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Tertullian († um 220) - Über die Geduld (De patientia)

3. In Christus haben wir ein vielseitiges Muster der Geduld.

Dies ist freilich eine Art göttlicher Geduld, die uns sozusagen weit entfernt liegt; vielleicht wird sie für die gehalten, die in höhern Regionen waltet. Wie steht es aber mit der Art Geduld, welche, unter den Menschen auf Erden offenbar geworden, gewissermaßen mit Händen zu greifen war? Gott lässt es sich gefallen, im Mutterschoße geboren zu werden; er erwartet den Zeitpunkt. Geboren, erträgt er es, heranzuwachsen; herangewachsen, verlangt er, nicht erkannt zu werden. Er ist seinem eigenen Ruhme hinderlich, lässt sich von seinem Knechte taufen und die Angriffe des Versuchers weist er bloß mit Worten ab. Darauf wird aus dem Herrn ein Lehrer, der die Menschen lehrte, dem Tode zu entgehen - nachdem er gelernt hatte, wie die beleidigte Geduld vollständig zu versöhnen sei - er stritt nicht, er schrie nicht zurück und niemand hörte seine Stimme auf den Gassen, das geknickte Rohr zerbrach er nicht und den glimmenden Docht löschte er nicht aus. Denn der Prophet halte nicht gelogen gehabt. Gott selber, der seinen Geist mit dessen ganzer Geduld in seinen Sohn gelegt hatte, gab ihm vielmehr das Zeugnis, Jeden, der ihm anhangen wollte, nahm er auf, keine Tafel und kein Dach verschmähte er, sondern er machte selbst den Diener bei der Fußwaschung seiner Schüler. Die Sünder und Zöllner verachtete er nicht; er war nicht einmal auf die Stadt zornig, die ihn nicht aufnehmen wollte, während die Jünger sogar verlangten, dass sogleich Feuer vom Himmel auf diese schandbare Ortschaft fallen sollte; Undankbare heilte er und den Verfolgern gab er nach.

Noch zu wenig! Auch seinen Verräter hatte er sogar in seiner Nähe, ohne ihn energisch zu brandmarken. Als er verraten war, abgeführt wurde wie ein Stück Vieh zur Schlachtbank - denn er öffnete seinen Mund so wenig als ein Lamm unter der Gewalt des Scherenden - da hat er, auf dessen bloßes Wort, wenn er gewollt hätte, Legionen von Engeln erschienen wären, es nicht einmal gebilligt, dass das Schwert eines einzelnen Schülers Rache übte. Die Langmut des Herrn war es, die in der Person des Malchus verletzt wurde. Daher [S. 38] hat er die Taten des Schwertes auch für die Zukunft verflucht und dem, den er selbst nicht geschlagen hatte, durch Wiederherstellung seiner Gesundheit Genugtuung geleistet vermöge seiner Langmut, die die Mutter der Erbarmung ist. Ich schweige davon, dass er gekreuzigt wurde; denn zu dem Zweck war er gerade gekommen. Aber waren denn, um den Tod zu erdulden, etwa auch noch Beschimpfungen vonnöten? Nein, aber er wollte seine Freude am Dulden bei seinem Hintritte recht ersättigen. Er wird angespieen, gegeißelt, verspottet, schimpflich bekleidet und noch schimpflicher gekrönt.

Wunderbare Ausdauer im Gleichmute! Er, der sich vorgesetzt hatte, in Menschengestalt verborgen zu sein, hat doch in nichts die Ungeduld des Menschen nachgeahmt. Daran gerade, ihr Pharisäer, hättet ihr am ersten den Herrn erkennen sollen! Denn keiner unter den Menschen hätte eine derartige Geduld durchgeführt. So große und so viele Beispiele, deren Erhabenheit unsern Glauben vor den Heiden allerdings heruntersetzt, die bei uns aber zu dessen Begründung und Auferbauung dienen, beweisen nicht bloß durch Worte und Vorschriften, sondern durch die Ausdauer des Herrn selbst in Leiden allen denen, welchen es gegeben ist, zu glauben, deutlich genug, dass die Geduld dem Herrn wesentlich eine Wirkung und ein Vorzug der gewissermaßen angeborenen Eigentümlichkeit sei.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Persönliche Schriften (Über das Pallium oder den Philosophenmantel, über die Geduld und an seine Frau)
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger