten jedoch in diesem Stücke, wenn sie nämlich, durch die Bosheit eines ändern herausgefordert, in Ausübung der Rache sich über ihn erhebt und das Böse, was einmal geschehen ist, im Streben nach Vergeltung überbietet. Einer irrtümlichen Auffassung erscheint die Rache als ein Trost im Schmerze, im Lichte der Wahrheit aber finden sich an ihr nur schlechte Eigenschaften. Was ist denn für ein Unterschied zwischen dem Herausforderer und dem Herausgeforderten? Nur der, dass jener früher bei einer Schlechtigkeit betroffen wird, der andere später. Beide sind vor dem Herrn, der jede Nichtswürdigkeit verbietet und verdammt, der Beleidigung eines Menschen schuldig. Bei schlechten Handlungen kommt es aber auf die Aufeinanderfolge nicht an und der Ort macht keinen Unterschied in dem, was die innere Ähnlichkeit zusammengesellt.

Daher wird in uneingeschränkter Weise befohlen, Böses nicht mit Bösem zu vergelten. Gleichartige Handlungen finden gleichartige Vergeltung. Wie werden wir diese vermeiden, wenn wir bei unserm Abscheu vor der schlechten Tat keinen Abscheu vor der Rachsucht haben? Welchen Tribut der Ehre werden wir Gott darbringen, wenn wir uns das Urteil und die Verteidigung [S. 50] angemaßt haben, wir, die Kinder der Verwesung, die irdenen Gefäße? Wenn unsere Sklaven sich über ihre Mitsklaven das Rächeramt anmaßen, so fühlen wir uns schwer beleidigt, die aber, welche sich uns geduldig überlassen, loben wir, nicht nur als ihrer Niedrigkeit, ihres Sklavenstandes eingedenk, als Leute, welche die Ehre ihres Herrn lieben, sondern wir verschaffen ihnen noch größere Genugtuung, als sie selbst für sich in Anspruch würden genommen haben. Bleibt uns letzteres bei einem im Urteilen so gerechten und in seinen Taten so mächtigen Herrn nicht sicher? Warum halten wir ihn noch für den Richter, wenn wir ihn nicht für den Rächer halten? Er verspricht es uns mit den Worten: „Die Rache mir, und ich will vergelten Deut. 32,35. Matth. 7,1.", fordert er denn damit nicht Geduld? Nur der richtet den Nächsten nicht, der geduldig ist und sich nicht verteidigt. Richtet etwa einer, um zu verzeihen! Und wenn er auch verzeiht, so würde er doch die Ungeduld des Richtenden für sich in Anspruch genommen und dem einzig wahren Richter, das ist Gott, die Ehre entzogen haben.

Wie viele Unfälle aber hat eine solche Ungeduld in der Regel über sich gebracht! Wie oft hat sie ihre Selbstverteidigung bereut? Wie oft ist ihre Hartnäckigkeit schlimmer geworden als die Veranlassung dazu war! Denn was die Ungeduld einmal unternommen hat, das kann sie nicht ohne Ungestüm zu Ende bringen; alles, was mit Ungestüm geschieht, stößt an, oder hat keinen Bestand, oder vergeht jählings, Ist die Verteidigung deiner Person eine zu laue, so wirst du wütend werden; geht sie zu weit, so wirst du beschwert. Was soll ich mich mit der Rache befassen, worin das rechte Maß zu halten ich nicht imstande bin wegen meiner durch den Ärger erregten Ungeduld? Wenn ich mich der Geduld befleißige, so werde ich keinen Ärger [S. 51] empfinden, empfinde ich keinen Ärger, so werde ich nicht nach Rache verlangen.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Persönliche Schriften (Über das Pallium oder den Philosophenmantel, über die Geduld und an seine Frau)
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger