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Tertullian († um 220) - Über die Geduld (De patientia)

15. Wert, Wirkungen und Schönheit der Geduld.

Bei Gott ist unsere Geduld in hinreichend sicherer Verwahrung. Wenn man ein erlittenes Unrecht bei ihm hinterlegt - er rächt es; ist es ein Schaden - er gleicht ihn aus; ist es ein Schmerz - er ist Arzt; ist es der Tod - er weckt wieder zum Leben auf. Wie vielen Spielraum hat nicht die Geduld, um Gott zum Schuldner zu machen! Denn sie gibt auf alles acht, was ihm wohlgefällig ist, sie spielt bei allen seinen Geboten ihre Rolle. Sie ist es, die den Glauben befestigt, den Frieden regiert, die Liebe unterstützt, der Demut Anleitung gibt, die Reue abwartet, der Busse das Siegel aufdrückt, das Fleisch beherrscht, den Geist bewahrt, die Zunge zügelt, die gewalttätige Hand zurückhält, die Versuchungen niedertritt, die Ärgernisse verbannt, die Martyrien vollendet, den Armen tröstet, dem Reichen Mäßigung auferlegt, dem Kranken die Zeit abkürzt, den Gesunden nicht verzehrt, den Gläubigen erfreut, den Heiden anzieht, den Knecht dem Herrn und den Herrn dem Knechte empfiehlt, die das Weib ziert und den Mann vollkommen macht; am Knaben wird sie geliebt, am Jüngling gelobt, am Greise geachtet; jedem Geschlecht und jedem Alter steht sie wohl an.

Wohlan, wir wollen nun auch ihre Züge und ihr Äußeres zu beschreiben suchen! Der Ausdruck ihres Antlitzes ist voll Ruhe und Frieden, ihre Stirn frei, nicht von Trübsinn oder Zorn gerunzelt. Ihre Augen sind mit dem Ausdruck der Freude erhoben und nicht etwa die Brauen sorgenvoll heruntergesenkt. Um ihren Mund schwebt anstandsvoller, stiller Ernst, ihre Gesichtsfarbe verrät keine Aufgeregtheit, sondern ein unschuldiges Leben, die häufigen Wendungen des Hauptes sind gegen den Teufel gerichtet und ihr Lächeln ist für ihn eine Drohung. Ihre Kleidung aber um den Oberteil [S. 58] des Körpers ist weiß und dem Körper anschließend, so dass sie nicht im Winde spielt und bewegt wird. Denn sie sitzt ja auf dem Throne seines Geistes, der so milde und sanft ist, der nicht im Knäuel des Wirbelwindes1, nicht im blaugrauen Gewölke wehet, sondern der ein Hauch zarten Lichtes ist, einfach und klar, wie ihn Elias zum dritten Mal sah. Wo Gott ist, da ist auch sein Pflegekind, die Geduld.

Wenn also der Geist Gottes herabsteigt, so ist die Geduld seine unzertrennliche Begleiterin. Wenn wir ihn nicht mit dem Geiste zugleich Einlass geben, wird letzterer dann für immer bei uns verweilen? Nein, ich weiß nicht, ob er länger bleiben würde. Ohne seine Begleiterin und Dienerin muss er sich zu jeder Zeit und an jedem Ort beengt fühlen. Was sein Widersacher auch immer Böses unternimmt, er wird es allein nicht zu ertragen vermögen, indem ihm dann das notwendige Hilfsmittel zum Ertragen abgeht.

1: 3 Kön. 19,11 ff.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Persönliche Schriften (Über das Pallium oder den Philosophenmantel, über die Geduld und an seine Frau)
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger