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Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)
Zehntes Buch

8. Kap. Licinius wendet sich später dem Bösen zu; sein Untergang

8. Der Art also sind die Gaben, die uns die göttliche und himmlische Gnade der Erscheinung unseres Erlösers [S. 470] geschenkt, das die Fülle von Gütern, die allen Menschen durch den uns gegebenen Frieden zuteil geworden. Und dies unser Glück wurde in frohen Festen und Versammlungen gefeiert. Aber der neidische Dämon, der das Gute haßt und das Böse liebt, konnte den Anblick dieses Schauspieles nicht ertragen. Und so vermochte das Schicksal der oben erwähnten Tyrannen den Licinius nicht bei gesundem Sinne zu erhalten. Er, der einer glücklichen Regierung und des zweiten Ranges nach dem großen Kaiser Konstantin und der höchsten Verschwägerung und Verwandtschaft mit ihm gewürdigt ward, ging von der Nachahmung der guten Männer ab und beeiferte sich der Verworfenheit und Schlechtigkeit der gottlosen Tyrannen. Lieber wollte er den Plänen derer folgen, deren Untergang er mit eigenen Augen gesehen, als daß er in freundschaftlicher Gesinnung bei dem ihm überlegenen Fürsten verblieben wäre. Von Neid gegen den Wohltäter aller getrieben, begann er gegen ihn einen gottlosen und schrecklichen Krieg, ohne auf die Gesetze der Natur zu achten und ohne Rücksicht auf Eide, Blut und Verträge. Denn Konstantin hatte ihm, ein allgütiger Kaiser, der er war, Zeichen aufrichtigen Wohlwollens gegeben, ihm die Verwandtschaft mit seiner Person gegönnt, ihm die glänzende Verehelichung mit seiner Schwester nicht abgeschlagen,1 sondern ihn gewürdigt, an dem angestammten Adel und kaiserlichen Blute teilzuhaben, und ihm als Schwager und Mitkaiser Anteil an der obersten Gewalt gegeben. Denn nicht kleiner war das römische Gebiet, das er ihm zur Verwaltung und Regierung zugewiesen hatte. Doch des Licinius Handeln war dem entgegengesetzt. Tag um Tag sann er auf Anschläge jeder Art und ließ sich alle Möglichkeiten durch den Sinn gehen, wie er dem, der ihm überlegen war, nachstellen könnte, dem Wohltäter mit Bösem vergeltend. Anfänglich nun versuchte er seine [S. 471] Pläne geheimzuhalten und heuchelte noch Freundschaft und hoffte so, wieder und wieder auf List und Trug sich werfend, am leichtesten sein Ziel zu erreichen. Gott aber war Konstantins Freund und Hort und Beschützer. Er brachte die im geheimen und in der Finsternis wider ihn geplanten Nachstellungen ans Licht und machte sie zuschanden. Solche Macht liegt in der starken Waffe der Gottesfurcht, die da Feinde abwehrt und das eigene Heil sicherstellt. Von dieser Waffe beschützt, entging unser gottgeliebter Kaiser den hinterlistigen Anschlägen des Verruchten.

Als Licinius sah, daß sich seine geheimen Pläne nicht wunschgemäß verwirklichen ließen, da Gott seinem geliebten Kaiser all seine Tücke und Arglist offenbarte, und er weiterhin nicht mehr im Verborgenen handeln konnte, schritt er zum offenen Krieg. Damit aber, daß er sich entschloß, gegen Konstantin Krieg zu führen, begann er zugleich gegen den Gott des Alls zu rüsten, von dem er wußte, daß ihn Konstantin verehrte. So fing er an, zunächst noch still und im geheimen, seine gottesfürchtigen Untertanen zu bedrängen, obwohl diese seiner Herrschaft nie etwas in den Weg gelegt. Und das tat er, da ihn seine angeborene Bosheit mit furchtbarer Blindheit geschlagen. So stellte er sich in Gedanken weder jene vor Augen, die vor ihm die Christen verfolgt, noch die, welche er selbst wegen ihrer Gottlosigkeit vernichtet und gerächt. Bar jeden vernünftigen Denkens, ja im Zustande völligen Wahnsinnes, entschloß er sich, an Stelle Konstantins Gott selbst, den Beschützer statt des Beschützten, zu bekriegen. Zuerst vertrieb er von seinem Hofe alle Christen, wodurch sich der Unglückliche des Gebetes beraubte, das diese nach väterlichem Brauche für ihn und alle Menschen an Gott zu richten pflegten.2 Sodann gab er Befehl, daß die Soldaten in den Städten einer Sichtung unterstellt und ihres Ranges entkleidet [S. 472] werden sollten, wenn sie sich weigerten, den Dämonen zu opfern.

Doch waren dies Kleinigkeiten im Vergleich zu den schlimmeren Dingen, die folgten. Wozu aber soll ich alle die Taten des gottgehaßten Mannes im einzelnen in Erinnerung bringen, und wie er, der gesetzloseste Mensch, ungesetzliche Gesetze erfunden? Erließ er doch das Gesetz, daß sich niemand gegen die Unglücklichen in den Gefängnissen durch Verabreichung von Speise menschenfreundlich zeigen noch derer, die in Fesseln an Hunger dahinsiechten, sich erbarmen dürfe, ja daß überhaupt niemand gut sein und auch jene nichts Gutes tun sollten, die durch die eigene Naturanlage zum Mitgefühl für den Nächsten gedrängt werden. Und unter seinen Gesetzen war eben dieses unverhohlen schamlos und das härteste, fern jeder milden Regung der Natur. War ihm doch als Strafbestimmung beigefügt, daß die, welche Mitleid zeigten, das gleiche Schicksal erleiden sollten wie jene, die das Mitleid erfuhren, und die, welche Liebesdienste erwiesen, gleich den Unglücklichen bestraft und in Ketten und Kerker geworfen werden sollten. Das waren die Verordnungen des Licinius.

Wozu soll man seine Neuerungen in betreff der Ehe oder die umwälzenden Verordnungen bezüglich der Sterbenden aufzählen, durch welche er die alten, trefflich und weise abgefaßten Gesetze der Römer abzuschaffen wagte und dafür barbarische und grausame, wahrhaft ungesetzliche und gesetzeswidrige Gesetze einführte? Oder die ungezählten Steuern, die er zum Schaden der ihm untergebenen Völker ersann, und die verschiedentlichen Eintreibungen von Gold und Silber, die Landvermessungen und einträglichen Geldbußen von Leuten, die nicht mehr auf der Scholle saßen, sondern schon längst dahingegangen waren? Welch harte Verbannungen erfand der Menschenhasser außerdem gegen Unschuldige, welch drückende Verhaftungen ließ er an vornehmen und angesehenen Männern ausführen, denen er die Ehefrauen [S. 473] entriß, um diese schmutzigen Knechten zur Schändung auszuliefern! Wie viele verheiratete Frauen und jungfräuliche Mädchen entehrte er in Befriedigung seiner zügellosen Leidenschaft, obwohl er bereits im höchsten Alter stand! Wozu soll ich das des langen und breiten schildern, da das Übermaß seiner letzten Untaten die ersten als geringfügig und belanglos erscheinen läßt?

So ging er im Endzustand seines Wahnsinns gegen die Bischöfe vor und rüstete wider sie, in denen er als den Dienern des höchsten Gottes Gegner seiner Unternehmungen erblickte, zum Kampfe, aus Furcht freilich vor dem, der ihm überlegen war, noch nicht offen, sondern heimlich und hinterlistig, und ließ die Bewährtesten aus ihnen durch Anschläge seiner Statthalter aus dem Wege räumen. Auch die Art, in der sie umgebracht wurden, war neu und völlig unerhört. Was gar in Amasia und den übrigen Städten des Pontus geschah, überschreitet jedes Übermaß von Grausamkeit. Hier wurden von den Kirchen Gottes die einen vom First bis zum Grunde niedergerissen, andere schlössen sie, damit keiner von den gewohnten Betern sich einfinde und Gott die Dienste entrichte, die man ihm schuldet. Denn zufolge seines schlechten Gewissens glaubte er nicht, daß man die Gebete für ihn verrichte, sondern war der Überzeugung, daß wir für den gottgeliebten Kaiser alles täten und Gott versöhnten. Und darum begann er seinen Zorn gegen uns zu wenden. Die Schmeichler unter den Statthaltern belegten so in der Überzeugung, damit dem Ruchlosen einen Gefallen zu tun, einige Bischöfe mit den bei Verbrechern üblichen Strafen, und sie, die kein Unrecht begangen, wurden abgeführt und gleich Mördern bestraft, ohne daß man nach einem Vorwand gesucht hätte. Andere mußten eine neue Todesart erdulden. Ihr Körper wurde mit dem Schwerte in zahlreiche Stücke zerschnitten und nach diesem grausamen und ganz entsetzlichen Schauspiele in die Tiefe des Meeres geworfen, den Fischen zum Fraß. Daraufhin begannen die gottesfürchtigen Männer von [S. 474] neuem zu fliehen. Und wiederum nahmen Felder, wiederum Einöden, Talschluchten und Berge die Diener Christi auf. Da dem Gottlosen seine Maßnahmen in dieser Weise von statten gingen, faßte er weiterhin den Plan, die Verfolgung auf alle auszudehnen. Und er hätte Macht gehabt, seine Absicht durchzusetzen, und nichts hätte ihn gehindert, sie zu verwirklichen, wenn nicht Gott, der Streiter für die ihm zugehörigen Seelen, in Eile dem zuvorkommend, was zu geschehen drohte, wie aus tiefer Finsternis und dunkelster Nacht ein großes Licht und einen Erlöser zugleich allen hätte aufleuchten lassen, seinen Diener Konstantin mit erhobenem Arme auf den Schauplatz führend.3

1: Februar 313 heiratete Licinius Konstantins Schwester Konstantia.
2: Vgl. 1. Tim. 2, 1 f.
3: Ps. 135,12. Vgl. Eusebius, „Leben Konstantins" I 50—56.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Kirchengeschichte des Eusebius

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger