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Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)
Zehntes Buch

4. Kap. Festrede anläßlich der glücklichen Wendung der Dinge.

4. Da trat ein Mann von mäßiger Begabung1 mit einer Rede, die er verfaßt, in der kirchlichen Versammlung in Anwesenheit sehr vieler Hirten auf, die in Ruhe und Ordnung zuhörten. Er richtete sie an den in jeder Beziehung trefflichen und Gott wohlgefälligen Bischof, durch dessen Eifer und Prachtliebe der Tempel in Tyrus, der weitaus herrlichste in ganz Phönizien, errichtet worden war. Die Rede lautet also:

Festrede über die Erbauung der Kirchen, gewidmet Paulinus, dem Bischöfe der Tyrier.

Freunde Gottes und Priester, die ihr das lange heilige Gewand und die himmlische Krone der Ehre traget, ge- [S. 440] salbt mit göttlichem Öle und angetan mit dem priesterlichen Kleide des Heiligen Geistes! Und du, jugendlicher Stolz des heiligen Gottestempels, von Gott mit ehrwürdiger Weisheit begabt, gefeiert ob der prächtigen Werke und Taten, die deine jugendlich frische Kraft vollbracht, dem Gott selbst, der die ganze Welt umfaßt, die besondere Ehre verliehen, daß er das irdische Haus baue und erneuere für Christus, sein eingeborenes und erstgeborenes Wort, und dessen heilige und gotteswürdige Braut! Soll man dich einen neuen Beseleel, den Erbauer des göttlichen Zeltes,2 oder Salomon, den König des neuen und viel besseren Jerusalem, oder gar einen neuen Zorobabel nennen, der dem Tempel Gottes noch weit größere Herrlichkeit verlieh, als sie früher ihm eigen?3

Doch auch ihr, Schäflein der heiligen Herde Christi, Heimstätte guter Worte, Schule der Enthaltsamkeit, feierlicher und gottgeliebter Ort, wo man von Gottesfurcht hört! Wohl haben wir in vergangenen Tagen aus der feierlichen Lesung der heiligen Bücher von den staunenswerten Zeichen Gottes und den Wundertaten, die er zum Wohle der Menschen gewirkt, durch das Ohr Kunde bekommen und durften wir Hymnen und Lieder zu Gott emporsenden und sprechen, wie man uns gelehrt: „O Gott, mit unseren Ohren haben wir es gehört, und unsere Väter haben uns verkündet das Werk, das du in ihren Tagen, in der Vorzeit vollbracht hast.“4 Jetzt aber erkennen wir den erhobenen Arm5 und die himmlische Rechte unseres allgütigen Gottes und Königs der Könige nicht mehr durch Hören und erzählende Worte. Durch Taten sozusagen und mit eigenen Augen sehen wir die Glaubwürdigkeit und Wahrheit dessen, was aus alter Zeit uns überliefert ist, und wir dürfen ein neues Siegeslied anstimmen und mit lauter Stimme rufen: „Wie wir es gehört haben, so schauten [S. 441] wir es in der Stadt des Herrn der Heerscharen, in der Stadt unseres Gottes.“6 Kann diese Stadt eine andere sein als die, die eben neuerrichtet und von Gott erbaut ward? „Es ist die Kirche des lebendigen Gottes, die Säule und Grundfeste der Wahrheit“,7 von der ein anderes Gotteswort kündet: „Herrliches ist über dich gesagt, Stadt Gottes!“8 Da der allgütige Gott uns durch die Gnade seines Eingeborenen in dieser Stadt versammelt hat, so singe, ja rufe ein jeder der Geladenen und spreche: „Ich freute mich darüber, daß man mir sagte: Wir wollen zum Hause des Herrn gehen!“9 und „O Herr, ich liebe die Zier deines Hauses und den Ort, wo das Zelt deiner Herrlichkeit steht.“10 Nicht nur jeder für sich, nein, alle zusammen wollen wir eines Herzens und eines Sinnes ihn ehren und in den Lobruf ausbrechen und sagen: „Groß ist der Herr und sehr preiswürdig in der Stadt unseres Gottes, auf seinem heiligen Berge!“11 Ja, er ist wahrhaftig groß. Und groß ist sein Haus, hoch und weit12 und „schöner und herrlicher als die Söhne der Menschen“.13 Groß ist der Herr, „der allein Wunder tut.“14 Groß ist er, „der Großes wirkt und Unerforschliches, Herrliches und Erstaunliches ohne Zahl“.15 Groß ist er, „der Zeiten und Jahre ändert und Könige absetzt und einsetzt“,16 „der den Dürftigen vom Staube aufrichtet und den Armen aus dem Schmutze erhebt“.17 „Er stürzte die Fürsten von ihren Thronen und erhob die Demütigen von der Erde; die Hungrigen sättigte er mit Gütern“18 und zerschmetterte den Arm der Hochmütigen. Und so hat er nicht nur den Gläubigen, sondern auch den Ungläubigen das, was die alten Erzählungen berichten, bekräftigt, er, der Wundertäter, der Vollbringer großer Dinge, der Herr des Alls, der Schöpfer der ganzen Welt, der Allmächtige, der Allgütige, der eine und [S. 442] einzige Gott. Ihm wollen wir in Ergebenheit das neue Lied singen, ihm, „der allein Wunder tut, weil in Ewigkeit währt sein Erbarmen, ihm, der große Könige geschlagen und mächtige Könige getötet, weil in Ewigkeit währt sein Erbarmen, weil er in unserer Niedrigkeit unser gedachte und uns von den Feinden erlöste“.19

Und niemals wollen wir aufhören, den Vater des Alls in solchen Worten zu preisen! Aber auch den zweiten Urheber unseres Glückes, Jesus, der uns zur Gotteserkenntnis geführt, die wahre Gottesfurcht gelehrt, die Gottlosen vernichtet, die Tyrannen getötet, das Leben wiederhergestellt und uns, da wir der Verzweiflung verfallen, errettet hat, laßt uns mit dem Munde verherrlichen! Denn er hat allein als der einzigste20 allgütige Sohn des allgütigen Vaters nach dem Willen der väterlichen Liebe zu den Menschen mit größter Bereitwilligkeit unsere im Verderben darniederliegende Natur angenommen. Wie der gute Arzt um der Heilung der Kranken willen „die Übel untersucht, Ekelerregendes berührt und bei fremdem Leid selbst Schmerz empfindet“,21 so hat er uns, die nicht nur krank waren und an furchtbaren Geschwüren und bereits eiternden Wunden litten, sondern schon unter den Toten lagen, aus dem Abgrunde des Todes zu sich errettet. Denn kein anderer im Himmel besaß solche Stärke, daß er, ohne Schaden zu nehmen, die Erlösung so vieler hätte wirken können. Er allein nahm sich unseres tiefen Elendes an, er allein trug unsere Leiden, er allein lud auf sich die Strafen für unsere Gottlosigkeiten.22 Und da wir nicht halbtot waren, sondern faul ganz und gar und riechend bereits in Grüften und Gräbern lagen, hob er uns auf und heilte uns, jetzt wie in alter Zeit, in seiner liebenden Sorge für die Menschen wider unser und eines jeglichen Hof- [S. 443] fen und gab uns in Fülle Anteil an den Gütern des Vaters, er, der Lebensspender, der Lichtbringer, unser großer Arzt, König und Herr, der Gesalbte Gottes.

Als er seinerzeit das ganze Menschengeschlecht durch den Betrug frevelhafter Dämonen und das Wirken gottfeindlicher Geister in dunkler Nacht und tiefer Finsternis begraben sah, da löste er ein für allemal allein durch sein Erscheinen die festgeknüpften Bande unserer Sünden, wie Wachs schmilzt vor den Strahlen seines Lichtes. Ob so großer Gnade und Wohltat barst beinahe der neidische Dämon, der das Gute haßt und das Böse liebt, und führte seine gesamten tödlichen Kräfte gegen uns ins Feld. Nach Art eines wütenden Hundes, der mit den Zähnen die gegen ihn geschleuderten Steine angreift und seine Wut gegen die sich wehrenden Menschen an den leblosen Geschossen ausläßt, richtete er seinen tierischen Wahnsinn zuerst gegen die Steine unserer Bethäuser und das tote Material von Gebäuden und machte die Kirchen, wie er wenigstens selbst glaubte, zu öden Stätten. Sodann äußerte er sein schreckliches Fauchen und sein Schlangengezisch bald in Drohungen gottloser Tyrannen, bald in gotteslästerlichen Erlassen glaubensfeindlicher Herrscher, spie dazu seinen Tod aus, behexte die von ihm gefangenen Seelen mit unheilvollen und seelenverderbenden Giften, tötete sie, wenig fehlte, mit den todbringenden Opfern toter Götzen und hetzte jedes wilde Tier und jedes Ungeheuer in Menschengestalt gegen uns. Jetzt, nach der genügsamen Erprobung, die die besten Soldaten seines Reiches in allen Lagen mit Ausdauer und Starkmut bestanden, ist der Engel des großen Rates,23 der große Heerführer Gottes,24 plötzlich wiederum von neuem erschienen und vertilgte und vernichtete seine Feinde und Widersacher so völlig, daß es schien, als wäre ihr Name nie genannt worden. Seine Freunde und Vertrauten aber erhob er vor allen, nicht nur vor Menschen, sondern auch vor den himmlischen Mächten, vor [S. 444] Sonne, Mond und Sternen, vor dem gesamten Himmel und der gesamten Erde über alle Herrlichkeit. Daher speien jetzt, was noch nie gewesen, die über allen erhabenen Kaiser im Bewußtsein der von ihm empfangenen Würde den toten Götzen ins Gesicht, treten die unheiligen Bräuche der Dämonen mit Füßen, verspotten den alten, von den Vätern ererbten Betrug, anerkennen den, der ihr und aller gemeinsamer Wohltäter ist, als den einen und alleinigen Gott, bekennen Christus, den Sohn Gottes, als den höchsten König aller und nennen ihn auf Säulen Erlöser und zeichnen zur ewigen Erinnerung seine Großtaten und seine Siege über die Gottlosen mitten in jener Stadt, die als Königin über die Erde regiert, mit königlichen Buchstaben auf. Unser Erlöser Jesus Christus wird so als der einzige von denen, die je gewesen, auch von den höchsten Herren der Erde nicht als gewöhnlicher, von Menschen stammender König bekannt, sondern als wahrer Sohn des Gottes des Alls und selbst Gott angebetet.

Und mit Recht! Denn welcher König hat je solche Berühmtheit erlangt, daß Ohr und Zunge aller Menschen auf Erden voll sind von seinem Namen? Und welcher König hat so fromme und weise Gesetze aufgestellt und Macht genug besessen, sie allen Menschen von den Enden der Erde bis zu den Grenzen der ganzen Welt zur Kenntnis und Anerkennung zu bringen? Wer hat die barbarischen und wilden Sitten roher Völker durch seine milden und freundlichsten Gesetze gezähmt? Wer hat, ganze Zeitläufte hindurch von allen Seiten bekämpft, die übermenschliche Kraft gezeigt, daß er von Tag zu Tag mehr aufblühte und jung verblieb durch sein ganzes Leben? Wer hat ein Volk, nicht in einem verborgenen Winkel der Erde, sondern über den ganzen Erdkreis, soweit die Sonne scheint, aufgestellt, ohne daß man davon je zuvor gehört hatte? Wer rüstete seine Soldaten so sehr mit den Waffen der Frömmigkeit aus, daß ihre Seelen in den Kämpfen gegen die Feinde härter [S. 445] als Diamant erschienen? Welcher König ist so stark und befehligt nach dem Tode noch ein Heer und errichtet Siegeszeichen wider die Feinde und füllt bei Griechen und Barbaren jeden Ort, Dorf wie Stadt, mit den Weihegaben seiner königlichen Paläste und göttlichen Tempel an, wie wir es in den kostbaren Schätzen und Gaben dieses Heiligtums sehen? Erhebend wahrhaftig und groß sind diese Dinge, würdig des Staunens und der Bewunderung, augenfällige Zeugen für die Herrschermacht unseres Erlösers. Auch jetzt „sprach er, und es wurde, gebot er, und es geschah“.25 Denn was könnte dem Winke des obersten Königs und Führers und des Wortes Gottes selbst widerstehen?

Diese Dinge erforderten eine eigene Rede, wollte man sie sorgfältig und mit Muße betrachten und erklären. So groß und edel indes der Eifer derer war, die hier gebaut, er tritt in den Augen dessen, den wir Gott nennen, an Geltung zurück, wenn dieser auf unser aller lebendigen Tempel sieht und auf den aus lebenden und festen Steinen errichteten Bau achtet, welcher gut und sicher gegründet ist „auf dem Grunde der Apostel und Propheten, und dessen Eckstein Jesus Christus selber ist, den verworfen haben“ nicht nur die Bauleute jenes alten, der nicht mehr währt, sondern auch jene des noch jetzt bestehenden Baues, der die größere Zahl der Menschen umfaßt — schlechte Meister schlechter Werke. Der Vater aber hat ihn einst wie jetzt erkannt und als Eckstein dieser unserer gemeinsamen Kirche aufgestellt.26 Wer so diesen aus uns selbst aufgebauten lebendigen Tempel des lebendigen Gottes geschaut, ich meine das größte und wahrhaft würdige Gotteshaus, dessen innerstes Heiligtum den Blicken der Massen verborgen bleibt und wahrhaft heilig und das Allerheiligste ist, konnte der wagen, davon zu erzählen? Wer anderer denn allein der große Hohepriester des Alls, dem einzig das Recht zukommt, die Geheimnisse jeder vernunftbegabten Seele [S. 446] zu erforschen, vermöchte auch nur mit dem Blicke zu dringen in das heilige Gehege? Vielleicht aber ist es noch einem andern, aber ihm allein unter den Männern gleichen Amtes, möglich, die zweite Stelle darin nach Christus einzunehmen, dem Führer hier, der den Vorsitz führt über diese Schar, den der erste und große Hohepriester selbst mit dem zweiten priesterlichen Range in dieser Kirche ausgezeichnet und den er, nachdem er Hirte eurer ehrwürdigen Herde geworden und auf Grund der Wahl und Bestimmung des Vaters von eurem Volke Besitz genommen, zu seinem Diener und Dolmetsch gemacht hat.27 Er ist der neue Aaron oder Melchisedech, dem Sohne Gottes ähnlich, bleibend und von ihm behütet immerdar durch euer aller gemeinsames Beten.28 Diesem allein soll es nach dem ersten und größten Hohenpriester verstattet sein, wenn nicht an erster, so gleichwohl an zweiter Stelle die tiefsten Geheimnisse eurer Seelen zu schauen und zu beachten. Denn in jahrelanger Erfahrung hat er jeden einzelnen genau erforscht und euch alle mit eifriger Sorgfalt in der Zucht und Lehre der Gottesfurcht unterwiesen. Und mehr als alle vermöchte er über das, was er mit göttlicher Kraft vollbracht, getreu den Tatsachen Bericht zu geben.

Unser erster und großer Hoherpriester sagt:29 „Was er den Vater tun sieht, tut in gleicher Weise auch der Sohn.“ So erblickt auch er (Paulinus), mit den reinen Augen seines Geistes auf den obersten Lehrer achtend, in dem, was er diesen tun sieht, Urbilder und Vorbilder und schuf hiervon, so gut er konnte, Abbilder in treuester Nachahmung. In keiner Weise steht er jenem Beseleel nach, den Gott selbst mit dem Geiste der Weisheit, der Einsicht und der Geschicklichkeit in Kunst und Wissenschaft erfüllte und berief, daß er ein Heiligtum nach himmlischen Vorbildern erstelle.30 Ähnlich trug er das Bild des ganzen Christus, des Wortes, der Weisheit, [S. 447] des Lichtes, in seiner Seele. Worte vermögen es nicht zu sagen, mit welch hohem Sinne und mit welch freigebiger und verschwenderischer Hand, unterstützt durch euer aller Eifer — hochgemut wolltet ihr in edlem Wettbewerb an Beiträgen zu dem gleichen Ziele ihm in nichts nachstehen —, er diesen herrlichen Tempel des höchsten Gottes dem Vorbilde des Besseren, den sichtbaren dem unsichtbaren, in Ähnlichkeit nachschuf. An erster Stelle muß erwähnt werden, daß er diesen durch die hinterlistigen Pläne der Feinde mit Unrat aller Art überschütteten Platz nicht preisgab und der Bosheit derer, die es verübt, nicht wich, trotzdem die Möglichkeit bestand, unter den zahlreichen, günstig gelegenen Plätzen der Stadt einen anderen zu wählen, wodurch die Arbeit erleichtert und Schwierigkeiten erspart geblieben wären. Zuerst rief er sich selbst zu dem Werke auf. Sodann wappnete er durch seinen Eifer das ganze Volk und sammelte aus allen eine mächtige Truppe und begann so den ersten Kampf. Denn er glaubte, daß gerade diejenige Kirche, die von den Feinden bestürmt ward und ehedem viel geduldet, die gleichen Verfolgungen mit uns und vor uns erlitten und einer Mutter glich, die ihre Kinder verloren, auch an den großen Gnaden des Allgütigen in besonderer Weise teilhaben müsse. Nachdem der große Hirte die wilden Tiere, die Wölfe und jegliche Art grausamer und reißender Bestien vertrieben und die Zähne der Löwen, wie die göttliche Schrift sagt,31 zermalmt, da wollte er, daß seine Söhne wieder an einem Orte zusammenkämen, und stellte so den Stall der Herde wieder her, „um den Feind und Bösewicht zu beschämen“32 und die gottfeindlichen Pläne der Ruchlosen bloßzustellen. Und jetzt sind sie nicht mehr, die Gotteshasser; denn sie waren niemals. Nur für kurze Zeit haben sie Schrecken verbreitet und Schrecken gelitten, dann zollten sie der Gerechtigkeit die verdiente Strafe und richteten sich, ihre Freunde [S. 448] und ihre Häuser völlig zugrunde. Und damit haben sie die in alter Zeit in heiligen Urkunden aufgezeichneten Weissagungen33 als glaubwürdig erwiesen, worin das göttliche Wort unter andern Dingen, die es wahrheitsgetreu kündet, von ihnen sagt:34 „Das Schwert haben die Sünder gezückt, ihren Bogen haben sie gespannt, um den Armen und Dürftigen niederzuwerfen und zu morden, die geraden Herzens sind. Ihr Schwert möge in ihr eigenes Herz dringen und ihr Bogen zerbrochen werden.“ Und wiederum:35 „Dem Schalle gleich verging ihr Andenken, und ihr Name ward ausgetilgt auf immer und ewig.“ In ihrem Unglück „schrien sie zum Herrn, da niemand war, der sie gerettet hätte; doch er hörte nicht auf sie“.36 „Sie gerieten in Schlingen und fielen, wir aber standen auf und erhoben uns.“37 Auch die Verheißung38 „O Herr, in deiner Stadt wirst du ihr Bild vernichten“ hat sich vor den Augen aller Menschen bewahrheitet.

Das war das Ende des Lebens, das die genommen, die nach Gigantenart gegen Gott zu kämpfen versucht. Ihr aber (der Kirche), verlassen und von Menschen aufgegeben, war als Ziel ihres Ausharrens in Gott beschieden, was wir nun mit Augen schauen. Daher ruft ihr die Weissagung des Isaias zu:39 „Freue dich, dürstende Wüste, es juble die Einöde und erblühe wie eine Lilie! Blühen und jauchzen werden die Wüsten. Erstarket, ihr matten Hände und ihr wankenden Knie! Tröstet euch, ihr Kleinmütigen, seid stark, fürchtet euch nicht! Siehe, unser Gott vergilt im Gerichte und wird vergelten. Er selbst wird kommen und uns erlösen. Denn — so heißt es — Wasser brach hervor in der Wüste, ein Brunnen in dürstendem Lande; der wasserlose Ort wird zur Wiese und die Wasserquelle zu dürstendem Lande werden.“ Diese Dinge, in Worten einst vorherverkündet und in heiligen Büchern niedergelegt, vernehmen wir nun, da [S. 449] sie sich erfüllt, nicht mehr mit dem Ohre sondern in den Taten. Diese Wüste, dieser wasserlose Ort, diese Witwe ohne Schutz, „deren Tore sie mit Äxten aushieben wie im Baumwald und sie zugleich mit Beil und Hammer“ zerschlugen, deren Bücher sie vertilgten und „das Heiligtum Gottes in Brand steckten und seine Wohnung bis zum Boden entweihten“,40 sie, „in der alle ernteten, die des Weges kamen, nachdem sie zuvor zerbrochen ihre Zäune, die der Eber aus dem Walde zerwühlt und das Wild der Wüste abgeweidet“,41 — sie ist durch die wunderbare Kraft Christi nunmehr, da er es so will, gleich einer Lilie geworden. Aber auch die Züchtigung hatte sie ehedem auf seinen, des fürsorgenden Vaters Wink hin erlitten; „denn wen der Herr lieb hat, den züchtigt er; er schlägt aber jeden Sohn, den er aufnimmt.“42 Nachdem die Kirche so nach Gebühr und mit Maß gezüchtigt ist, erhält sie von oben her wiederum den Befehl, sich zu freuen, und sie blüht auf gleich einer Lilie und atmet göttlichen Wohlgeruch aus über alle Menschen; „denn — so heißt es — es brach in der Wüste Wasser hervor“, der Quell der göttlichen Wiedergeburt im heilbringenden Bade. Und was kurz zuvor noch Wüste war, ist zur Wiese geworden, und eine Quelle lebendigen Wassers ergoß sich über das dürstende Land; die Hände, die ehedem matt, sind in Wahrheit erstarkt, und die Dinge, die wir schauen, sind große und augenfällige Zeugen für die Kraft dieser Hände. Aber auch die einst gebrechlichen und wankenden Knie haben ihre Fähigkeit zu gehen wieder erlangt, so daß sie geraden Weges zur Erkenntnis Gottes wandeln und zur Herde des allgütigen Hirten eilen. Und wenn zufolge der Drohungen der Tyrannen die Seelen mancher ganz und gar erstarrten, auch sie ließ das heilbringende Wort nicht als unheilbar beiseite liegen, es gab ihnen völlige Gesundheit, zum Vertrauen auf Gott sie aufmunternd [S. 450] mit dem Worte; „Tröstet euch, ihr Kleinmütigen, seid stark, fürchtet euch nicht!“

Da dieser unser neuer und trefflicher Zorobabel43 das Wort, das da verkündete, daß die durch Gottes Fügung einsam gewordene Kirche dieser Güter teilhaftig werden solle, mit dem scharfen Sinne seines Geistes nach jener bitteren Gefangenschaft und dem Greuel der Verwüstung44 gehört, richtete er das Auge auf die tote Ruine. Zuerst vor allem versöhnte er mit euer aller gemeinsamer Zustimmung den Vater durch Gebete und Bitten, nahm den, der allein von den Toten erwecken kann, zum Mitstreiter und Mitarbeiter, richtete die Gefallene auf, nachdem er sie vom Unrat gereinigt und geheilt, und legte ihr als Gewand nicht das alte Kleid von ehedem an, sondern jenes, das er aus der göttlichen Prophezeiung kannte, die da deutlich spricht:45 „Und die letzte Herrlichkeit dieses Hauses wird größer sein als die erste.“

Der ganze Platz, den er sonach für den Bau absteckte, war viel größer (als bei der ersten Kirche). Nach außen befestigte er ihn in seinem ganzen Umfange mit einer ringsum laufenden Mauer, die der ganzen Anlage als sichere Wehr dienen sollte. Ein großer und zur Höhe sich dehnender Torbau, den er den Strahlen der aufgehenden Sonne zu sich öffnen ließ, sollte schon denen, die noch fern und außerhalb der heiligen Umfriedung stehen, in reichem Maße ein Bild dessen bieten, was das Auge im Innern schauen darf. Er wollte damit gleichsam die Blicke derer, die dem Glauben noch ferne stehen, auf die ersten Eingänge lenken. Niemand sollte vorübergehen, ohne zuvor beim Gedanken an die einstige Verödung und das erstaunliche Wunderwerk von heute in tiefster Seele ergriffen zu werden. In solcher Ergriffenheit, hoffte er, würde vielleicht mancher sich angezogen fühlen und so seine Schritte auf den bloßen Anblick hin nach dem Eingange lenken. [S. 451] Wer nun durch die Tore eingegangen, durfte nicht gleich mit unreinen und ungewaschenen Füßen das Innere des Heiligtums betreten. Er beließ vielmehr zwischen dem Tempel und den ersten Eingängen einen reichlich bemessenen Raum und schmückte diesen rings um mit vier schräg abgedeckten Hallengängen die allerseits auf Säulen ruhen, den Platz im Geviert umgebend.46 Den Raum zwischen Säule und Säule schloß er bis zu mäßiger Höhe mit hölzernem Gitterwerk. Die mittlere Fläche der Anlage aber beließ er als offenen Platz, wo man den Himmel sehen kann, helle Luft ihr gewährend und sie freigebend für die Strahlen des Lichtes. Hier stellte er Symbole heiliger Reinigungen auf, indem er dem Tempel gegenüber Brunnen errichten ließ, die in reichlich strömender Flut denen, die nach dem Inneren der heiligen Umfriedung vorschreiten, Reinigung bieten. Dieser Ort, an dem die Eintretenden zuerst verweilen, dient dem Ganzen zugleich zu Schmuck und Zier und denen, die der ersten Einführung (in den Glauben) bedürfen, zu schicklichem Aufenthalt.

Den Anblick, den diese Teile gewähren, noch überbietend, brachte er an dem zu innerst gelegenen und breiteren Hallengange, weit sich öffnend, die Zugänge zum Tempel an, indem er unter den Strahlen der Sonne noch einmal drei Pforten nebeneinander errichtete, von denen die mittlere die beiden seitlichen an Höhe und Breite weit übertreffen sollte. Er schmückte sie auch, um sie auszuzeichnen, mit Bronzeplatten, die mit Eisen befestigt wurden, und buntem Zierat in erhabener Arbeit und gab ihr, der Königin, die beiden anderen gleichsam als Trabanten zur Seite. Und im gleichen Sinne ordnete er auch, entsprechend der bei den Torbauten festgelegten Zahl, die Hallengänge zu beiden Seiten des Tempelhauptraumes an und ließ in der Höhe darüber, damit weiteres und reichlicheres Licht eindringe, ver- [S. 452] schiedene Öffnungen in das Gebäude brechen, mit feiner Holzarbeit zierlich sie füllend.47

Das königliche Haus aber stattete er mit noch reicherem und vornehmerem Material aus, in verschwenderischer Freigebigkeit der Kosten nicht achtend. Ich halte es indessen für überflüssig, die Länge und Breite des Gebäudes hier zu beschreiben und zu schildern die strahlende Schönheit, die der Worte spottende Größe, den blendenden Anblick der Arbeiten, die zum Himmel strebende Höhe und, darüber lagernd, die kostbaren Zedern des Libanon, deren auch die göttliche Schrift zu erwähnen nicht vergaß, indem sie sagt:48 „Freuen werden sich die Bäume des Herrn und die Zedern des Libanon, die er gepflanzt.“ Was soll ich jetzt einläßlich reden von der vollendeten Weisheit und Kunst, mit der das Ganze angeordnet, und von der überwältigenden Schönheit der einzelnen Teile, da das Zeugnis des Auges eine Belehrung durch das Ohr erübrigt?

Nachdem er so den Tempel vollendet, stattete er ihn zur Ehrung der Vorsteher mit hocherhabenen Thronen und überdies, in geziemender Reihe und Ordnung, mit Bänken für die Gesamtheit (des Klerus) aus und stellte zu allem hin in der Mitte als Allerheiligstes den Altar auf. Auch diesen Teil schloß er, damit die Menge ihn nicht betrete, durch hölzernes Gitterwerk ab, in erlesenster Feinarbeit ausgeführt, ein wunderbarer Anblick für alle, die es sehen. Auch dem Fußboden entzog er sein Augenmerk nicht. Und so lieh er ihm durch allerlei Zierat in Marmor leuchtenden Schmuck. Sodann wandte er sich jetzt dem äußeren des Tempels zu. Er ließ zu beiden Seiten in kunstvoller Weise Chöre49 und Räume50 von beträchtlichem Ausmaße anbringen, die an den Seiten dem Hauptbau zu einem Ganzen angegliedert und mit den zum Mittelbau führenden Eingängen verbunden [S. 453] sind und von unserem friedliebenden Salomon, dem Erbauer des Gotteshauses, für jene errichtet wurden die noch der Reinigung und Besprengung mit Wasser und dem Heiligen Geiste51 bedürfen. So ist die oben erwähnte Weissagung52 nicht mehr leeres Wort, sie ist zur Tat geworden. Denn es ward und ist jetzt wahrhaftig „die letzte Herrlichkeit dieses Hauses größer als die erste“.53

Nachdem ihr Hirt und Herr einmal den Tod für sie erlitten und nach seinem Leiden den niedrigen Leib, in den er sich gekleidet, in einen glänzenden und herrlichen verwandelt54 und das Fleisch selbst von der Ver-weslichkeit befreit und zur Unverweslichkeit geführt,55 so war es notwendig und entsprechend, daß auch sie an den Früchten der Erlösung in gleicher Weise teilhabe. Hat sie doch darüber hinaus eine noch viel bessere Verheißung von ihm erhalten und sehnt sich, die noch viel größere Herrlichkeit der Wiedergeburt in der Auferstehung eines unverweslichen Leibes mit dem Chore der Lichtengel in dem überhimmlischen Reiche Gottes in der Vereinigung mit Jesus Christus selbst, dem All Wohltäter und Erlöser, dauernd und für die künftigen Zeiten zu empfangen. Indessen ist die Kirche, die einst verwitwet und vereinsamt war, schon jetzt durch die Gnade Gottes mit diesen Blumen geschmückt und gemäß der Prophezeiung in Wahrheit gleich einer Lilie geworden. Sie hat wiederum das Brautkleid angezogen und den Kranz der Schönheit aufgesetzt. Hören wir ihre eigenen Worte, womit sie Isaias in feierlichem Reigen und preisender Rede Gott, dem Könige, Dank sagen lehrt. Sie spricht: „Meine Seele jauchze im Herrn! Denn er hat mir das Gewand des Heiles und das Kleid der Freude angelegt. Wie einem Bräutigam [S. 454] hat er mir einen Kranz aufgesetzt und wie eine Braut mit Geschmeide mich geschmückt. Und wie die Erde ihre Blumen hervorbringt und der Garten den Samen, der ihm anvertraut, aufgehen läßt, so ließ Gott, der Herr, Gerechtigkeit und Freude vor allen Völkern ersprossen.“56 So jubelt die Kirche. Mit welchen Worten aber der Bräutigam, das himmlische Wort, Jesus Christus selbst, ihr antwortet, darüber vernimm den Herrn, der da spricht: „Fürchte dich nicht, weil du beschimpft, und bekümmere dich nicht, weil du geschmäht wurdest! Denn der langen Schmach wirst du vergessen und nicht mehr der Schande deiner Witwenschaft gedenken. Nicht als ein verlassenes und kleinmütiges Weib hat dich der Herr berufen und nicht als ein Weib, gehaßt von Jugend an. Es sprach dein Gott: Nur für eine kurze Zeit habe ich dich verlassen, und in großer Barmherzigkeit werde ich mich deiner erbarmen. Nur in kurzem Zorne habe ich mein Angesicht von dir abgewandt, und in ewiger Barmherzigkeit werde ich mich deiner erbarmen. So sprach der Herr, der dich erlöset.“57 „Erwache, erwache, die du aus der Hand des Herrn den Kelch seines Zornes getrunken! Denn den Kelch des Verderbens, den Becher meines Zornes hast du getrunken und geleert. Und es war keines von allen deinen Kindern, die du geboren, das dich getröstet, und keines, das deine Hand ergriffen hätte. Siehe, ich nahm aus deiner Hand den Kelch des Verderbens, den Becher meines Zornes, und nicht mehr sollst du ihn fürder trinken. Ich werde ihn in die Hände derer geben, die dir Unrecht getan und dich erniedrigt haben. Erwache, erwache, bekleide dich mit Kraft, bekleide dich mit deiner Herrlichkeit! Schüttle ab den Staub und erhebe dich! Setze dich und löse die Fesseln deines Nackens!“58 „Erhebe im Umkreis deine Augen und siehe deine Kinder versammelt! Siehe, sie haben sich versammelt und sind zu dir gekommen! So [S. 455] wahr ich lebe, spricht der Herr, sie alle sollst du an ziehen wie einen Schmuck und anlegen wie das Geschmeide einer Braut. Deine Öden, deine Trümmer und deine Ruinen werden nun zu eng sein für deine Bewohner und die dich verheeren, werden weit von dir entfernt werden. Denn deine Söhne, die du verloren hast, werden dir ins Ohr sagen; ‚Zu eng ist mir der Platz, schaffe mir Platz, daß ich wohnen kann!’ Und du wirst in deinem Herzen sagen: ‚Wer erzeugte mir diese? Ich war kinderlos und Witwe, Wer zog sie mir groß? Ich war allein und verlassen. Wo waren mir diese?’“59 Das hat Isaias vorausgesagt, das ward vor sehr langer Zeit über uns in heiligen Büchern aufgezeichnet. Wir aber sollten die Untrüglichkeit dieser Worte nun endlich durch die Taten erkennen. Denn da der Bräutigam, das Wort, seine Braut, die heilige und reine Kirche, also anredete, streckte der Brautführer hier60 2 auf euer aller gemeinsame Bitten hin billig eure Hände aus und erweckte und erhob sie, die als Leichnam darniederlag, von Menschen aufgegeben, nach dem Winke Gottes, des höchsten Königs, und durch die Offenbarung der Kraft Jesu Christi. Und nachdem er sie erhoben, stattete er sie aus, wie ihn die Niederschrift der heiligen Orakel lehrte.

Ein sehr großes Wunder, das nicht genug angestaunt werden kann, ist dies in der Tat, insbesondere für jene, die ihr Augenmerk nur auf die Erscheinung der äußeren Dinge richten. Wunderbarer aber als Wunder sind die Urbilder, die geistigen Vorbilder und gotteswürdigen Musterbilder dieser Dinge, ich meine die Erneuerung des göttlichen und vernünftigen Baues in unsern Seelen. Diesen hat der Sohn Gottes selbst nach seinem eigenen Bilde erschaffen61 und in allem und in jeder Beziehung mit Gottähnlichkeit ausgerüstet. Er hat ihn zu einem unvergänglichen, unkörperlichen, vernünftigen, von jeder irdischen Materie freien Wesen, zu einem geistigen Individuum und, sobald er ihn aus dem Nichtsein ins Sein [S. 456] gerufen, alsogleich zu einer reinen Braut und einem allheiligen Tempel für sich und seinen Vater gemacht. Das lehrt er selber deutlich, wenn er bekennt und spricht:62 Ich will in ihnen wohnen und unter ihnen wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.“

So ist die vollkommene und gereinigte Seele von Anfang an so geschaffen, daß sie das Bild des himmlischen Wortes in sich trug. Aber durch den Neid und die Eifersucht des Dämons, der das Böse liebt, gab sie sich aus eigener freier Wahl der Leidenschaft und dem Bösen hin und war, da sich Gott von ihr zurückzog, des Beschützers beraubt, leicht zu bewältigen und erlag rasch den Nachstellungen derer, die sie schon längst beneideten. Durch die Sturmwerkzeuge und Anschläge der unsichtbaren Feinde und geistigen Widersacher niedergeworfen, war ihr Sturz so gewaltig, daß von ihrer Tugend auch nicht ein Stein auf dem andern63 in ihr verblieb, und sie, der natürlichen Begriffe von Gott völlig beraubt, gänzlich tot am Boden lag. Die also Gefallene, die nach Gottes Bild geschaffen ward,64 hat nicht der Eber verwüstet, der aus den für uns sichtbaren Wäldern hervorbricht,65 sondern ein verderbenstiftender Dämon und vernunftbegabte Bestien, die sie unvermerkt durch die Leidenschaften, diese glühenden Pfeile ihrer Bosheit,66 in Flammen setzten und das wahrhaft göttliche Heiligtum Gottes im Feuer verbrannten und das Zelt seines Namens entweihten bis zum Erdboden.67 Sodann verscharrten sie die Unglückliche in einen großen Haufen herbeigeschaffter Erde und benahmen ihr alle Hoffnung auf Rettung. Doch ihr Beschützer, das gotterleuchtete und heilbringende Wort, stellte sie, nachdem sie die gebührende Strafe für ihre Sünden erlitten, von neuem wieder her, gehorsam der Menschenfreundlichkeit des allgütigen Vaters. Zuerst erkor es sich die Seelen der obersten Macht- [S. 457] haber und reinigte mit Hilfe dieser gottgeliebten Männer den ganzen Erdkreis von allen gottlosen und verderblichen Menschen und von den grausamen und gottverhaßten Tyrannen selbst. Sodann führte es die ihm wohlbekannten Männer, die vorher schon für all ihr Leben sich ihm geweiht und, wie bei wildem Gewittersturm im Verborgenen unter seiner Obhut Schutz gefunden, ans Licht und ehrte sie in gebührender Weise mit den herrlichen Gaben des Vaters. Durch sie reinigte und säuberte es mittels der eindringlichen Unterweisungen in seiner Lehre wie mit Hacke und Spaten die Seelen, die kurz zuvor noch mit dem mannigfachen Schutt und Unrat gottloser Verordnungen beschmutzt und überschüttet waren. Und nachdem es so den Ort euer aller Herzen rein und glänzend gestaltet, übergab es ihn dem allweisen und gottgeliebten Führer. Dieser, mit gutem Blick und Urteil in allem ausgestattet, weiß die Gesinnungen der ihm anvertrauten Seelen sehr wohl zu erkennen und zu unterscheiden. Vom ersten Tage an bis heute hat er sozusagen nie aufgehört zu bauen und fügt euch allen bald glänzendes Gold, bald lauteres und reines Silber, bald kostbare und wertvolle Steine68 ein, so daß sich wiederum eine heilige und geheimnisvolle Weissagung in den Taten an euch erfüllt, in der es heißt:69 „Siehe, ich bereite dir deinen Stein von Karfunkel, deine Grundmauern von Saphir, deine Zinnen von Jaspis, deine Tore von Kristall, deine Umfassung von Edelgestein, deine Söhne alle zu Gottbelehrten und deine Kinder zu Fülle des Friedens; und in Gerechtigkeit wirst du erbaut werden.“

Er baute in der Tat in Gerechtigkeit und teilte das ganze Volk nach Gebühr gemäß den Kräften, die den einzelnen eigen. Die einen umgab er mit der äußeren Umfassungsmauer, und dieser allein, d. h. er wappnete sie mit dem unfehlbaren Glauben — das war die übergroße Menge des Volkes, unfähig, einen stärkeren Bau [S. 458] zu tragen. Anderen wies er die Eingänge zum Hause zu mit dem Auftrage, an den Toren zu stehen und die Eintretenden an ihre Plätze zu führen. Diese könnte man passend als Torwege zum Tempel bezeichnen. Andere stützte er mit den ersten äußeren Säulen, die im Geviert um den Hof laufen, indem er ihnen das erste Verständnis der vier Evangelien beibrachte. Wieder andere sollten ihren Platz bereits zu beiden Seiten des königlichen Hauses haben. Es sind die Katechumenen, noch im Zustand des Wachsens und Fortschritts befindlich, gleichwohl aber nicht mehr weit entfernt vom Schauen der innersten Geheimnisse, das den Gläubigen gegönnt ist. Aus diesen nimmt er sodann die reinen Seelen, die durch das göttliche Bad gleich Gold geläutert wurden, und stützt die einen mit Säulen, die viel stärker sind als diese ganz äußeren, nämlich mit den innersten geheimnisvollen Lehren der Schrift, und erleuchtet die andern aus den für das Licht bestimmten Öffnungen.

Den ganzen Tempel schmückte er mit einem mächtigen Torbau, dem Preise des einen und einzigen Gottes und obersten Königs, wobei er zu beiden Seiten der unumschränkten Macht des Vaters Christus und den Heiligen Geist als die zweiten Strahlen des Lichtes setzte. Und letztlich zeigte er durch das ganze Haus hin den Glanz und die Helle der Wahrheit, die in jedem ist, überall und von allen Seiten her die lebendigen und starken und festen Steine70 der Seelen einfügend. So erstellt er aus allen das große und königliche Haus, strahlend und des Lichtes voll innen und außen. Denn nicht nur Seele und Geist, auch der Leib ward geschmückt mit der blütenreichen Zier der Keuschheit und Sittsamkeit.

In diesem Heiligtume stehen auch Throne und Bänke und Sitze sonder Zahl, so viel der Seelen sind, in denen die Gaben des göttlichen Geistes sich niedergelassen, wie sie vor langer Zeit den heiligen Aposteln und denen, [S. 459] die mit ihnen waren, „erschienen“. Es zeigten sich ihnen „zerteilte Zungen wie Feuer, und es ließ sich auf jeden von ihnen nieder.71 In dem obersten Vorsteher aber wohnt dem Rechte gemäß Christus in ganzer Fülle in denen, die den zweiten Rang nach ihm einnehmen entsprechend der Fassungskraft eines jeglichen, in Gaben der Macht Christi und des Heiligen Geistes.72 Auch möchten die Seelen dieses und jenes Sitze von Engeln sein, derer nämlich, denen sie je in Lehre und Obhut gegeben. Und was sollte der ehrwürdige und große und einzige Altar anderes sein als das fleckenlose Allerheiligste der Seele des gemeinsamen Priesters aller? Ihm zur Rechten steht der große Hohepriester des Alls, Jesus selbst, der Eingeborene Gottes, und nimmt von allen den wohlriechenden Weihrauch und die unblutigen und geistigen Opfer der Gebete mit heiterem Blick und offenen Händen entgegen und übergibt sie dem himmlischen Vater und dem Gott des Alls, indem er zuerst selbst ihn anbetet und allein dem Vater die schuldige Verehrung erweist, dann aber ihn bittet, daß er uns allen für immer gnädig und wohlwollend bleibe.

Das ist der große Tempel, welchen der große Schöpfer des Weltalls, das Wort, über den ganzen Erdkreis unter der Sonne errichtet und worin er hienieden zugleich ein geistiges Abbild dessen geschaffen, was jenseits des Himmelsgewölbes ist, damit sein Vater durch die ganze Schöpfung und alle vernünftigen Wesen verehrt und angebetet werde. Kein Sterblicher vermag nach Gebühr zu preisen das Land über den Himmeln, die dort ruhenden Urbilder der irdischen Dinge, das obere Jerusalem, wie es genannt wird,73 den himmlischen Berg Sion und die überirdische Stadt des lebendigen Gottes, in der zahllose Chöre von Engeln und die Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel eingeschrieben sind,74 ihren Schöpfer und den obersten Lenker des Weltalls in göttlichen Gesängen, die für uns unaussprechlich und un- [S. 460] begreiflich sind, verherrlichen. Denn „kein Auge hat gesehen und kein Ohr hat gehört und in keines Menschen Herzen ist gekommen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“75 Da wir indes dieser Dinge teilweise jetzt schon gewürdigt wurden, so wollen wir alle zusammen, Männer samt Weibern und Kindern, klein und groß, in einem Geiste und einer Seele unaufhörlich den Urheber dieser großen uns gewordenen Gnaden lobpreisen und verherrlichen; denn „er vergibt alle unsere Sünden, heilt alle unsere Krankheiten, errettet unser Leben vom Untergang, krönt uns mit Erbarmen und Gnade, erfüllt unser Verlangen mit Gütern; denn nicht handelte er an uns nach unseren Sünden, nicht vergalt er uns nach unseren Missetaten. Denn soweit der Aufgang vom Untergange entfernt ist, soweit hat er unsere Sünden von uns entfernt. Wie sich ein Vater seiner Söhne erbarmt, so erbarmte sich der Herr derer, die ihn fürchten.“76

Diese Dinge wollen wir jetzt und für alle Zukunft lebendig im Gedächtnisse verwahren! Bei Tag und bei Nacht, zu jeder Stunde und gewissermaßen bei jedem Atemzuge wollen wir den Urheber und Leiter der gegenwärtigen Versammlung und dieses freudigen und glänzenden Tages im Geiste vor Augen haben, mit ganzer Kraft der Seele ihn liebend und verehrend! Und nun lasset uns aufstehen und ihn mit lauter, von Herzen kommender Stimme bitten, daß er uns in seinem Schafstalle bis ans Ende beschütze und bewahre und uns seinen ewigen Frieden, fest und unerschütterlich, schenke in Jesus Christus, unserem Erlöser, durch den ihm die Ehre sei in alle Ewigkeit. Amen.

1: d. i. Eusebius selbst.
2: Exod. 35, 30 ff.
3: Apg. 2, 4, 10.
4: Ps. 43, 2.
5: Ebd. 135, 12.
6: Ps. 47, 9.
7: 1 Tim. 3, 15.
8: Ps. 86 3.
9: Ebd. 121, 1.
10: Ebd. 25, 8.
11: Ebd. 47,2.
12: Baruch 3, 24.
13: Ps. 44, 3.
14: Ebd. 71, 18.
15: Job 9, 10.
16: Dan. 2, 21.
17: Ps. 112. 7.
18: Luk. 1, 52 f.
19: Vgl. Ps. 135, 4. 17. 18. 23. 24.
20: μονώτατος
21: Hippokrates, Περὶ φυσῶν 1 (Bd. 6, S. 90 der Ausgabe von Littré). Vgl. Origenes, „Gegen Celsus“ IV 15.
22: Is. 53, 4. 5.
23: Is. 9, 6 (LXX).
24: Jos. 5, 14.
25: Ps. 32, 9.
26: Eph. 2, 20 f.; 1 Petr. 2, 5. 7.
27: Gemeint ist Bischof Paulinus.
28: Hebr. 7, 3.
29: Joh. 5, 19.
30: Exod. 31, 2 f.; 35, 30 f.
31: Ps. 57, 7.
32: Ebd. 8, 3.
33: τὰς πάλαι στήλαις ἱεραῖς καταγραφείσας προρρήσεις.
34: Ps. 36, 14 f.
35: Ebd. 9, 7. 6.
36: Ebd. 17, 42.
37: Ebd. 19, 9.
38: Ebd. 72, 20.
39: Is. 35, 1—4. 6. 7.
40: Ps. 73, 5—7.
41: Ebd. 79, 13 f.
42: Hebr. 12, 6.
43: d. i. Paulinus.
44: Matth. 24, 15.
45: Apg. 2, 10.
46: Vgl. Eusebius, Leben Konstantins III 37.
47: Diese Öffnungen versinnbilden, wie weiter unten gelehrt wird, die Erleuchtung durch das göttliche Licht.
48: Ps. 103, 16.
49: ἐξέδραι
50: οἶκοι
51: Vgl. Joh. 3, 5.
52: Oben S. 450 (Agg. 2, 10).
53: P. Mickley, „Die Konstantin-Kirchen im heiligen Lande“ (Leipzig 1923), übersetzt S. 25-28 (ohne Erläuterung) diese Beschreibung der Kirche von Tyrus.
54: Vgl. Phil. 3, 21; Hebr. 2, 9.
55: 1 Kor. 15, 42.
56: Is. 61, 10 f.
57: Ebd. 54, 4. 6—8.
58: Ebd. 51, 17. 18. 22, 23; 52, 1 f.
59: Is. 49, 18—21.
60: d. i. Paulinus.
61: Gen. 1, 26.
62: 2 Kor. 6, 16.
63: Luk. 21, 6.
64: Gen. 1, 26.
65: Vgl. Ps. 79, 14.
66: Vgl. Eph. 6, 16.
67: Vgl. Ps. 73, 7.
68: Vgl. 1 Kor. 3, 12.
69: Is. 54, 11—14.
70: Vgl. 1 Petr. 2, 5.
71: Apg. 2, 3.
72: Vgl. Hebr. 2, 4.
73: Gal. 4, 26.
74: Hebr. 12, 22 f.
75: 1 Kor. 2, 9.
76: Ps. 102, 3—5. 10. 12. 13.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Kirchengeschichte des Eusebius

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger