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Ambrosius von Mailand (340-397) - Exameron
Der fünfte Tag. Siebte und achte Homilie. (Gen 1,20-23)
X. Kapitel. Die Fische haben und behalten, nach Gattungen ausgesondert, ihre bestimmten Standorte: des Menschen Hab und Genußsucht kennt keine Grenzen. Der Wanderzug einiger Fischarten nach dem Pontus und deren Rückkehr gemäß dem göttlichen Naturgesetz. Die wunderbare Kraft sowie die große Gefährlichkeit einiger Fischgattungen.

29.

Gleichwohl gibt es einige Fischarten, die ihre Standorte wechseln, nicht aus Unbeständigkeit, sondern weil das Brutgeschäft es erheischt. Um nämlich zur rechten und festgesetzten Zeit hierfür Vorsorge zu treffen, sammeln sie sich wie auf eine gemeinsame Verabredung hin aus den zahlreichen Standorten und den verschiedenen Meeresbuchten, warten in Scharen geeint das Wehen des Nords ab und ziehen dann einem Naturgesetz folgend nach jenem Meere in den Mitternachtsgegenden. Man möchte sie, wenn man sie hinaufziehen sieht, für eine Golfströmung halten, so stürmen sie voran und durchschneiden die Flut im gewaltigen Vorwärtsdrängen durch die Propontis zum Schwarzen Meere wallend. Wer bringt den Fischen Kunde von diesen Gegenden, bestimmt ihnen die Zeitpunkte? Wer gibt ihnen die Reiseroute, die Zugordnung, Ziel und Zeit der Rückkehr an? Die Menschen freilich haben ihren Herrscher, dessen Befehles man gewärtig ist, dessen Kommmando ergeht, dessen Edikte den Untertanen in den Provinzen bekannt gegeben werden, um sich einzufinden; den Kriegstribunen wird schriftlich Anweisung zugeschlossen und Termin gestellt: und doch vermögen so manche zu den festgesetzten Terminen nicht zu erscheinen. Welcher Beherrscher gab nun den Fischen Befehl? Welcher Lehrer gibt jene Anleitung? Welche Meßbehörde zeichnet die Route vor? Welche Führer weisen den Weg, daß jeder eintrifft, keiner fehlt? Doch ich erkenne, wer jener Herrscher ist, der kraft göttlicher Anordnung allen Wesen seinen Willen in den Sinn legt, der schweigend stummen Tieren ihre natürlichen Verhaltungsmaßregeln erteilt, der nicht bloß das Große durchdringt, sondern auch jenem Kleinsten sich mitteilt. Der Fisch gehorcht dem göttlichen Gesetze, und die Menschen lehnen sich dagegen auf. Der Fisch fügt sich jederzeit den himmlischen Anordnungen, und die Menschen schlagen Gottes Gebote in den Wind. Oder dünkt dir etwa der Fisch verächtlich, weil er stumm ist und keine Vernunft hat? Doch sieh zu, daß du dir nicht noch viel verächtlicher vorkommen mußt, wenn du als unvernünftiger denn ein unvernünftiges Tier betroffen wirst! Was wäre indes vernünftiger als jener Wanderzug der Fische, dessen Zweckmäßigkeit sie zwar nicht mit Worten dartun, aber durch ihr Tun ausdrücken? Sie ziehen nämlich deshalb zur Sommerszeit zum Schwarzen Meere, weil dieses Becken mehr Flußwasser besitzt als jedes andere. Denn es verweilt bei ihm die Sonne nicht solange in der Flut als bei den übrigen. So kommt es, daß sie nicht alles Süß und Trinkwasser absorbiert! Wer aber wüßte nicht, daß auch die Seetiere gern an Süßwasser sich laben? Ziehen sie nun infolge dessen den Flüssen nach und deren Bett hinauf, werden sie häufig als fremde Fischarten gefangen. Schon dieser Grund macht ihnen den Pontus, bezw. das ständige Wehen des Nords daselbst, der die Hitze dämpft, annehmlicher; insbesondere aber halten sie ihn mehr als die übrigen [Meere] gheeignet zur Erzeugung und Aufzucht ihrer Brit darin. Weil aber die zarte Brut das rauhe Klima in der Fremde schwerlich ertragen könnte, während dort sanfte, milde Luft sie kost, daher treten sie nach Vollendung des Brutgeschäftes, alle gleichzeitig im gleichen Zuge, wie sie gekommen, den Heimweg an.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger