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Tertullian († um 220) - Über die Geduld (De patientia)

8. Den Beleidigungen muss man Geduld entgegensetzen.

Sogar unsere Seele und unsern Körper besitzen wir in dieser Welt nur als die Zielscheibe für alle Beleidigungen, und wir unterziehen uns diesen Beleidigungen mit Geduld - sollten wir da durch den Verlust geringerer Dinge uns noch verletzt fühlen? Fern sei von einem Diener Christi die Schande, dass seine Geduld, die in größeren Versuchungen geübt ist, bei Kleinigkeiten zum Falle komme!

[S. 47] Wenn dich jemand durch Tätlichkeiten reizt und herausfordert, so haben wir das Mahnwort des Herrn: „Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm auch noch die linke hin1". Deine Geduld soll bewirken, dass die Nichtswürdigkeit ermüdet. Wie schwer der Schlag durch die Wucht des Schmerzes und des Schimpfes auch sein mag, er wird noch schwerer vom Herrn zurückgegeben. Du schlägst den Nichtswürdigen mehr durch deine Gelassenheit; er wird dann nämlich von demjenigen geschlagen werden, um dessentwillen Du gelassen bleibst. Wenn eine giftige Zunge in Flüche oder Schmähungen ausbricht, so erinnere Dich an das Wort: „Wenn sie euch fluchen, so freuet euch!"2 Der Herr selbst ist vor dem Gesetze zum Verfluchten geworden, und doch ist er allein der Gesegnete, Folgen wir mithin als Knechte dem Herrn und lassen wir uns geduldig verfluchen, um Gesegnete zu werden! Wenn ich ein gegen mich ausgestoßenes freches oder nichtswürdiges Wort nicht gleichmütig genug anhöre, so ist die natürliche Folge, dass ich entweder die Bitterkeit zurückgebe oder im stummen Ärger mich selbst martere. Wenn ich den schlage, der mir flucht, wie kann ich darauf Anspruch machen, die Lehre des Herrn befolgt zu haben, die da besagt, dass der Mensch befleckt werde, nicht durch die Unreinheit der Gefäße, sondern durch das, was aus dem Munde ausgeht3, und dass jedes törichte und überflüssige Wort eine bleibende Verschuldung sei4? Davon ist die logische Folge, dass der Herr uns geduldig von ändern zu leiden ermahnt, was er zu tun verbietet.

Ich will noch ein Wort über den Triumph der Geduld hinzufügen. Jedes Unrecht, bestehe es in Worten oder in Tätlichkeiten, nimmt, wenn es auf Geduld stößt, sein Ende und wird zunichte wie ein Geschoss, welches gegen einen Felsen von dauerhaftester Härte geschleudert oder gestoßen wird. Es fällt sogleich macht- und [S. 48] wirkungslos herab, und zurückprallend wütet es zuweilen durch seinen Gegenstoß gegen den, der es abgeschickt hat. Man beleidigt dich in der Absicht, dir Schmerz zu machen, weil der Erfolg des Beleidigers im Schmerz des Beschuldigten besteht. Wenn du also seinen Erfolg zunichte machst dadurch, dass du dich nicht betrübst, so wird die Folge davon sein, dass er sich ärgert über den verfehlten Zweck. Du gehst dann nicht nur nicht schadlos aus, was dir auch allein genügen müsste, sondern du hast noch die Freude, dass dein Feind sich verrechnet hat, und sein Verdruss gewährt dir Sicherheit. Das ist der Nutzen und das Vergnügen, das die Geduld gewährt.

1: Matth. 5,39.
2: Matth. 5,12.
3: Mark. 7,15.
4: Matth. 12,36.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Persönliche Schriften (Über das Pallium oder den Philosophenmantel, über die Geduld und an seine Frau)
Allgemeine Einleitung zu Tertullian

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger