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Tertullian († um 220) - Über die Geduld (De patientia)

11. Auch sonst sind die Anlässe zu Ungeduld zahlreich. Man muss die Geduld bewahren bei grossen und kleinen Leiden, bei selbst verschuldeten wie bei den von Gott zugelassenen Schicksalen.

Nachdem wir die genannten hauptsächlichsten Veranlassungen der Ungeduld nach Kräften vorgeführt haben, was sollen wir uns da noch mit den übrigen herumschlagen, welche es in und außer dem Hause gibt? Weit ausgebreitet und umfassend ist die Wirkungssphäre des bösen Feindes, der gar vielfältige Beunruhigungsgeschosse des Geistes spielen lässt, bald geringfügige, bald große. Das Geringfügige magst du eben wegen seiner Kleinheit verachten, dem Grossen aber wegen seiner Unüberwindlichkeit nachgeben. Wo die Unbill gering ist, da bedarf es der Geduld nicht; wo dagegen die Unbill bedeutender ist, da ist auch die Anwendung des Heilmittels gegen das Unrecht, der Geduld, um so notwendiger. Kämpfen wir also um die Wette, die Übel, welche der Böse zufügt, zu ertragen, damit die Bestrebungen des Feindes durch unsere mit ihm wetteifernde Geduld zuschanden werden. Wenn wir selber, sei es aus Unklugheit oder freiwillig, Unglück über uns herabgezogen haben, dann wollen wir, was wir uns selbst zuschreiben, eben geduldig hinnehmen. Und wenn uns einiges so vorkommt, als sei es uns vom Herrn auferlegt, gegen wen sollten wir mehr Geduld an den Tag legen als eben gegen den Herrn? Er leitet uns sogar überdies dazu an, uns zu gratulieren und uns zu freuen, dass wir der göttlichen Züchtigung gewürdigt sind! „Die ich liebe, sagt er, züchtige ich1", O wie glücklich jener Knecht, dessen Besserung der Herr betreibt, dem zu zürnen er sich würdigt, den er nicht durch Unterlassung der Mahnung verblendet!

In jeder Richtung also sind wir verpflichtet, Geduld zu üben; von welcher Seite her das Übel auch komme, durch unsere eigenen Verirrungen, infolge der Nachstellungen des bösen Feindes oder durch die Mahnungen des Herrn - der Lohn für ihre Leistung ist immer groß, nämlich die Seligkeit. Denn wen hat der Herr glückselig genannt? Nur die Geduldigen, indem er sagt: [S. 52] „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich2". Arm im Geiste ist aber nur der Demütige. Wer aber ist demütig als nur der Geduldige? Denn niemand kann sich unterwerfen ohne die Unterwerfung seiner selbst, was die erste Stufe der Geduld ist, „Selig", sagt er „sind die Weinenden und Trauernden." Wer kann dergleichen ertragen ohne Geduld? Solchen wird Beistand und Frohlocken versprochen. „Selig sind die Sanftmütigen." In diese Bezeichnung kann man die Ungeduldigen nun einmal nicht einbegreifen. Wenn er die Friedfertigen ebenfalls mit dem Prädikat „Glückselig" beehrt und sie Kinder Gottes nennt, so frage ich, sind etwa die Ungeduldigen dem Frieden nahe? Das wird nur ein Tor meinen. Wenn er vollends sagt: „Freuet euch und frohlocket, so oft sie euch verfluchen und verfolgen, denn sehr groß wird euer Lohn im Himmel sein"3, so verspricht er dieses Frohlocken sicherlich nicht der Ungeduld, weil niemand in Widerwärtigkeiten frohlockt, er habe sie denn vorher verachtet. Niemand aber wird sie verachten, wenn er nicht Geduld besitzt.

1: Sprichw. 3,12.
2: Matth. 5,4.
3: Matth. 5,11f.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Persönliche Schriften (Über das Pallium oder den Philosophenmantel, über die Geduld und an seine Frau)
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger