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, Allgemeine Einleitung. In: Des heiligen Kirchenlehrers Ambrosius von Mailand Exameron. Aus dem Lateinischen übersetzt von Dr. Joh. Ev. Niederhuber. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 17) München 1914.
Allgemeine Einleitung

1. Der Bischof.

Sein Leben.

[S. 7] Für den Lebensgang des hl. Ambrosius, des nach Augustins Zeugnis (Conf. V 13) „best- und weltbekannten Bischofs von Mailand“ (374—397), des ersten der vier großen abendländischen Kirchenlehrer, liefern die eigenen Briefe und Schriften das geschichtlich wertvollste Quellenmaterial. Die Mauriner haben im Anhang ihrer verdienstvollen Ambrosiusausgabe dasselbe zu einer förmlichen chronologisch geordneten Biographie des Heiligen ausgebaut1. Als zweite Hauptquelle reiht sich das auf Augustins Anregung verfaßte „Leben des heiligen Ambrosius“ aus der Feder seines Sekretärs Paulinus an2.

Ambrosius ward darnach um das Jahr 333 (oder 340) wahrscheinlich zu Trier geboren, woselbst sein gleichnamiger Vater das Amt eines Praefectus praetorio für Gallien bekleidete: der Sprößling eines vornehmen römischen Geschlechtes, das auf verdiente Staatsmänner, der Sohn eines christlichen Hauses, das auf mehrere Märtyrer zurückblicken konnte. Wahrheit und Dichtung deuten schon an der Wiege auf das Kind der Vorsehung. [S. 8] Bienen sollen sich auf des schlafenden Knaben Gesicht niedergelassen haben, durch den offenen Mund ein- und ausschwärmend (Paulin. c. 3): gleichsam die Vorboten der künftigen Beredsamkeit des „Honigmundes“.

Seine höhere Ausbildung genoß der heranwachsende Jüngling in Rom, wohin die Mutter nach des Vaters frühem Tod (354) mit den Kindern3 übergesiedelt war. Gleich dem Bruder widmete er sich der staatsmännischen Laufbahn, die ihn bei seinen ungewöhnlichen Fähigkeiten rasch von Erfolg zu Erfolg, von Stufe zu Stufe führte und um 370 zur Konsularwürde emportrug. Um 374 wurde ihm als Konsular von Aemilia und Liguria Mailand als Residenz angewiesen, dem seine politische und kulturelle Bedeutung längst die Hegemonie unter den norditalischen Städten und den Ehrennamen eines zweiten Rom, eines zweiten Athen eingetragen hatte. Hier sollte der Ahnungslose die Konsularwürde mit der Bischofswürde vertauschen.

Der Arianer Auxentius, welcher der überwiegend katholisch gesinnten Kirche Mailands vom Kaiserhofe 355 als Bischof aufgedrängt ward, starb 374, kurz nach [S. 9] der Ankunft des Ambrosius. Ein heftiger Streit entbrannte eben anläßlich der Bischofswahl zwischen den Katholiken und den Arianern. Der neue Konsular eilte herbei, seines Amtes zu walten zur Beschwichtigung der erregten Gemüter, zur Verhütung der drohenden Exzesse. „Da erscholl plötzlich aus dem Volke eine Kinderstimme: ‚Ambrosius Bischof!‛ Und die Augen des ganzen Volkes wendeten sich in der Richtung nach der Stimme Schall, und einmütig rief es: ,Ambrosius Bischof‛!“ (Paulin. c. 6). Noch war derselbe Katechumene, in der heiligen Wissenschaft Laie4. Vergebens sträubte er sich gegen die Wahl, vergebens schützte er Sündhaftigkeit vor, vergebens suchte er durch wiederholte Flucht sich derselben zu entziehen. Des Volkes Stimme war Gottes Stimme. Und „als er den Willen Gottes betreffs seiner und das Vergebliche seines Widersträubens erkannte, verlangte er die Taufe, doch nur aus der Hand eines katholischen Bischofs; denn er mied ängstlich den Unglauben der Arianer. Nach der Taufe nun erfüllte er, wie versichert wird, sämtliche kirchliche (Weihe-) Vorschriften und empfing am achten Tage5 die Bischofsweihe zur höchsten Befriedigung und Freude aller“ (Ebd. c. 9). Schon vorher hatte Kaiser Valentinian I. „mit größter Freude es aufgenommen, daß man einen von ihm bestellten Richter für das Priesteramt begehre“ (Ebd. c. 8)6.

Mit Ambrosius bestieg ein Kirchenfürst den Bischofsstuhl, in welchem die Tugend des alten Römers mit dem Geiste Christi zu vollendeter Einheit sich verband: Jeder Zoll ein Mann, ein Bischof, ein Heiliger. Mit einer sozialen Tat inaugurierte er den neuen Beruf. Der bis dahin an glänzende äußere Lebensverhältnisse [S. 10] gewöhnte Mann entsagte zugunsten der Armen und der Kirche seinem reichen väterlichen Vermögen und liegenden Besitze7. Für sich begnügte er sich mit einer Lebensweise, die ihm fortan mit kargen Händen kaum das zum Leben Notwendige bot8. Mit dem lauten Mahn- und Strafwort des nimmer ruhenden Sittenpredigers verband sich wirksamer noch das heroische Beispiel des entsagenden Aszeten, um einerseits dem steten Rückgang in der christlichen Liebestätigkeit zu steuern, andrerseits der zunehmenden Habsucht und Genußsucht in der üppigen Kaiserstadt zu wehren. Die herzlosen Lebemänner, welche, der Armen vergessend, mit den Stammbäumen ihrer Hunde und Pferde prahlten (De Nabuth. 13), rief er ebenso eindringlich zu christlicher Pflicht und Sitte, wie die Proletarier, die, ohne Tunika, ohne Geld zur Bestreitung des kommenden Tagesbedarfes, zur Begleichung ihrer Schuldigkeit an den Wirt, vor den Türen der Tabernen herumlungerten und an einem Tage den Arbeitsverdienst vieler Tage verzechten (De Elia 12). Den Armen aber träufelte sein Wort und Beispiel Trost und Mut in das zagende Herz, in des Lebens Not. Gerade die Armenpflege nahm einen großen Teil seiner Hirtensorge und Zeit in Anspruch. Ein Vater der Hilfsbedürftigen überhaupt hielt er sich jedem verbunden, der seines Dienstes begehrte9. Seine Türe stand des Tages jedem offen, dem Vornehmen wie dem Niedrigen, die unangemeldet eintreten konnten (Aug., Conf. VI 3). Und oftmals erübrigten dem tagüber von „Haufen Leuten“ (Ebd.) in Anspruch Genommenen nur die Stunden der Nacht zu Gebet10 und Studien.

Indes das Herzstück seiner seelsorglichen Tätigkeit [S. 11] war und blieb die Verkündigung des Gotteswortes. Sie trug seinen Ruf als Kanzelredner über Land und Meer. Eines ganz ungewöhnlichen Andranges, eines ganz ungewöhnlichen Erfolges erfreute sich denn auch sein Predigtwort. Vom Sturm der Begeisterung ergriffen, den es weckte, eilten nicht bloß von Placentia und Bologna, sondern selbst noch vom fernen Mauretanien Jungfrauen herbei, um in Mailand den Schleier zu nehmen. Einen Augustin zog es an, der, wie er selbst bekennt (Conf. V 13), „voll Spannung an (des Predigers) Worten hing . . . und an der Süßigkeit seines Vortrags sich ergötzte“, ja „seinem Mund allererst“ die Bekehrung verdankte (Ep. 147).

Seltene Gabe eines Genies! Ambrosius schien jedem einzelnen ganz zu gehören — und gehörte ganz allen. Er schien ganz in den engeren Kreis seines seelsorglichen Wirkens hineingebannt — und war ganz an die großen Aufgaben der Kirche hingegeben. Wo immer weit über Mailand und Italien hinaus große Gefahren und schwere Kämpfe wie Wetterleuchten durch die Kirche zucken, taucht seine überragende Persönlichkeit auf, Wort und Tat wie Wehr und Wall ihr leihend. Er ist der gewaltigste Vorkämpfer ihrer Alleinberechtigung wider die letzten krampfhaften Reaktionen des Heidentums, ihrer Selbständigkeit gegenüber der Staatsgewalt, ihrer Rechtgläubigkeit und Einheit wider Häresie und Schisma. Im Jahre 382 hatte Kaiser Gratian (375—383) sicherlich nicht ohne Einwirkung seines väterlichen Beraters Ambrosius die Staatsbeiträge für den heidnischen Kult zurückgenommen, dessen Tempelgüter und Privilegien eingezogen, das letzte Wahrzeichen des herrschenden Götterwahnes in Rom, die von Augustus im Sitzungssaale des Senats errichtete Bildsäule der Siegesgöttin beseitigen lassen. Die heidnische Mehrheitspartei der Kurie mit dem edlen Stadtpräfekten Symmachus als Wortführer an der Spitze machte sich auf den Weg zum Kaiser, um ihn zur Zurücknahme seiner Verordnungen zu bewegen. Eher als die Deputation erreichte der flammende Protest, den die christliche Senatsminorität dagegen erhob, das Ohr des Kaisers. Unter dem Eindruck desselben war es Ambrosius [S. 12] leicht, letzteren zu standhaftem Beharren bei seinen Entschließungen zu bestimmen. Ohne einer Audienz gewürdigt zu werden, mußte die Abordnung unverrichteter Sache nach Rom zurückkehren. Als unter Gratians Stiefbruder und Nachfolger Valentinian II. (383―392) der heidnische Senat den gleichen Versuch erneute, scheiterte derselbe wiederum an der Umsicht und Tatkraft des Bischofs, dessen persönlichen Opfern und diplomatischen Erfolgen der dreizehnjährige Kaiser unmittelbar zuvor den Thron zu verdanken hatte. Auf die Denkschrift des Symmachus (relatio Symmachi) an die Kaiser des Ost- und Westreiches antwortete er mit einer eingehenden Kritik und Widerlegung und sicherte von neuem den Triumph der Kirche über das sinkende Heidentum. Noch ein drittes Mal (388/89) bemühte sich der Senat, bei Theodosius d. Gr. jenen Lieblingswunsch durchzusetzen. Der Augenblick schien günstig, da dem Kaiser nach dem Siege über Maxentius daran gelegen sein mußte, seine Herrschaft im Westen mit Gnadenerweisen einzuführen und den Römern sich entgegenkommend zu zeigen. Auch diesmal siegte der Einfluß des Bischofs, der dem schwankenden Fürsten seine Meinung „unbedenklich ins Gesicht sagte“ und die Pflicht einschärfte, die ihm als Christen oblag (Ep. 57). Ein letzter Hoffnungsschimmer, der wie ein verglimmender Abendstrahl vom Waffenglück des Eugenius auf das Heidentum fiel, sollte mit dem Siege des großen Theodosius über den Usurpator nur zu rasch für immer verglimmen.

Wie die Seele ihrer Religionspolitik in entscheidenden Stunden, so war Ambrosius der väterliche Freund und Berater der Kaiser in wichtigen Angelegenheiten überhaupt und in Zeiten der Gefahr die festeste Stütze ihres Thrones. Der jugendliche Gratian und Valentinian II. waren ihm wie Söhne ergeben, und das Freundschaftsband, das ihn mit Theodosius (379―395) verknüpfte, schlang sich trotz vorübergehenden Lockerungen immer enger. Mit dem Verlangen nach Ambrosius im Herzen, mit dem Namen des Ambrosius auf den Lippen war Gratian 383, erst 24 Jahre alt, zu Lyon als Opfer treulosen Verrates unter Meuchlerhänden verblutet. Seine [S. 13] eigenen Legionen hatten bereits den ehrgeizigen Rebellen Maximus zum Augustus mit ausgerufen. In dieser äußerst kritischen Lage bewährte sich Ambrosius zum ersten Male dem Kaiserhause als der Retter in der Not. „Er war der erste Kirchenfürst, den die Kaiser anriefen, ihren wankenden Thron zu stützen“ (Bardenhewer). Selbst die Kaiserin - Mutter Justina, die so gehässige arianische Partnerin, verdemütigte sich und empfahl ihren Sohn und Mündel seiner erprobten Treue und erfahrenen Staatskunst. Er nahm in eigener Person die Gefahren und Strapazen der Gesandtschaftsreise nach Trier zum Kaisermörder und Thronprätendenten auf sich, brachte durch seine umsichtige Politik dessen letzte Pläne zum Scheitern und sicherte durch den Friedensschluß von 384 seinem kaiserlichen Schützling das Imperium: Maximus ward nicht Augustus des weströmischen Reiches, sondern nur Mitaugustus über Gallien, Spanien und Britannien. — Als letzterer zwei Jahre später (386) die schweren religionspolitischen Fehler des arianisierenden Mailänder Hofes (d. h. Justinas) und die hierüber entstandene Mißstimmung des katholischen Klerus und Volkes ausnützend als angeblicher Schützer und Retter der Orthodoxie seine Aspirationen auf die Alleinherrschaft erneute, durchschaute Ambrosius das politische Ränkespiel in religiöser Maske und trat wiederum seinem Siegeslauf hindernd in den Weg. Die ärgerlichen arianerfreundlichen Allüren des Kaiserhauses vermochten ihn ebensowenig in seinen loyalen Gesinnungen gegen die legitime Kaiserdynastie zu erschüttern, als die aufdringlichen Bemühungen des Maximus um die Orthodoxie ihn über dessen wahre politische Ziele hinwegtäuschten. Zum zweiten Male trat er für das von Maximus schwer bedrohte Kaiserhaus die Gesandtschaftsreise an dessen Hof in Trier an. Er vertrat voll Kraft und Würde des Valentinian Sache vor dem versammelten Konsistorium und wagte sogar, mehr Ankläger denn Bittender, den Usurpator öffentlich des Unrechts zu zeihen. Wohl mußte er anscheinend unverrichteter Dinge abziehen. Indes Maximus hatte sich überzeugen müssen, daß Italiens Bischöfe zu keinerlei Konspirationen, der Mailänder Kaiserhof zu [S. 14] keinerlei Konzessionen gewillt seien. Sein Einfall in Italien, der ihn schließlich dem Feldherrngenie eines Theodosius gegenüberstellte, endete für ihn mit dem Verluste von Thron und Leben. — Ein drittes Mal (392) rief die Not seines Kaisers den Bischof nach Gallien. In kriegerischen Unternehmungen daselbst begriffen, sollte Valentinian II., erst 21 Jahre alt, der ehrgeizigen Politik des treulosen Franken Arbogast zum Opfer fallen. Sehnlichst hatte es den Ahnenden und Fürchtenden noch nach dem Trost und Beistand des heiligen Bischofs, den Katechumenen nach der Taufe aus dessen Hand verlangt. Es war zu spät. Der Heilige vermochte nur die Leiche des Ermordeten nach Mailand zu überführen, wo er ihn in einer ergreifenden Leichenrede gleich Gratian als Bekenner-Kaiser feierte: Seine anfängliche Mißstimmung gegen den Bischof sei immer zärtlicherer Liebe, sein anfänglicher Weltsinn immer reiferem Tugendernste gewichen. Die frommen Schwestern aber an des tiefbetrauerten Bruders Bahre konnte er damit trösten, daß die Begierdtaufe als Ersatz der Wassertaufe demselben den sicheren Weg ins Paradies eröffnet habe.

Theodosius d. Gr., seit 394 durch den Sieg über Arbogast und dessen Schattenkaiser Eugenius bei Aquileja Alleinherrscher, würdigte als strenggläubiger Katholik von Anfang an Ambrosius seines hohen Vertrauens, seiner ehrlichen Freundschaft. Diese wurde freilich wiederholt auf harte Probe gestellt. Über Freundesrücksicht stand dem heiligen Bischof die Amtspflicht. Auch einem Theodosius gegenüber wahrt er mit unbestechlicher Gerechtigkeit und unbeugsamem Mut das höhere Recht der Kirche und deren Unabhängigkeit von der weltlichen Macht. Ja vielleicht wird eine pragmatische Geschichtsbetrachtung die ersten tiefen Wurzeln jener Kirchenhoheit der späteren Jahrhunderte gerade bei Ambrosius finden, der sie wie kein anderer Kirchenfürst vor Gregor d. Gr. vorbereiten half. Es war an sich von geringem Belang, wenn derselbe einst dem Kaiser den Ehrenplatz im Presbyterium der Kirche, den er im byzantinischen Osten gewohnt sein mochte, verweigerte. Indes ward dem Kaiser hierdurch [S. 15] klar bedeutet, daß Fürstenpurpur nicht Priesterrechte verleihe. Ernster gestaltete sich der Fall von Kallinikon am Euphrat. Der Kaiser hatte von Bischof und Gläubigen daselbst die Wiederherstellung der jüdischen Synagoge verlangt, die sie, von den Juden gereizt, 388 zerstört hatten. Ambrosius widersetzte sich dem Ansinnen in einer freimütigen Denkschrift an den Kaiser: er stelle damit den Bischof vor die Wahl, ein Verräter am Glauben oder ein Märtyrer desselben zu werden. Als der Kaiser bei seiner Verordnung zu beharren schien, benützte Ambrosius eine Predigt, um den anwesenden Kaiser in der Schlußapostrophe derselben förmlich um Amnestie für die Schuldigen zu bitten. Der Kaiser stellte wohl Milderung des Urteils in Aussicht. Ambrosius begnügte sich nicht. Er waltete nicht eher des heiligen Amtes am Altare, bis der Kaiser sein Wort auf Annullierung des Strafediktes verpfändete.

Einen noch schärferen Konflikt zwischen beiden Männern beschwor zwei Jahre später (390) das Blutbad zu Thessalonich herauf. Die Kunde, daß der Jähzorn des Kaisers zur Sühne der tumultuarischen Ermordung einiger Beamten gegen siebentausend Menschen ohne Unterschied des Alters und Geschlechtes dem Tode weihte, rief überall Bestürzung hervor. Auch des Ambrosius Herz blutete. Er verließ zunächst Mailand, um einer persönlichen Begegnung mit Theodosius aus dem Weg zu gehen. Gleichzeitig stellte er ihm in einem Schreiben ebenso freimütig wie eindringlich die Größe der Schuld und die Notwendigkeit der Buße vor die Seele. Mag die bekannte dramatische Szene vor dem Portale der Mailänder Kathedrale, wonach der Bischof den im Hofstaat zum Gottesdienst erscheinenden Kaiser (mit quer vorgehaltenem Stabe) vom Eintritt in die Kirche zurückwies und dessen Selbstentschuldigung mit der Antwort parierte: „Bist du David in der Sünde gefolgt, so folge ihm auch in der Buße“, in ihrer Geschichtlichkeit sehr dahingestellt bleiben11, soviel ist gewiß, daß er von demselben öffentliche Buße verlangte und hiervon ganz [S. 16] unzweideutig die kirchliche Gemeinschaft und die Teilnahme am Gottesdienste abhängig machte: „Ich wage nicht, das Opfer darzubringen, wenn du anwohnen wolltest“. Der Kaiser unterwarf sich denn auch der öffentlichen Kirchenbuße: „Er warf“, bezeugt Ambrosius selbst, „allen kaiserlichen Schmuck, den er trug, weg, beweinte in der Kirche öffentlich seine Sünde, die ihn auf das trügerische Zureden anderer übermannt hatte, und flehte unter Seufzen und Tränen um Vergebung. Wessen gewöhnliche Leute sich schämen, dessen schämte der Kaiser sich nicht: öffentlich Buße zu tun. Und auch später verging kein Tag, an dem er nicht schmerzlich jener Verirrung gedacht hätte“ (De obit. Theod.). Keine glänzendere Probe hätte die sittliche Größe des Kaisers bestehen können als diese Selbstverdemütigung. Kaum weniger glänzend bewährte sich dieselbe darin, daß der Bischof, der einem der großen alttestamentlichen Propheten vergleichbar für die Autorität des göttlichen Rechtes und der kirchlichen Ordnung dem Mächtigen der Erde gegenüber eingetreten war, in dessen Achtung12 und Freundschaft nur stieg. Und nichts störte fernerhin das vertraute, herzliche Verhältnis der beiden großen, ja größten Männer ihrer Zeit. Im Jahre 395 starb Theodosius, von niemand tiefer betrauert als von Ambrosius. Die Leichenrede, die er demselben hielt, ein rhetorisches Meisterwerk, bleibt das herrliche Denkmal der Liebe und Verehrung, das der heilige Bischof dem großen Theodosius für alle Zeiten gesetzt hat.

Die schwersten Kämpfe hatte Ambrosius mit dem Arianismus zu bestehen, der trotz seiner Niederlage bei der Bischofswahl noch einen starken Anhang in Mailand, besonders in den (germanischen) Hofkreisen besaß. Die Arianer waren der Wahl des wegen seines milden, konzilianten Wesens allgemein beliebten Statthalters zum Bischof nicht abgeneigt gewesen, hatten sich aber gründlich verrechnet, wenn sie von ihm auch in Glaubenssachen Nachsicht und Nachgiebigkeit [S. 17] erwarteten. Schon seine bestimmte Forderung, daß kein arianischer Bischof bei seiner Taufe zugezogen werde, ließ über seine Stellung zum Arianismus keinen Zweifel. Den Kampf wider denselben betrachtete er als seine Lebensaufgabe. Und derselbe endete mit Sieg auf allen Linien. Hierauf vor allem bezieht sich der Ausspruch des Hieronymus, der sonst mit seinem Lob auf Ambrosius so peinlich kargt: „Ganz Italien kehrt nun seit Aufstellung des Ambrosius (zum Bischof) in Mailand nach des Auxentius spätem Tode zur Rechtgläubigkeit zurück“. Schon 379 (oder 380) hatte Ambrosius durch seine persönliche Gegenwart und Autorität den Versuch der Arianer in Sirmium, unter Justinas Protektion einen Parteigänger auf den Bischofsstuhl zu erheben, vereitelt und die Wahl eines Anhängers des Nikänums durchgesetzt. Sein Verdienst war es überhaupt, wenn in den illyrischen Provinzen, einer Hauptdomäne des Arianismus, mehr und mehr die Orthodoxie obsiegte. Die Machinationen eines Palladius und Sekundianus, welche unter dem Schein der Rechtgläubigkeit dem Arianismus Vorspann leisteten und ihre Bischofsstühle zu behaupten suchten, durchschaute er mit klarem Blick. Das Konzil von Aquileja 381, das unter seiner Ägide den Glaubenskampf wider die Häresie führte, verurteilte dieselben einstimmig und entschied für immer die Niederlage des Arianismus im Abendlande, so kräftig da und dort, und gerade auch in Mailand, seine Nachzuckungen noch sein mochten.

Schon im Jahre 376 waren sämtliche Kirchen Mailands in den Besitz der Katholiken übergegangen. Als nun 385 die Kaiserin-Mutter die anscheinend bescheidene Forderung an die religiöse Toleranz des Kirchenfürsten stellte, den Arianern eine kleine Kirche (Portiana, später S. Victor) vor den Toren der Stadt zu überlassen, wies Ambrosius das Ansinnen entschieden zurück13. Der Arianismus war kirchlich verurteilt und durfte nicht auf kirchliche Duldung rechnen. Dem Kaiser, den Justina für ihre Pläne eingenommen hatte, hielt er bestimmt entgegen: „Man befiehlt mir: gib die [S. 18] Basilika heraus! Ich antworte: weder habe ich ein Recht zu deren Herausgabe, noch du, Kaiser, ein Interesse an deren Annahme. An keinem Privathause darfst du dich mit Recht vergreifen, ein Gotteshaus glaubst du wegnehmen zu dürfen? Gott, was Gottes ist, dem Kaiser, was des Kaisers ist (Matth. 22, 21)! Dem Kaiser gehören die Paläste, dem Priester die Kirchen“. Als sodann Justina „eine noch größere, die Neue Basilika“ (später S. Maria) für den Arianismus in Beschlag nehmen wollte, kam es zu tumultuarischen Zusammenstößen zwischen dem gläubigen Volk, das einmütig zu seinem Bischof stund, und dem Militär. Nicht die Geld- und Freiheitsstrafen, mit denen der übelberatene Hof den Widerstand des Volkes mehr reizte als dämpfte, sondern des Bischofs Mahnungen zum Frieden verhinderten das drohende Blutvergießen. „Wir sind hier (im Gotteshaus) um zu beten“, beschwichtigt er, „nicht um zu kämpfen.“ „Wir beten“, so kann er beifügen, „wir fürchten aber nicht.“ Wie wenig er fürchtete, beweist der Freimut, mit welchem er, ein Gefangener in der eigenen, von Soldaten belagerten Kirche, das Verhalten der Kaiserin geißelte14. Wohl aber fürchtete der Hof. Durch das Verhalten des Volkes und eines Teiles des Militärs eingeschüchtert, zog er die Soldaten zurück und mußte für diesmal nachgeben.

Der Funke glühte indes unter der Asche fort. Heftiger als zuvor entbrannte ein Jahr darauf (386) zur gleichen Osterzeit der Kampf. Ein arianischer Gegenbischof (Auxentius), eine Kreatur des Hofes, sammelte alle bischoffeindlichen Elemente in Mailand um sich. Der Kaiser selbst verfiel auf die unglückliche Idee, mittels der berüchtigten Formel von Arimini (359) die Parität zwischen beiden Bekenntnissen zu dekretieren und von neuem die Auslieferung einer Kirche an die Arianer zu verlangen. Ambrosius verweigerte letztere ebenso bestimmt15, wie er eine Disputation mit dem [S. 19] arianischen Gegner und des Kaisers Schiedsspruch entrüstet ablehnte16. Der Aufforderung, die Stadt zu verlassen, hält er entgegen, „es sei nicht seine Gepflogenheit, zu fliehen und seine Gemeinde zu verlassen“. Wiederum droht Gewalt. Wiederum zieht sich Ambrosius, von den treuen Volksscharen umringt, in die Hauptkirche zurück, die von der kaiserlichen Soldateska besetzt wird. Außen scheint der Arianer Sache zu obsiegen, innen führt Ambrosius die vernichtende Sprache wider deren Haupt; außen schlägt des Kaisers Gewalttat an das Heiligtum, innen weist des Bischofs Wort seine Macht in die Schranken: „Der Kaiser steht innerhalb der Kirche, nicht über der Kirche“; außen starren und klirren die Waffen roher Soldaten, innen erklärt der Heilige: „Meine Waffen sind meine Tränen; das ist des Priesters Schutz und Wehr; anderen Widerstand darf und kann ich nicht leisten“. Und „die fromme Gemeinde“, berichtet Augustin (Conf. IX 7),„verharrte in dieser heiligen Gefangenschaft des Nachts wachend in der Kirche, bereit zu sterben mit ihrem Bischof. Da ward der Hymnen- und Psalmengesang eingeführt nach morgenländischem Brauch, damit das Volk nicht vor Verdruß und Gram vergehe“ — ein glücklicher Gedanke, der nicht bloß für den Augenblick, sondern für alle Zukunft die religiöse Begeisterung des gläubigen Volkes beleben und die kirchliche Liturgie um einen der schönsten Juwelen bereichern sollte (sieh unten). An den Wänden der Kirche, oder vielmehr an der Standhaftigkeit des Bischofs und des Volkes prallte der letzte und hartnäckigste Vorstoß des Arianismus ab. Der Kaiserhof mied fortan jede Aktion zugunsten desselben. Er ward nur zu bald von wichtigeren Staatsangelegenheiten in Anspruch genommen, in denen er wiederholt [S. 20] des rettenden Eingreifens des angefeindeten Bischofs benötigte (sieh oben). Die tiefere Bedeutung des Kampfes aber lag in dem Sieg der kirchlichen Autonomie gegenüber der Staatsgewalt, in der Niederlage der byzantinischen Auffassung von der Oberhoheit des Kaisers auch über die kirchlich-religiöse Sphäre.

Einen Triumph höherer Art, wie durch ein Gottesurteil, erfuhr der schwergeprüfte Bekennerbischof in jenen Tagen durch die wunderbare Auffindung der noch blutbetauten Gebeine der berühmten Märtyrer und Stadtheiligen Gervasius und Protasius, die in feierlicher Prozession unter fast zahlloser Beteiligung und jubelnder Begeisterung des unter dem Eindruck auffallender Wunder stehenden Volkes nach S. Ambrogio übergeführt und daselbst beigesetzt wurden17. Mit freudiger Genugtuung konnte der Heilige in seiner Predigt hervorheben, wie Gott ihm, dem es versagt war, ein Märtyrer zu werden, die Gnade verliehen, Märtyrer aufzufinden. Einen noch größeren Triumph für die Kirche bedeutete die zu Ostern des folgenden Jahres (387) erfolgte Taufe des hl. Augustin durch Ambrosius. Augustin selbst erblickt in letzterem den „väterlichen Freund“, dem er allererst die Bekehrung verdanke, seine Mutter, die hl. Monika, den „Engel“, den die Vorsehung ihrem Sohne entgegengeführt habe (Conf. VI 1).

Am 4. April (Karsamstag) 397 entschlief Ambrosius, nicht bloß von der mailändischen, sondern von der ganzen Kirche tief betrauert. Selbst Heiden und Juden drängten sich mit den Gläubigen wetteifernd nach S. Ambrogio, woselbst die irdische Hülle des Verewigten aufgebahrt lag. Sein Sterben war wie sein Leben das eines Heiligen. „Die Arme in Kreuzesform ausgestreckt“, harrte er betend des letzten Augenblickes und „gab nach Empfang und Genuß des heiligen Leibes des Herrn den Geist auf. . ., um sich nunmehr der Gemeinschaft der Engel zu freuen, deren Leben er auf Erden gelebt“ (Paulin. c. 47). Von manchen Wundern noch weiß sein Biograph zu erzählen, die vorausgehend und [S. 21] nachfolgend seinen Tod verklärten und die Kunde hiervon in die Welt hinaustrugen. Ein Denkmal, dauernder denn Erz, setzte er sich selbst in dem literarischen Nachlasse, den er der Kirche schenkte und der Gemeingut der Gläubigen aller Zungen und aller Zeiten geworden ist.

1: Migne P. L. XIV 65—114.
2: Migne, 1. c. 27—46. Über die griechischen Lebensbeschreibungen und deren Quellen verbreitet sich der Bollandist Fr. van Ortroy in den Ambrosiana, Mailand 1897, 4. Abh. Die wichtigeren neuen Lebensdarstellungen und Einzeluntersuchungen verzeichnet Bardenhewer, Geschichte der altkirchl. Literatur III 501, Freiburg 1912. Speziell seien hervorgehoben Förster, Ambrosius, Bischof von Mailand, Halle 1884 und Ihm, Studia Ambrosiana (XVII. Suppl.-Bd. der Jahrbb. f. klass. Philol.), Leipzig 1890, welche (außer Bardenhewer) für den biographischen und literargeschichtlichen Teil der obigen allgemeinen Einleitung besonders fördernden Dienst leisteten.
3: Ambr. hatte noch zwei ältere Geschwisterte, eine Schwester, Marcellina, und einen Bruder, Satyrus. Beiden war er zeitlebens mit der zärtlichsten und vertrautesten Liebe zugetan. Marcellina empfing zu Weihnachten 353 zu Rom aus der Hand des Papstes Liberius, dessen Ansprache Ambr. der Nachwelt aufbewahrte (De virg. III 1, 1 ff.), den Schleier der gottgeweihten Jungfrauen. Später finden wir sie in der Nähe ihres Bruders in Mailand. Aus ihrem vertrauten Verkehr mochte sich in der Seele des Jünglings die reine Flamme jener begeisterten Liebe zur Jungfräulichkeit entzündet haben, die nachmals den Mann und Bischof in so hohem Grade zierte. — Satyrus, dem Bruder ob der „fast gleichen Gesichtszüge“ zum Verwechseln ähnlich (De exc. fr. I 37 ff.), aber auch an innerem Geistesadel ihm nächstverwandt, war in allem sein intimster Berater, sein unzertrennlichster Gefährte und der treueste Verwalter seines Haushaltes wie der kirchlichen Güter. Von einer Geschäfts- und Seereise aus schwerem Schiffbruch krank zurückgekehrt, ward er allzu früh durch den Tod von seiner Seite gerissen. Sein Bild, mit einzig schönen Zügen echtester Menschlichkeit, zärtlichster Bruderliebe, hingebenster Glaubenszuversicht gezeichnet, verewigte er im literarischen Doppelmonumente seiner Trauer- und Trostrede auf ihn.
4: „So kam es, daß ich, bevor ich lernte, anfing zu lehren. Lernen und lehren zugleich mußte ich sonach, da mir zu einem vorausgängigen Lernen keine Zeit erübrigte.“ De off. I 1, 4.
5: Wahrscheinlich am 7. Dezember 374, an welchem das Fest des Heiligen kirchlich begangen wird. Vgl. Ep. 4, 2.
6: Paulinus (c. 8) erinnert in diesem Zusammenhang auch an das bekannte Wort, das der Prätorianerpräfekt Probus an den von Rom scheidenden Konsular gesprochen haben soll: „Geh! handle nicht wie ein Richter, sondern wie ein Bischof!“
7: Der Schwester nur reservierte er eine Rente hieraus. Satyrus übernahm die Verwaltung der Güter und überhob hierdurch den Heiligen der Sorge um die Temporalien.
8: Über den „Mann der vielen Enthaltsamkeit“ und „des täglichen Fastens“ vgl. Paulin. c. 38.
9: So trug er kein Bedenken, zum Loskaufe von Gefangenen einmal die heiligen Gefäße der Kirche zu verkaufen, was freilich einigen Unwillen in Mailand erregte. De off. II 28, 136.
10: Den „großen Gebetseifer bei Tag und Nacht“ rühmt auch Paulinus (c. 38) am Heiligen.
11: Die Literatur zur neuentbrannten Kontroverse bei Bardenhewer III 501.
12: Nichts könnte diese Achtung charakteristischer ausdrücken als des Theodosius glaubhafter Ausspruch selbst: „Ich kenne nur einen, der würdig ist, Bischof zu sein, nämlich Ambrosius.“
13: Über die folgenden Kämpfe vgl. Ep. 20 und 21.
14: Den Hinweis auf Eva, die den Mann verführte, auf Jezabel, die den Elias verfolgte, auf Herodias, die des Täufers Haupt forderte, konnte niemand anders deuten.
15: „Naboth wollte das Erbe seiner Väter nicht herausgeben, und ich sollte das Erbe Christi übergeben?“
16: „Wann, fragt er, hast du, gnädigster Kaiser, je gehört, daß in einer Glaubenssache Laien über den Bischof zu Gericht saßen? Ein Laie soll Sprecher, der Bischof Hörer, der Bischof des Laien Schüler sein? Fürwahr doch, wenn wir uns den Inhalt der göttlichen Schriften oder die alten Zeiten vergegenwärtigen, wer könnte leugnen, daß in Glaubenssachen, ich wiederhole ,in Glaubenssachen‛, die Bischöfe über die christlichen Kaiser, nicht die Kaiser über die Bischöfe zu Gericht saßen?“
17: Vgl. des Ambrosius ausführlichen Bericht hierüber (Ep. 22) an seine Schwester Marcellina.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger